Red Dead Redemption 2 im Test – Ein Nerd im Wilden Westen

Wir schreiben das Jahr 2010. Es ist Herbst. Ich habe gerade mein duales Bachelor-Studium begonnen und kaufe mir von meinem ersten Gehalt einen HD-fähigen TV und eine PlayStation 3. Eines meiner ersten Spiele wird Red Dead Redemption sein und mich für sehr lange Zeit gespannt vor den Fernseher bannen. Die Grafik und Atmosphäre suchten bis dato seinesgleichen und der sonst vernachlässigte Online-Modus erlaubte es guten Freunden und mir, gemeinsam, Stunde um Stunde, Würfelpoker zu spielen. Das ist nun schon acht verdammt lange Jahre her und endlich sitzen wir hier und halten diese fantastische Fortsetzung in unseren Händen. Die Erwartungen konnten jahrelang gedeihen und somit ins Unermessliche steigen. Was für viele Titel der sichere Absturz bedeuten würde, ist für die Entwickler von Rockstar Games Ansporn und Bestimmung zugleich. Sie liefern mit Red Dead Redemption 2 ein Meisterwerk ohnegleichen. Und trotzdem werden sie nicht alle Spieler vollends überzeugen. Warum das auch zum Teil auf mich zutrifft, erfahrt ihr in meinem Test.

Die alte Gang

Red Dead Redemption 2 im Test – Ein Nerd im Wilden Westen

Nachdem Rockstar Games verkündete, dass Red Dead Redemption 2 zeitlich vor dem Vorgänger spielen wird, war die Hoffnung in mir groß, erneut in die Rolle des für mich sympathischen John Marston zu schlüpfen. Schließlich habe ich mit ihm zahlreiche Spielstunden verbracht und die Atmosphäre und Geschichte förmlich aufgesogen. Es kam jedoch anders, sodass wir mit Arthur Morgan einen unverbrauchten aber nicht weniger sympathischen Charakter vorgesetzt bekommen. Wir sind Teil der Dutch-van-der-Linde-Bande, welche Spielern des Vorgängers nicht gänzlich unbekannt sein dürfte. Rockstar Games hat die Story um Arthur Morgan so aufgebaut, dass auch Neuankömmlinge ohne Probleme einsteigen können. Den einen oder anderen Sidekick nimmt man aber nur mit, wenn man Red Dead Redemption gespielt hat. Ein nettes Gimmick bringt Arthur mit seinem Tagebuch mit, in dem er Zeichnungen und kurze Zusammenfassungen des bisher Erlebten verewigt.

Red Dead Redemption 2 im Test – Ein Nerd im Wilden Westen

Direkt zu Beginn der rund 60-stündigen Story werden Fragen aufgeworfen, die sich zum Teil mit alten Tagebucheinträgen, aber auch im Laufe der spielbaren Geschichte in unterschiedlichen Dialogen auflösen werden. Der abwechslungsreiche Input von neuen Informationen ist dabei dauerhaft angenehm und wirkt niemals aufgesetzt. Die einzelnen Banden-Mitglieder werden nach und nach eingeführt, wobei jedes Mitglied seine oder ihre individuelle Geschichte mitbringt, die mittels aufwendiger Dialoge kommuniziert wird. Wie in Rockstar Titeln üblich existiert lediglich eine englische Audio-Spur, die durch deutsche Untertitel ergänzt werden kann. Auch wenn ich nichts anderes erwartet habe, stört mich diese Tatsache dieses mal mehr als bei vorangegangenen Spielen. Red Dead Redemption 2 lebt von seiner Atmosphäre und der schier endlosen Weitsicht. Wenn ich jetzt, um der Story zu folgen, dauerhaft an die untere Kante des Bildschirms gebunden bin, um jedem einzelnen Wort folgen zu können, bekomme ich von der wunderbaren Spielwelt einfach weniger mit. Auch in Schießereien wird zwischen den Bandenmitgliedern der ein oder andere spaßige Spruch ausgetauscht, der im Eifer des Gefechts einfach untergeht. Das ist verdammt schade und meines Erachtens nicht mehr zeitgemäß.

Red Dead Redemption 2 im Test – Ein Nerd im Wilden Westen

Ungewöhnlich lange verbringen wir unsere Zeit im sogenannten Tutorial. Nämlich rund zwei Stunden bekommen wir die neuen Elemente und die Steuerung nahe gebracht, bis wir uns frei in der Spielwelt bewegen können. Was zu Beginn etwas verwirrt und ziemlich linear wirkt, macht durchaus Sinn. Schließlich können wir in Red Dead Redemption 2 verdammt viel unterschiedliches Zeug erledigen. Essen, trinken, rasieren, jagen, häuten, Pferde striegeln, Pferde füttern, schießen, schleichen, klauen, helfen und noch vieles mehr. All das wird in das lange Tutorial verfrachtet und hilft uns, in der großen Spielwelt klar zu kommen.

