Reisedepeschen: Es lohnt sich wieder, Reiseblogs zu lesen

reisedepeschen_karte

 

Ich hatte ja fast schon alle Hoffnung fahren lassen.

Reiseblog  – dieses Wort klang mal spannend. Es versprach Neues, Reisejournalismus in der ersten Person. Getrieben von Neugier und Lust auf das Fremde, das Andere, die Welt. Subjektive Blicke auf Länder und Menschen. Noch nie Gesehenes oder Bekanntes neu erzählt, anders fotografiert und gefilmt. Erlebnisse von unterwegs, Eintauchen in den Alltag, Türen öffnen und hinter Wände linsen. Und weil Blogger nicht die Erwartungen einer Redaktion oder eines Verlags bedienen müssen, weil sie frei sind von Genres und den Limits, die herkömmliches Print nun mal mit sich bringt, würden sie was riskieren, würden wirklich neue Wege gehen (auch ein Klischee, schon klar – aber mit einem wahren Kern).

Das war meine Hoffnung.

Also füllte sich mein RSS-Reader mit Blogs. Und ich las und suchte – und die Hoffnung starb und endete in Enttäuschung und Illusion. Es gibt zwar schon Ausnahmen hier und da, doch im Grunde machen Reiseblogger genau das, was ihre – gern verteufelten – Kollegen aus der Papier-Abteilung schon lange machen: Sie lassen sich von der Reiseindustrie einladen und schreiben und fotografieren und posten brav über das, was ihnen da vorgesetzt wird. Da ist dann – Überraschung! – das Essen superlecker, das Hotel fantastisch, das Reiseziel ein unentdecktes Paradies. Von Dubai bis Finnland, von Katalonien bis zur Gourmettour in Frankreich: Wenn auf fünf, sechs Blogs  gleichzeitig Fotos und Texte über dieselbe Destination auftauchen, absolut austauschbar und konventionell und im gehobenen Kitsch-Sound, dann wissen wir mal wieder: Leute, Hammer-Reise hier, einmalig, amazing, ihr glaubt es nicht.

Doch jetzt ist die Hoffnung zurück.

Johannes Paul hat sein neues Projekt Reisedepeschen gestartet. Schon mit seinem Solo-Unternehmen Reisedepesche ragte er aus der aufkommenden Welle der Reiseblogs weit und hoch heraus, bekam dafür verdientermaßen den Grimme Online Award. Nun hat er der Depesche ein ‚n“ am Wortende spendiert und versammelt auf dem Portal „ausgezeichnete Reiseberichte aus aller Welt“. Aktuell sind bei den Reisedepeschen ein Dutzend Blogger vertreten, und ich habe gar nicht so viel Zeit, wie ich dort surfen und lesen und betrachten möchte. Die Reisedepeschen erobern gerade den ursprünglichen Sinn des Begriffs Blog zurück: Reisejournalismus in der ersten Person. Getrieben von Neugier und Lust auf das Fremde, das Andere, die Welt.

Grafisch ist die Site dezent und zurückhaltend. So kommt die erste Stärke zum Tragen: die Fotografie. Es gibt zwar ein Qualitätsgefälle unter den Bloggern auf den Reisedepeschen, doch hier arbeiten Leute, die nicht einfach nur ein schales „wow, geil hier!“ erzeugen wollen oder mir den trillionsten Sonnenuntergang zeigen. Die Bilder sind nicht nur bloße Illus, sie sind integraler Bestandteil des Storytelling.

Endlich finde ich aber auch Texte, die mich nicht nach den ersten zwei Sätzen langweilen. Lest zum Beispiel, wie Markus Steiner mit dem Indian Pacific durch Australien fährt oder wie Jutta Pilgrim mit ihrem Vorspann ein Totenfest auf Sulawesi vorstellt. Oder wie Philipp Laage auf seine Interrailer-Touren zurückblickt. Wie gesagt: Viel Zeit müsste man haben, viel mehr.

Gratulation, Johannes, zu diesem Start – und viel Erfolg für die Reisedepeschen!


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Fotohausaufgabe | Feb| ’20