Quoten-Geilheit und Selbstüberschätzung

Von Doxidox

Der Schock sitzt noch immer tief. Am vergangenen Samstag (4.12.2010) verunglückte der 23-jährige Samuel Koch bei dem Versuch, in der Sendung “Wetten Dass…?” mit Sprungstelzen über ein fahrendes Auto zu springen, schwer. Wir, die Sportblog-Redakteure, leiten selbst seit über einem Jahr leidenschaftlich Sprungstelzen-Kurse, und behaupten:

1) Samuel Koch war unprofessionell und hat sich selbst überschätzt.
2) Die Sende-Verantwortlichen vom ZDF haben leichtsinnig und fahrlässig agiert.
3) Sprungstelzen sind absolut ungefährlich.

Selbstüberschätzung

Ein Sprung über ein fahrendes Auto reizt die Möglichkeiten von Sprungstelzen fast zur Gänze aus. Selbst für erfahrene Springer ist so eine Aktion sehr riskant, und es ist kaum möglich das Risiko klar einzuschätzen. Dass der 23-jährige keine zusätzliche Sicherung verwendet hat, wie etwa die im Freestyle-Bereich üblichen Bungee-Seile, wird selbst in Stunt-Kreisen als unprofessionell eingestuft.

Die sichere Einschätzung der Sprünge wurde durch die unterschiedliche Höhe der fahrenden Autos unnötig erschwert. Der Stuntman hatte keine Möglichkeit, sich langsam an die Höhe der Autos heranzutasten, sonder musste direkt aus dem Lauf mit nur einem Absprung die richtige Höhe erreichen.

Beim dritten Auto war er schließlich zu niedrig, schlug mit dem Kopf auf der Windschutzscheibe auf. Diese Berührung gab ihm durch die Geschwindigkeit des Autos dann so viel unkontrollierte Rotation mit, dass er keine Chance mehr hatte den Sprung auf den Beinen zu landen.

Druck durch Öffentlichkeit

Sportler können aufgrund ihrer umfassenden Trainings-Erfahrung das Risiko meist gut einschätzen. Hört der Athlet auf dieses „Bauchgefühl“, passiert meistens nichts. Kommt aber der Erfolgsdruck durch die gebannten Blicke der Öffentlichkeit hinzu, kann die Einschätzung des Kandidaten getrübt werden.

Diese Diskussion ist im Extrem-Sport nicht neu. Erst im November 2009 verunglückte der Basejumper Ueli Gegenschatz bei einem Red Bull Werbe-Event tödlich, weil er die schlechten Windverhältnisse unterschätzt hatte. Wäre Samuel also auch gesprungen, wenn er nicht im Rampenlicht gestanden hätte?

Die Frage der Schuldzuweisung ist in so einem Fall schwierig. Prinzipiell muss man festhalten: Die Verantwortung bei Risiko-Stunts trägt in erster Linie der Athlet selbst. Nur er kann wissen, ob die Aufgabe im Bereich eines für ihn kalkulierbaren Risikos liegt. Ein gewisses Restrisiko bleibt aber immer, und für Außenstehende ist es im Nachhinein schwierig zu beurteilen, ob sich jemand mit der Aufgabe tatsächlich übernommen hat, oder ob etwas Unvorhersehbares, Unkalkulierbares zum Unfall geführt hat.

Fahrlässiges Verhalten

Aber warum haben die Sende-Verantwortlichen von Wetten Dass…?, die bei ihren Kran-, Bagger-, Kletter- und sonstigen Wetten immer so viel Wert auf 110-prozentige Sicherheit legen, dem Sprung ohne Sicherung zugestimmt? Die bange Anmoderation von Thomas Gattschalk und Michelle Huntziger hat ja darauf hingedeutet, dass scheinbar schon im Training einiges schief gelaufen ist.

Wieso hat man keine einheitlich hohen Fahrzeuge verwendet? Und warum musste Gottschalk den Kandidaten vor dem dritten Sprung mit den Worten „Was muss das für ein Gefühl sein, wenn der eigene Vater auf einen zurast…“ so verunsichern?

Zweifelsfrei hat bei dieser Hiobs-Wette nicht nur der Wettkandidat überehrgeizig und unprofessionell agiert, sondern auch der ZDF. Zu viel Risiko auf beiden Seiten – ein wenig Selbstüberschätzung hier, ein wenig Quotengeilheit da – und das schlimmste Szenario ist eingetroffen.

Sprungstelzen nicht gefährlich

Für sich gesehen sind Sprungstelzen absolut ungefährlich. Auch ein Fahrrad erachtet niemand als risikobehaftet, solange man sich damit nicht mit 100 Sachen über Wurzeln, Steine und Klippen den Berg hinunterstürzt. Mit adäquater Schutzausrüstung (zumindest Helm und Gelenks-Schützer) und einem langsamen, methodischen Aufbau der einzelnen Bewegungsformen (gehen, joggen, springen), birgt Sprungstelzen-springen nicht mehr Gefahren als andere Freizeit-Sportarten.

Bei „harmlosen“ Betätigungen wie Rollerskaten, Skifahren oder Radfahren wirken bei einem Sturz durch die Sportgerät-Höhe etwa ähnlich starke Kräfte wie bei Sprungstelzen auf den Ausübenden ein, und es müssen aufgrund der Fixierung der Sprunggelenke ebenfalls neue Falltechniken eingeübt werden. Alles nicht der Rede wert – solange öffentlichkeitswirksam nichts Gröberes passiert.

Schade, dass es so weit kommen musste. Wir wünschen Samuel und seiner Familie alles erdenklich Gute.