Die freie Welt

Red Dead Redemption 2 im Test – Ein Nerd im Wilden Westen

Einmal in der freien Welt angekommen, können wir uns entweder linear an der Hauptstory abarbeiten oder wir genießen die Freiheit, die uns Rockstar Games mit Red Dead Redemption 2 serviert. An jeder Ecke erwarten uns neue Eindrücke, die es zu verarbeiten gilt. Wir können bspw. hilflosen Menschen auf dem Weg in die Stadt helfen, sie ausrauben oder sie einfach ignorieren. Das Spiel lässt uns hier vollkommene Handlungsfreiheit. Wer sich auf diesen Spaß einlässt, kann sich schon mal in diesen Nebenschauplätzen verlieren, ohne die Story nur eine Minute nach vorne getrieben zu haben. Dabei hilft zudem die fantastische Atmosphäre. Die Spielwelt in Red Dead Redemption 2 ist die mit Abstand schönste, die ich jemals erleben durfte. Dies spiegelt sich allein in der Zahl der von mir für diesen Test geschossenen Screenshots wieder. 94 an der Zahl und es hätten noch mehr sein können. Die cinematischen Sonnenuntergänge, das Lichtspiel und die enorme Detailverliebtheit laden zum Träumen ein. In den verschneiten Bergen schieben wir jede Schneeflocke beiseite und in den matschigen Straßen von Valentine sehen wir jeden Fußabdruck. Einfach Wahnsinn, was Rockstar Games hier abliefert. Unterstützt wird diese fantastische Atmosphäre mit jedem Detail. Keines davon wirkt generiert, sondern gewollt platziert. Sei es das einfache Hinüberlehnen in einer Konversation oder das beiläufige Abstauben der dreckigen Hose. Auch das Jagen und das damit einhergehende Häuten und Ausweiden trägt seinen Teil dazu bei, dass Red Dead Redemption 2 eines der realistischsten Spiele der aktuellen Konsolengeneration ist. So reagieren bspw. die NPCs darauf, wie schnell wir einen Saloon betreten. Fallen wir sozusagen mit der Tür ins Haus, werden sich zahlreiche Gäste zu uns umdrehen und uns einen verwunderten oder grimmigen Blick zuwerfen. Gleiten wir jedoch elegant durch die schwingenden Holz-Türen, ist Arthur Morgan an „Coolheit" nicht zu überbieten. Die ersten Stunden in Red Dead Redemption 2 waren ein Feuerwerk an fantastischen Eindrücken. Nur leider ist dieser Hang zur Perfektion auch der erste Baustein meiner Kritik, auf die ich später zu sprechen komme.

Essen, trinken, schlafen - zu viel Survival?

Red Dead Redemption 2 im Test – Ein Nerd im Wilden Westen

Als ich die ersten Previews zu Red Dead Redemption 2 las, kamen erste Zweifel in mir hoch. Blut auf der Kleidung würde die NPCs verunsichern, mein Pferd kann permanent sterben, ich muss regelmäßig essen, trinken und mich um meine Gang kümmern. Was stark nach einem neuen Survival Hit klang, wäre für mich der absolute Horror gewesen. Ich wollte doch nur ein Red Dead Redemption mit einigen neuen Spielelementen und keinen Western-Simulator mit Echtheitszertifikat. Die ersten Spielstunden gaben glücklicherweise direkt Entwarnung. Wo ich anfangs noch auf mein Gewicht achtete, renne ich nun als „Hungerhaken" durch die Gegend, was sich minimal auf die Lebensanzeige, aber positiv auf die Ausdauer auswirkt. Auch meinem Pferd geht es gut. Es wäre sicherlich schon den einen oder anderen Verletzungen erlegen, hätte ich es mittels Medizin nicht wieder aufpäppeln können. Zudem lassen Feinde zahlreiche Items fallen, mit denen wir uns die Kehle wässern oder den Magen vollschlagen können. Auch Munition findet man en masse, sodass gefühlt niemals Ebbe in der Flinte herrscht. Diese sammelt man glücklicherweise durch einfaches „Drüberlaufen" ein. Den Rest muss man in netten aber zeitweise nervigen Loot-Animationen aus den Innentaschen der Gegner plündern. Den kompletten Inhalt einer Kiste oder Schublade hingegen können wir durch dauerhaftes Drücken der Loot-Taste in einem Zug einsammeln.

Red Dead Redemption 2 im Test – Ein Nerd im Wilden Westen

Ein weiteres nettes Features bildet das Banden-Lager. Mit diesem wandern wir von Kapitel zu Kapitel durch die Spielwelt und fliehen dabei vor unserer Vergangenheit und den damit einhergehenden (meist bösen) Taten. In diesem Lager versammeln sich alle Charaktere der Bande und bieten sich als Spielpartner für Poker-Runden oder für interessante Dialoge an. Auch die eine oder andere Aufgabe bringen die Mitglieder mit sich. Um die Stimmung im Lager zu verbessern, können wir kleineren Aufgaben nachkommen oder Geld investieren. Zu den Aufgaben zählt neben Heuballen zu den Tieren tragen und das Holz hacken auch das Ausleeren der Wascheimer. Diese Aufgaben sind optional und können getrost ignoriert werden. Für die Atmosphäre sind sie aber dienlich und fügen sich gut in das Spielgefüge ein.

