"Rattenberger Advent": Der Weihnachtsmarkt in der Glasstadt Rattenberg (Tirol)

Blick in die Auslagen eines Kunsthandwerksladens

 Licht ist kostbar in Rattenberg: stellenweise scheint drei Monate im Jahr keine Sonne in die Stadt. Die ist ohnehin schon die kleinste Stadt Österreichs (lt. Gemeindewebseite; die Wikipedia schreibt präziser: "Mit 0,11 km² ist sie flächenmäßig die kleinste Gemeinde Tirols und mit 405 Einwohnern (Stand 1. Jänner 2011) die kleinste Stadtgemeinde Österreichs.")
Man hatte sogar schon geplant, die Altstadt über ein Spiegelsystem mit Licht zu versorgen (vgl. Spiegel-Bericht 2005); dieses Projekt ist aber wohl an finanziellen und/oder technischen Schwierigkeiten gescheitert (vgl. STERN 2007).
 Viele der Häuser sind farbig gestrichen, aber an einem sonnenlosen (später auch teilweise nieseligen) Wintertag macht auch die Innfront des Städtchens (hier ein alter Stich aus der Gartenlaube) einen eher grauen Gesamteindruck.

Der Ort (hier ein guter Stadtplan) ist unbedingt sehenswert; aber mit der Beurteilung als "schön" wäre ich eher vorsichtig. Gewiss, wir haben nicht alles gesehen (z. B. waren wir weder in der Pfarrkirche St. Virgilius noch in der Burgruine über der Stadt), und wenn man über die "Thumbs" einer Fotosammlung schaut, wird man eine Vielzahl von bildwürdigen Einzelheiten finden. Aber selbst wenn die Sonne die farbigen Häuser in der Südtiroler Straße, der Längsachse der Stadt (auf dieser Luftaufnahme gut sichtbar; wir kamen von rechts, d. h. auf der engen Westseite, in die Stadt), beleuchtet, haben sie etwas Strenges, Nüchternes an sich (worüber freilich ein guter Fotograf unter günstigen Bedingungen hinwegtäuschen kann).
Das liegt nicht nur daran, dass die meisten Gebäude im sog. Inn-Salzach-Stil errichtet wurden, mit graden Fassadenabschlüssen zur Straßenseite hin (dahinter verbergen sich Grabendächer; vgl. z. B. dieses wohl vom Burggelände aus aufgenommene Bild aus den Wikimedia Commons oder das herrliche Panoramabild der Stadt von der Burganlage). Auch solche Fassaden können heiter wirken; hier in Rattenberg fehlt aber die Leichtigkeit, das Malerische.
 Die Fenster erscheinen mir im Verhältnis zur Mauerfläche hier in Rattenberg relativ klein.

Wahrscheinlich sind diese Gebäude früher entstanden als viele großfenstrigere in anderen Städten im Inn- und Salzachgebiet, oder letztere wurden später umgebaut. Die Stadt war zwar Handelsstation- und Zollstation am Zusammentreffen der Straßen nach München und nach Salzburg sowie Schiffsstation am Inn, aber das große Geld wurde in jener Gegend wohl nur im 15./16. Jh. mit Kupfer- und Silberbergbau gemacht. In jener Zeit dürften auch diese "Hochhäuser" (so wirken sie jedenfalls auf mich) entstanden sein
 (als "Stadtbild mit spätgotischen und Renaissancehäusern" wird der Ort im "Austria-Forum" beschrieben; hier eine Stadtansicht aus jener Zeit), zur Unterbringung der Arbeitskräfte. Und zu jener Zeit gab es ja noch kein preiswertes Fensterglas (erst "ab dem 17. Jahrhundert wurden durch Walzung gleichmäßig dicke Scheiben bis 1,5 m erreicht" informiert uns die Wikipedia; davor gab es lediglich die "Butzenscheiben").
 Nicht bei allen Häusern .....

..... sind die Giebel grade wie hier:

... oder bei diesen geradezu kubistischen Bauwerken:


Auch eine Auflockerung der Fassaden durch Erker ...

