Reim des Tages: Erich Kästner

Hamlets Geist – von Erich Kästner

Gustav Renner war bestimmt
die beste Kraft am Toggenburger Stadttheater.
Alle kannten seine weiße Weste,
alle kannten ihn als Heldenvater.

Alle lobten ihn, sogar die Kenner,
und die Damen fanden ihn sogar noch schlank.
Schade war nur, dass sich Gustav Renner,
wenn er Geld besaß, enorm betrank.

Eines Abends, als man Hamlet gab,
spielte er den Geist von Hamlets Vater,
und was man nur Dummes tun kann, tat er.
Hamlet war aufs äußerste bestürzt,
denn der Geist fiel gänzlich aus der Rolle,
und die Szene wurde abgekürzt.

Renner fragte, was man von ihm wolle?
Man versuchte hinter den Kulissen
ihn von seinem Rausche zu befreien,
legte ihn lang hin und gab ihm Kissen,
und dabei schlief Gustav Renner ein.

Die Kollegen spielten nun exakt,
weil er schlief und sie nicht länger störte.
Doch er kam! Und Zwar im nächsten Akt,
wo er absolut nicht hingehörte.

Seiner Gattin trat er auf den Fuß,
seinem Sohn zerbrach er das Florett,
und er tanzte mit Ophelia Blues,
und den König schmiss er ins Parkett.

Alle zitterten und rissen aus,
doch dem Publikum war das egal;
so etwas von donnerndem Applaus
gab’s in Toggenburg zum ersten Mal.
Und die meisten Toggenburger fanden:
Endlich hätten sie das Stück verstanden.

Der Humorist mit den vielen Talenten: Theaterstücke, Gedichte, Kinderbücher, Romane. Kästner war einer vielseitigsten Künstler seiner Zeit (1899-1974). Ausgezeichnet wurde er unter anderem mit dem Georg Büchner Preis. Die bekanntesten Werke: Emil und die Detektive, Pünktchen und Anton, Fabian – die Geschichte eines Moralisten, Das fliegende Klassenzimmer, Das doppelte Lottchen, Drei Männer im Schnee.

Erich Kästner Denkmal in Dresden

Erich Kästner Denkmal in Dresden

Foto: Martin Rö[email protected]


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