Entschleunigung am Gamepad

Red Dead Redemption 2 im Test – Ein Nerd im Wilden Westen

Wer wie ich vor Release von Red Dead Redemption 2 mit Spider-Man beschäftigt war, wird die zähe Steuerung wohl ebenso deutlich wahrnehmen, wie es bei mir der Fall war. Arthur bewegt sich halt wie ein echter Mensch und sprintet nicht dauerhaft durch die Gegend und auch das Pferd bedarf einer kurzen Pause, nachdem man mehrere hundert Meter Galopp hinter sich hat. Die Bewegungsabläufe sind von der Animation her nicht zu beanstanden und reihen sich nahtlos in die perfekten Gameplay-Elemente ein. Nichtsdestotrotz hat es mich mit der Zeit genervt, dass ich mich im Lager nicht schneller fortbewegen kann oder in Räumen um eine Kommode schleichen muss, um deren Loot-Zone zu erreichen. Abhilfe hilft hier die Ego-Perspektive, die Rockstar Games wie bei GTA 5 auch in Red Dead Redemption 2 zum Einsatz bringt. In engen Räumen kann diese durchaus Wunder vollbringen. Gewollt ist der wiederkehrende Wechsel von Third- in First-Person aufgrund der hakeligen Steuerung aber sicher nicht. Auch die Belegung aller Schultertasten hat mich öfter jemanden mit meiner Waffe bedrohen lassen, obwohl ich nur helfen wollte. Auch mein Pferd hat hier und da einen Faustschlag abbekommen, wenngleich ich nur elegant hinaufsteigen wollte. Nach einem Apfel hat es mir aber dann zum Glück auch wieder verziehen. Natürlich ist diese Kritik „meckern auf hohem Niveau", aber Rockstar Games bietet dieses Meisterwerk nun mal auf einem sehr hohen Level an, sodass insbesondere Kleinigkeiten deutlich ins Gewicht fallen.

Immersion - zu viel des Guten

Red Dead Redemption 2 im Test – Ein Nerd im Wilden Westen

Wie bereits dargestellt, bringt Rockstar Games mit Red Dead Redemption 2 ein fabelhaftes und absolut realistisches Spiel in unsere Wohnzimmer. Trotzdem nehme ich diesen Realismus nach zahlreichen Spielstunden als eher störend wahr. Mittlerweile habe ich aufgehört die Feinde zu looten, da mir die Animation in Summe einfach zu lang dauert. Hier hätte ich mir diverse Einstellungsmöglichkeiten gewünscht, sodass der Spieler selbst entscheiden kann, wie viel „Immersion" er im Laufe des Spiels noch haben möchte. Auch die ewigen Reit-Sequenzen, welche am Anfang noch mit dem „Wow-Effekt" der Spielwelt harmonieren, werden im Zuge der Hauptstory eher nerviges Beiwerk, welches man auf eigenes Risiko immer wieder in der Kino-Kamera ablaufen lässt. Hier reitet, eher schlecht als recht, Arthur von selbst den geplanten Missionsweg entlang. Immerhin kann man sich so auf die entsprechenden Text-Passagen in den Untertiteln konzentrieren und verpasst kein wichtiges Detail. Trotzdem haben diese Abläufe einen faden Beigeschmack und lassen mich nach einer erfolgreichen Mission den Controller eher zurück in die Ladestation legen, als mit vollem Elan zur nächsten Aufgabe zu reiten. Ich habe mich tatsächlich dabei erwischt, dass mich die Rückkehr per Pferd, quer durch das Gebirge zurück ins Lager, davon abgehalten hat, das Spiel weiter zu spielen. Die vorhandene Schnellreise per Kutsche bietet da leider nur eine eher maue Alternative, zumal man diese auch nur ohne entsprechendes Kopfgeld nutzen kann.

Fazit

Rockstar Games bringt mit Red Dead Redemption 2 das erwartete Meisterwerk auf die aktuelle Konsolengeneration. Die fantastische Atmosphäre und die wunderschöne Spielwelt suchen ihresgleichen. Der Titel wird mich mehr als die veranschlagten 60 Stunden für die Hauptstory vor den Fernseher binden und dann kommt ja auch noch der Multiplayer-Modus, auf den ich ebenfalls viel Hoffnung setze. Neben den ganzen Lobeshymnen muss jedoch angemerkt werden, dass die Steuerung sehr hakelig ist und hier und da für Verwirrung sorgt. Die langen Reitwege sind zu Beginn sehr hübsch anzusehen, werden mit der Zeit aber nerviges Beiwerk, dass mich oftmals am Weiterspielen gehindert hat. Auch die fehlende Synchronisation der Tonspur ist zwar „Rockstar typisch" aber in meinen Augen nicht mehr zeitgemäß. Red Dead Redemption 2 setzt ohne Zweifel neue Maßstäbe und womöglich wird man bei zukünftigen Titeln einiges vermissen, was bei diesem Titel gefühlt schon zum Standard gehört.

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