Proust lesen Tag 34-Im Schatten junger Mädchenblüte-Lesen in Zeiten wie diesen

Der ehemalige Diplomat Norpois noch immer beim Dinner in Marcels Elternhaus, spricht zu Marcel über den Schriftsteller Bergotte:

„In einer Zeit wie der unsrigen, da die zunehmende Vielschichtigkeit unseres Daseinseinem so wenig Zeit zum Lesen läßt, da die Karte Europas durchgreifende Umgestaltungen erfahren hat und bald vielleicht noch viel bedeutendere erfahren wird, da von allen Seiten so viele drohende  neue Probleme auftauchen, werden Sie mir zugeben müssen, daß man von einem Schriftsteller verlangen darf, etwas anderes als nur Schöngeist zu sein….“

Außerdem ist Marcels Mutter erwartungsgemäß nicht davon erbaut, dass Norpois dem Jungen hinsichtlich der Berufswahl, Flausen in den Kopf setzt. Sie sähe Marcel lieber in der Diplomatie als in der Literatur.

Der Vater zur Mutter:

„Nun hör doch auf“, entrüstete sich mein Vater, „man muß vor allem Freude haben an dem, was man tut. Er ist ja schließlich kein Kind mehr. Er weiß jetzt schon selbst, was er will; es ist unwahrscheinlich, daß er sich noch ändert, und er ist durchaus imstande, selber zu merken, was ihn im Leben glücklich machen wird.“

Der Vater ist mir sympathisch, der kann loslassen!

Kiel

Platzregen, Sprühregen, Wind und kühle Temperaturen. Nach der Arbeit treffe ich auf die Teenies, die sich versonnen Bilder ihrer glücklichen Kindheit ansehen. 

„Mama, sagt Julius, „damals sahst du noch richtig gut aus und schlank, könntest du nicht mal für ein paar Wochen in so ein Abnehmcamp gehen?“

Schokoladenverschmierte Münder, Partys mit 20 Kindern und dreissig Erwachsenen, Stockbrot am Lagerfeuer, Musizieren bis nachts im Garten, Urlaube in Frankreich, aber ich erinnere mich auch an diesen stetigen Spagat kleine Kinder, Berufstätigkeit, Haus und Garten gerecht zu werden.

Proust ist auch eine Disziplinübung, an manchen Tagen.


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