... oder ein intensiv farbiger Fassadenanstrich können den Eindruck von nüchterner Strenge, von einer Art (Miets-)kasernen nicht ganz überspielen.

Und selbst eine stuckverzierte Hausfront wie diese wirkt etwas steif. Mag sein, dass er erst zu Zeiten des Historismus, also gegen Ende des 19. Jh., angebracht wurde ("Auch der Fassadenschmuck ist eine Überarbeitung des Historismus, und folgt den Moden der Großstädte" informiert das Wikipedia-Stichwort zur Inn-Salzach-Bauweise)

Vielleicht hat der Baedeker "Österreich" (meine Ausgabe: 2000) deshalb einen Stern verwehrt, im Gegensatz zum Michelin-Reiseführer (Ausgabe 1996), der sogar ein Foto zeigt.
Uns aber sind die Reiseführer-Sterne Schall und Rauch. Letzterer beginnt nun, langsam die Straße zu erfüllen ...

... und sogar das Stadtwappen einzuhüllen:

Das Stadtwappen ist am ehemaligen Zollhaus an der westlichen (engen) Zugangsseite der Stadt angebracht. Das Speichenrad deutet auf Handel und Verkehr hin; das Gebilde darunter nennt man "Dreiberg"; es soll angeblich die drei Berge im Süden der Stadt symbolisieren:  Stadtberg, Schlossberg und Klammberg.
Wenn Sie auch so schlau werden wollen wie der Blogmaster, müssen Sie sich bei Ihrem Besuch den "Stadtführer Rattenberg" kaufen (Verfasser: Dr. Hermann Drexel). Derzeit ist er noch immer in der 1. Auflage von 2004 am Markt, hat 80 durchgehend farbig bebilderte Seiten und im ausklappbaren Einband hinten einen Stadtplan. Kostenpunkt, im Augustinermuseum: ganze zwo Euronen!
Wer den gelesen hat der weiß auch, dass "wegen der häufigen Überflutung Rattenbergs durch" Innhochwasser (mittlerweile ist die Stadt durch einen Damm geschützt) "die Wohnungen in den Obergeschossen" liegen (S. 9; zum Stadtwappen vgl. S. 67). "In den Erdgeschossen befanden sich die Stallungen und Lager, aber auch die Werkstätten. Der Verkauf der dort hergestellten Produkte erfolgte oft durch das Fenster zur Straße. Einige Fensterbänke hatten ... die Funktion von Ladentischen und waren besonders breit ausgeführt."

Wenn in einem solchen Lädchen einmal eine illustre Kundschaft einkaufte, wurde das gleich für die Nachwelt festgehalten:
 Der Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich hätte sich 1908 lieber dauerhaft niederlassen sollen in Rattenberg, dann wäre uns der 1. Weltkrieg erspart geblieben.
Zu Werbezwecken taugt die k. u. k.-Erinnerung  noch allemal, wenn auch so manches schief hängt im Hause Österreich:

Seit die k. u. k.-Majestäten weg sind, muss ein noch höheres Auge über der Tiroler Stadt Rattenberg am Inn wachen:
 Alternativ hätten wir hier drei Engel als Stadtbeschützerinnen anzubieten:

 Doch laufen hier noch weitere Engel durch die Straßen; zu den Kleinen sind sie freundlich:

 ... über die großen Touris lachen sie, wenn sie die beim Knipsen erwischen:

 Das Augustinermuseum (mit eigener Homepage) haben wir nur teilweise gesehen und im Schnelldurchgang 'erledigt' (Eintritt war an diesem Tag frei). (Das Obergeschoss haben wir nicht besucht und auch nicht den Kirchturm bestiegen.) Beeindruckt hat mich aber das spätgotische Kreuzrippengewölbe (oder ist es ein Netzgewölbe?) in der Hoferkapelle (erbaut 1496).

