Ratlos im Orient, oder: Wenn es kompliziert wird, verlieren wir lieber das Interesse


von Simon Argus

Die arabische Welt ist in großer Aufruhr, aber die europäische Öffentlichkeit reagiert apathisch, hört nur mit einem Ohr hin und tut sich schwer,  eine eigene Meinung zu bilden. Woran liegt das? Einerseits sicherlich an der medialen Überlastung dieser Tage: Zwischen NSA-Skandal, der Affäre um Gustl Mollath und Kartoffelsuppe mit der Kanzlerin rutschen die Meldungen aus dem Nahen Osten immer wieder schnell unter die Wahrnehmungsschwelle. Andererseits ist es tatsächlich schwer, sich eine fundierte Meinung zu bilden, denn je nachdem wen er fragt: Der Leser erhält vollkommen unterschiedliche Einschätzungen zur Lage.

Ratlos im Orient, oder: Wenn es kompliziert wird, verlieren wir lieber das Interesse

Graffitis zur Revolution in Kairo   Quelle: eigenes Foto

Woher kam das Giftgas in Syrien? Die endgültige Antwort auf diese Frage hofft eine Untersuchungskommission dieser Tage zu finden - was schwierig genug ist, denn inzwischen wurde der Tatort weiter beschossen und alle Beteiligten hatten viel Zeit Beweise zu verändern. Gleichzeitig sind sich die meisten Medien - vor allem amerikanische und britische - schon ziemlich sicher, wer der Täter gewesen ist - nämlich das Assad Regime, ein diktatorisches und undemokratisches Regime, das mit allen Mitteln um den Machterhalt kämpft. Andererseits gibt es an dieser Erklärung einige Logikfehler, auf die beispielsweise Carla del Ponte und andere hingewiesen haben. Möglicherweise könnten auch Rebellen chemische Waffen einsetzen. Beweise hat wie gesagt noch niemand. Und dennoch sterben täglich weiter viele Menschen in diesem Konflikt und der Druck etwas zu unternehmen wird größer. Aber was? Und was passiert danach? Welche Parteien haben welche Interessen - langfristig und überregional? 
War es richtig, den ägyptischen Präsidenten Mursi gewaltsam abzusetzen? Obwohl die Beweislage in diesem Fall viel einfacher sein sollte, gehen die Meinungen auch hier diametral auseinander. Selbst die westlichen Korrespondenten in Kairo scheinen in dieser Frage untereinander uneins, sodass es schon zu einem Eklat zwischen dem Spiegel und seinem örtlichen (jetzt ehemaligen) Korrespondenten gekommen ist. Fakt ist: Mursi wurde demokratisch von der Mehrheit der Ägypter gewählt. Danach allerdings, sagen viele Ägypter, die jetzt auf Seiten des Militärs auf die Straße gegangen sind, ist wenig Demokratisches passiert: Die Verfassung, die die Muslimbrüder verabschiedeten, setzt bei vielen wichtigen Fragen auf den Schiedsspruch islamischer Gelehrter der Al-Azhar Universität, die sich an der Scharia orientieren. Im Ergebnis werden die Rechte von Frauen und religiösen Minderheiten gefährdet. Einen Wandel kann man bereits im Straßenbild Kairos erkennen, wo nun fast alle weiblichen Studenten Kopftuch tragen und die letzten Gaststätten mit Lizenz zum Alkoholausschank Bretter vor die Fenster stellen. Nun aber sollen die Muslimbrüder erneut verboten werden und zu allem Ungemach wurde Mubarak wieder freigelassen. Also zurück auf Anfang? Oder ist die Überarbeitung der Verfassung doch ein Hoffnungsschimmer? Es passt nicht zu unseren europäischen Erfahrungen, dass ausgerechnet ein Militärregime eine bessere Verfassung erarbeiten könnte, als eine demokratisch gewählte Regierung. 
Westerwelle sagt: Die Absetzung Mursis war undemokratisch und deshalb falsch. Die Ägypter ziehen den Hitler-Vergleich aus der Tasche und sagen: Hättet ihr Hitler ein Jahr nach seiner demokratischen Wahl abgesetzt, wäre die Geschichte vielleicht auch besser verlaufen. So ein Vergleich ist für einen Europäer natürlich unerträglich. Auch schwer verständlich ist die Ansicht vieler Ägypter, dass die Gefahr von den scheinbar unterlegenen Muslimbrüdern ausgeht, und nicht vom schwer bewaffneten und wirtschaftlich dominanten Militärapparat Ägyptens. Bei einem Massaker in den Straßen Kairos starben mehrere hundert Islamisten - ist das gut oder schlecht? Wäre es anders noch schlimmer geworden (was viele Ägypter und auch Ausländer vor Ort sagen) oder wäre es vermeidbar gewesen und sind hunderte Tote nicht immer schrecklich (was wir hoffen möchten)? Auch in Syrien ist es für uns leichter, zu den scheinbar schwächeren Rebellen zu halten, anstatt auf den Sieg des Diktators zu setzen. All das obwohl wir inzwischen wissen, dass hinter den syrischen Rebellen zu einem Großteil radikal islamistische Gruppen stehen und wir am Ende wahrscheinlich nur die Wahl zwischen dem alten diktatorischen und einem neuen islamistischen Regime haben werden.
Und sich einfach raushalten? Raushalten wäre die logische Schlussfolgerung bei vollkommener Konfusion. Wenn man nicht weiß zu wem man noch halten kann, wer die eigenen Werte vertritt und wer sie nur vortäuscht, dann sollte man am besten gar nichts tun. Das ist die Konsequenz die viele Europäer inzwischen für sich gezogen haben. Die Politiker praktisch aller politischen Lager in Deutschland sprechen sich gegen eine Intervention in Syrien aus. Und auch das Desinteresse an der vertrackten Lage in Ägypten spiegelt diese Haltung wider. Andererseits: Können wir uns das leisten? Tragen wir nicht auch Verantwortung dafür, was in Syrien mit unseren Waffen angerichtet wird? Sind wir nicht längst zu tief drin? Hat nicht längst jeder seine Finger im Spiel? Die Amerikaner, die Saudis, die Iraner - und die Europäer? Müssen wir eine säkulare oder andersgläubige Minderheit in Ägypten nicht vor einer islamischen Mehrheit schützen? Ist es allzu bequem, von unseren Wohnzimmern aus die Demokratie zu preisen, wenn es bedeutet, dass Millionen Ägypter unter den islamistischen Herrschern leiden müssen? Oder umgekehrt? Sollten wir einer islamischen Mehrheit in Syrien und Äypten nicht zu ihren demokratischen Rechten verhelfen - und dann vielleicht langfristig auf eine Mäßigung hoffen? Kommen wir mit unserem Verständnis von Demokratie in der arabischen Welt vielleicht nicht weiter? Jede Entscheidung kann falsch sein - und sogar jede Meinung. Deshalb schalten wir lieber wieder zu RTL, wo Merkel gerade von ihrer Kartoffelsuppe spricht.