Review: DIE HAND - Die rechte Hand des Teufels

Erstellt am 31. Juli 2015 von Die Drei Muscheln @DieDreiMuscheln

                                                                                
Fakten:Die Hand (The Hand)USA, 1981. Regie: Oliver Stone. Buch: Oliver Stone, Marc Brandel (Vorlage). Mit: Michael Caine, Andrea Marcovicci, Annie McEnroe, Bruce McGill, Viveca Lindfors, Rosemary Murphy, Mara Hobel, Pat Corley, Nicholas Hormann, Charles Fleischer u.a. Länge: 100 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.
Story:Comiczeichner Jonathan Lansdale verliert bei einem Unfall seine rechte Hand und somit seine Existenzgrundlage. Und das, wo seine Ehe gerade sowieso auf sehr wackligen Beinen steht. Als er einen Job als Dozent in Kalifornien angeboten bekommt, reißt er zunächst allein dorthin und beginnt einer Affäre mit der Studentin Stella. Doch seit dem Unfall wird er von Blackouts und Halluzinationen geplagt, in denen seine abgetrennte Hand ein Eigenleben entwickelt hat. Verliert er den Verstand oder geht hier tatsächlich etwas Übernatürliches vor sich?
  
Meinung:-„Woher weiß die Eidechse das ich das tue, wenn sie keinen Kopf hat?“-„Das sind nur Reflexe. Ich glaube nicht, dass das noch gelebt hat.“
„Die Hand“ zählt zu den wenig bekannten Regiearbeiten von Oliver Stone und ist neben seinem (noch unbekannteren) Debütfilm „Die Herrscherin des Bösen“ (1974) sein einziger Ausflug in die Welt des Horrorfilms und Psychothrillers. Den großen Durchbruch als Regisseur erlang er wenige Jahre später durch politisch und gesellschaftlich kritische Filme „Salvador“, „Platoon“ oder „Wall Street“.Zuvor war Stone „nur“ durch sein Oscar-prämiertes Skript zu „Midnight Express“ der breiten Öffentlichkeit aufgefallen und „Die Hand“ ändert daran zunächst nicht viel, obwohl man mit Michael Caine einen gestandenen und fähigen Hauptdarsteller gewinnen konnte (der drehte zu der Zeit allerdings auch gerne mal groben Unfug, siehe „Freibeuter des Todes“).

Da fliegt das Aua...

Der verhältnismäßig geringe Erfolg der Produktion lässt sich sicherlich zu einem nicht geringen Anteil darauf begründen, dass die Geschichte im ersten Moment nach albernen B-Horror-Trash anhört. Eine abgetrennte Hand, die die Drecksarbeit für ihren „Vorbesitzer“ erledigt, zu der er zu feige bzw. zu anständig ist? Naja, da liegen die Erwartungen eher niedrig, außer man mag solchen Quatsch, viel mehr dürfte da nicht auf das Publikum lauern. Ganz freisprechen von dem Faktor Trash lässt sich „Die Hand“ unter dem Strich auch nicht, allerdings nur am Rande, nicht so wie befürchtet und wenn feinster, erlesenster Edel-Trash, der weitaus hintergründiger, subversiver und vor allem deutlich besser umgesetzt ist, als man erahnen könnte. Der junge Oliver Stone erinnert in seiner eleganten, enorm stimmungsvoller Inszenierung von düsterem Suspense an die Werke des jungen Brian De Palma (in dessen „Dressed to Kill“ ein Jahr zuvor Michael Caine ebenfalls die Hauptrolle spielte), thematisch bewegt er sich auf Augenhöhe mit dem jungen David Cronenberg. Doppelbödiger Body-Horror mit stark sexualisierten Subtext, der hinter seinem augenscheinlich primitiven Horrorplot eine ganz andere Geschichte zwischen den Zeilen erzählt. Die Hand des Comiczeichners bekommt einen phallischen Status, der Verlust seines „besten Stücks“ kommt einer Kastration gleich. Er verliert nicht nur ein Körperteil, nicht nur seine Existenzgrundlage, er verliert das, über was er sich als Mensch, Individuum und besonders auch als Mann definiert hat. Gerade jetzt, wo ihm seine Frau mit Trennung droht und ihm auch nach dem Unglück, obwohl man sich notgedrungen nochmal zusammenrauft, deutlich Hörner aufsetzt, ihm mit dem Entzug von Zuneigung und Respekt straft.

Sprich mit der Hand.

Oliver Stone – der auch das Drehbuch nach einem Roman von Marc Brandel verfasste – geht dabei geschickt vor, den Zuschauer bis zum letzten Moment im Unklaren zu lassen, was denn nun die Wahrheit hinter dem Geschehen ist. Wenn wir die Hand in Aktion erleben, wird es als surreal-albtraumhafte Sequenz dargestellt (in einer von ihnen wird Stone selbst als besoffener Obdachloser ihr Opfer), der Protagonist als labiles Wrack, der mit Halluzinationen und Blackouts zu kämpfen hat. Was erleben wir hier? Eine Hand, die ein autonomes Eigenleben entwickelt hat? Ein Körperteil, das wie der Schwanz einer Eidechse reflexartig handelt oder doch gar durch das Unterbewusstsein seines „Herren“ ferngesteuert wird? Oder einfach nur einen kranken, traumatisierten Mann, der seine eigenen Taten psychotisch verdrängt? Alles scheint möglich, mal mehr, mal weniger, von Stone hervorragend umgesetzt. Seine Bilder und Einstellung haben echte Klasse, der schaurige Score von James Horner findet dafür den passenden, akustischen Rahmen, selbst die wenigen Spezialeffekte sind großartig. Das alles krönt ein fantastischer Michael Caine, der sich die Seele aus dem Leib spielt. Ohne ihn würde der Film kaum seine Wirkung in die richtige Richtung entfalten können. Er verkörpert einen physisch sichtbar und psychisch nur zu erahnen verkrüppelten Mann im Fiebertraum von Wahn und Wirklichkeit beeindruckend, auf den Punkt. Mal aufbrausend, mal ruhig, aber jederzeit brodelnd, was der Verwirrungstaktik von Stone optimal in die Karten spielt. Zwischen Gewissheit und Zweifel pendelt er hin und her und entlässt mit dem idealen Ende, das die vorher gestellten Weichen wieder in eine Gabelung verwandelt.
Bei allem berechtigten Lob: Natürlich hat der Film unter einem strengen Blickwinkel mehr Hand (aha) als Fuß, strickt schon ein sehr grobmaschiges Muster aus der psychologischen Waschküche zusammen, doch den Anspruch auf ein glaubhaftes Psychodrama verfolgt er wohl auch nicht ernsthaft. Dafür ist das wunderbar arrangiert, jederzeit spannend und übertrifft die leicht skeptischen Prognosen deutlich. Mit derart Geschichten kann man blitzschnell radikalen Schiffbruch erleiden, Oliver Stone macht daraus eine sehr sehenswerten und bald sträflich unterschätzen Film, der sich kaum bis gar nicht hinter den bereits erwähnten Werken eines David Cronenberg wie „Shivers“, „Rabid“ oder „Die Brut“ verstecken muss. Tolles Ding, dass Oliver Stone auch ein „Händchen“ für derartige Genrefilme hat(te), verblüffend. Generell scheinen sich bei ihm in den letzten Jahren die Spätfolgen seines exzessiven Leben zu zeigen. Entweder sollte er weniger Drogen nehmen oder wieder damit anfangen, den „World Trade Center“- oder „Savages“-Stone braucht doch kein Mensch.
7 von 10 Phantomschmerzen