 Die Straßenlaternen wurden nicht angezündet. Trotzdem war es in der Hauptstraße recht hell durch die Ladenbeleuchtungen - sofern sie nicht selber eher im Verborgenen leuchteten:

In den dunkleren Sträßchen der Stadt kamen die Kerzen besser heraus, die viele Stadtbewohner in ihre Fenster gestellt hatten:

 Hier säumen Papierlaternen den Weg zum Augustinermuseum:

 Ein Würstchenstand nahe dem  sog. "Malerwinkel" ist mit bunten Petroleumlampen behängt

Und mit diesem Foto beenden wir den Bildteil unseres Berichts.
Anzumerken ist noch, dass man für den Zutritt zum "Rattenberger Advent" Eintritt bezahlen muss (5,- €, glaube ich). Das ist angesichts der gebotenen Beleuchtung, der Engel und sonstigen Attraktionen (z. B. Musik auf einer Schaubühne auf einem Platz am breiteren Ostende der Stadt) durchaus angemessen. Das Hauptprogramm beginnt aber erst um 17.00 h, während unser Bus schon gegen 13.00 h ankam. Zu diesem Zeitpunkt war die Kasse noch nicht besetzt; so konnten wir das Geld in Holunder-Glühwein ("Rattenberger Adventswein") liquidieren, was auch keine schlechte Investition war.
Auffallend war die große Zahl von italienischen Besucherinnen und Besuchern, die in zahlreichen Reisebussen angerückt waren. Überhaupt lieben die Italiener offenbar deutsche Weihnachtsmärkte.
Hier noch einige Links zu Rattenberg:
  • Foto ca. 1890
  •  Bilder in Wikimedia Commons
  • Mehr zum "Rattenberger Advent" auf der Webseite der Gemeinde
  • Bilder ohne Ende z. B. auf der Fotosharing-Webseite flickr.
  • Bewertungen auf der Reisewebseite "tripadvisor". Das Urteil "In sostanza non c'è nulla, solo negozietti che vogliono farvi spendere un sacco di soldi con le loro cosine pseudo artigianali", also "Im Grunde gibt es dort nichts zu sehen, nur Geschäfte, die dir Geld abluchsen wollen mit ihrem Pseudo-Kunsthandwerk" eines italienischen Reisenden finde ich ein wenig übertrieben; die Stadt ist durchaus sehenswert. Sagt aber auch der italienische Kritiker im Grunde selbst, wenn er seine Bewertung mit der Bemerkung schließt: "Però un girettino, se siete da quelle parti, potreste anche farlo." Heißt wohl in etwa: Aber wenn man schon in der Gegend ist, kann man sich auch diese Stadt anschauen.
  • Ein merkwürdiges, aber stimmungsvolles Gedicht "Rattenberg, 1852"  von einem Saša Stanišić " (auf einer Webseite niedersächsischer Literaturbüros!).
Man sollte, das ist meine meine Meinung, Rattenberg besuchen, wenn man in "Autoentfernung" Urlaub macht. Es ist eine interessante und auf jeden Fall "ehrliche" Stadt: das Mittelalter war bekanntlich alles andere als lustig und lieblich!
Das Augustinermuseum lohnt sicherlich einen Besuch; vermutlich auch die Stadtpfarrkirche St. Virgil und, zumindest für den Ausblick, wohl auch die Reste der Burganlage.
Allemal ein Erlebnis (und ggf. auch das Eintrittsgeld wert)  ist der Adventsmarkt.
Und wer gern Nippes kauft: Läden für Touristen gibt es dort genug. (Gaststätten und Cafés auch, wir haben aber keine getestet.) Das bekannteste lokale Handwerk, mit Wurzeln schon im Anfang des 19. Jh., ist die Glasbläserei; da sollte man, für entsprechendes Geld, auch schöne Stücke finden können.
P. S. Wir haben den Ort auf einem Bus-Tagesausflug am 2. Adventssamstag, also am 03.11.2011, besucht. Vorher haben wir uns die "Kristallwelten", einen Park der Fa. Svarowski in Wattens, angesehen. Davon will ich demnächst ebenfalls einige Aufnahmen einstellen.
Textstand vom 25.12.2011

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