Remarque, Erich Maria: Arc de Triomphe

Die Kehrseite an einem literarischem Welterfolg  ist die zwangsläufig alleinige Assoziierung mit diesem. Remarque ist in diesem Sinne untrennbar mit „Im Westen nichts Neues“ verbunden. Das muss aufgrund der unbestrittenen Qualität nicht unbedingt etwas Schlechtes sein, eine ausschließliche Reduzierung darauf wäre jedoch ein Fehler, wie „Arc de Triomphe“  eindrucksvoll zeigt.


Klappentext

Paris, am Vorabend des Zweiten Weltkrieges: Der aus dem KZ geflohene Arzt Ravic ist in den Gassen der französischen Hauptstadt untergetaucht. Als er auf seinen Peiniger, den Gestapo-Agenten Haake stößt, sieht sich Ravic plötzlich dem Mann gegenüber, der das verhasste Unrechtsregime verkörpert. Aber es gibt auch eine persönliche Rechnung zu begleichen, denn Haake hat den Tod der geliebten Frau auf dem Gewissen.

Der erste Satz

Die Frau kam schräg auf Ravic zu.


Betrachtet man Remarques Gesamtwerk, fällt „Arc de Triomphe“ etwas aus der Reihe. So viel Plot ist eher untypisch für den Autor, der sich in seinen bekanntesten Werken der alles umfassenden Unmenschlichkeit im Krieg widmet oder der anschließenden Unmöglichkeit eines Weitermachens nach dem Schlachten nachspürt. In seinem im Exil verfassten und 1946 erschienen Buch über einen in Paris untergeschlüpften deutschen Arzt schlägt er einen leicht veränderten Ton an: zwar ist die immerwährende Mahnung an alle künftigen Generationen immer noch vorhanden, tritt aber zurück hinter ein meisterlich geschriebenes Emigrantenlos, das individuelles Schicksal mit der Anspannung eines ganzen Kontinents vor dem anrückenden Krieg vereint. Auch Ravic ist von den erlittenen Qualen im KZ gezeichnet und durch den brutalen Tod seiner Frau unter der Folter innerlich abgestumpft, aber im Gegensatz zu vielen seiner anderen Romanfiguren fehlt ihm deren innere Zerrissenheit und deren naiver Wunsch nach einem Ungeschehenmachen. Sein bisheriges Leben ist unwiederbringlich zerstört. Ravic akzeptiert das illusionslos und hat sich in der Rolle des einsamen Wolfes eingerichtet, als Joan Madou seinen Weg kreuzt.

Verloren und suizidgefährdet ist sie auf der Suche nach Halt und spricht damit Ravic‘ Beschützerinstinkt an. Nahezu zwangsläufig entwickelt sich zwischen beiden eine einseitige und daher unmögliche Liebe. Madou weckt in ihm die verloren geglaubte Fähigkeit zu lieben, doch ihre Obsession nach einem bürgerlichen Leben in Sicherheit und Luxus steht in krassem Widerspruch zu dem Leben, das Ravic ihr bieten kann und das aus billigen Absteigen, Alkohol und der ständigen Angst vor Entdeckung durch die Behörden besteht. Das allein würde als Rahmenhandlung bereits ausreichen, aber Remarque reichert „Arc de Triomphe“ noch um einen zweiten Handlungsstrang an.

Kurz vor der anstehenden Invasion ist Paris durchsetzt mit deutschen Agenten. Einer von ihnen ist Haake – der Gestapo-Folterknecht, der Ravic‘ einstigem Leben ein Ende bereitete. Nach anfänglichem Entsetzen setzt sich in ihm mit dem schmerzvollen Aufreißens einer nie verheilten Wunde der unbedingte Wille durch, gleiches mit gleichem zu vergelten und Haake zu töten. Ravic hat Leid erfahren, aber er ist kein Mörder. Als Chirurg besitzt er einen kühlen Kopf und ist Blut gewohnt, aber Ravic ist nicht kaltblütig. Er ist ein Mensch, der töten muss um seinen Frieden zu finden, der aber zugleich von moralischen Skrupeln und Ängsten innerlich verzehrt wird. Eine dichtere und psychologisch eindrucksvollere Beschreibung des Vorfelds eines Mords habe ich zuvor nur einmal gelesen – in Dostojewskis „Schuld und Sühne“. Nachvollziehbarer und emphatischer kann die unabdingbare Notwendigkeit zu einem Gewaltverbrechen nicht in Worte gefasst werden. Sicherlich kann man bezüglich der inneren Haltung zur Tat geteilter Meinung sein, eine große schriftstellerische Leistung ist es allemal.

Entfernt man sich von der reinen Handlung, ist „Arc de Triomphe“ noch aus anderem Grund lesenswert. Remarque gelingt es in wundervoller Art, das alte, unverfälschte und lebenshungrige Paris der 1930er Jahre zum Leben zu erwecken. Seine Sätze feiern ein Paris, das sich seinem Ende bewusst ist und in einem letzten Sommer voller Gelassenheit das Leben und die Liebe zelebriert. Die Seiten sind durchzogen von einem Paris der Cafés im Sommerregen, der Kaschemmen der Taxifahrer, der Gemeinschaft der Intellektuellen und Huren und nicht zuletzt der lauen Nächte, in denen man wach liegen bleiben möchte und in denen durch das geöffnete Fenster die Melancholie einer ganzen Lebenshaltung ins Zimmer schwappt.


Was bleibt?

Es gibt Bücher, in denen man leben kann. Bücher, in denen Handlung, Ort und Personen eine so glaubhafte Einheit bilden, dass die Realität beim Lesen verschwimmt und nach dem Lesen für immer ein Abdruck verbleibt. „Arc de Triomphe“ ist so ein Buch für mich. Sehr wahrscheinlich ist es Remarques untypischster Roman; garantiert jedoch mein liebster.

Remarque, Erich Maria: Arc de Triomphe. Erstmals erschienen 1945.

Taschenbuchausgabe: Kiepenheuer & Witsch. 512 Seiten. ISBN 978-3-462-02723-5. € 9,99.


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