Promille am Steuer - vorzugsweise steuerbefreit

 

Promille am Steuer - vorzugsweise steuerbefreit

Quelle: Westend Verlag

In den letzten Wochen konnte man wieder mehrfach hören und lesen, dass der Posten des mächtigsten Mannes der Welt zur Wahl stehe. Gemeint war freilich die durch Legislaturende theoretisch vakant gewordene Stelle im Oval Office. Der mächtigste Mann der Welt, so würde Hans Jürgen Krysmanski an dieser Stelle einhaken, ist nicht mehr als der primus inter pares unter den politischen Verteilungseliten. Solche, die vom mächtigsten Mann der Welt schreiben oder berichten, so würde er nachlegen, täten dies in Ausübung ihrer Funktion als Funktions- und Wissenseliten, die "für den Erhalt des Gesamtsystems unerlässlich sind". Anders könnte er auch sagen, dass es sich um eine Art Vorsitz des einen Prozent (Politik) handle, hochgepusht durch die zehn Prozent (Medien), die beide im Dienste stehen für die 0,1 (Konzern- und Finanzeliten) und vor allem die 0,01 Prozent (Superreichen).

Das Imperium der Milliardäre ist eine in relativer Privatheit zurückgezogene Klasse der 0,01 Prozent, die die Weltgeschicke in jedweder Form leite, urteilt der Autor. Das klingt nach Verschwörungstheorie und genau die betreibt Krysmanski nicht. Die 0,01 Prozent bestehen aus Menschen, die so viel Geld angesammelt haben, dass sie sich damit nicht nur ein schönes Leben, sondern gleich noch eine für sie schöne Welt ermöglichen können. Es sind Milliardäre, die durch ihre pekuniäre Potenz immer stärker zum Machtfaktor geraten, eine Art stille politische Mandatsausübung pflegen und zur Richtlinienkompetenz globaler Politik geraten sind. An diese Klasse wagte sich bis dato keine Soziologie heran; sie galt wenn überhaupt, nur als Teil einer Klasse, die man lapidar als Oberschicht bezeichnete. Bloß sind auch in dieser privilegierten Klasse Diskrepanzen gegeben, denn es macht schon einen Unterschied, ob man mit einem sechsstelligen Jahressalär dort einsortiert ist oder mit einem Milliardenvermögen an ihr teilnimmt. Luxusdefinitionen fürwahr.
Die Soziologie machte es wirklich sich da einfach, ab einem gewissen Grad jährlicher Einnahmen plump von Oberschicht zu sprechen, ohne diese zu tranchieren. Die neoliberale Agenda vereinfachte aber freilich noch weiter, nannte auch diese Gruppe von Reichen und Superreichen Mittelschicht. Und so wurden plötzlich aus den Sorgen derer, die von ihrem Supervermögen keine Supersteuern bezahlen wollten, auch die Sorgen einer Fronde an Mittelstands- und Unterklassenbürger, die eigentlich kein Interesse an der Verschonung gigantischer Vermögen haben können. Krysmanski wagt sich soziologisch an die Zerlegung und Analyse dieser Superreichen heran, schiebt die restliche Oberschicht, Millionäre und andere Eliten beiseite, sondert also Konzern- und Finanzeliten, politische Eliten und Funktions- und Wissenseliten von denen ab, die er als Superreiche bezeichnet und zeichnet ein entmutigendes Bild von dieser kleinen Klasse mit großer Wirkung.
Krysmanski wagt sich an die Internationale der 0,1 und 0,01 Prozent heran, analysiert deren Charity- und Giving Pledge-Konzepte, die zur Entstaatlichung und zum Rückzug der öffentlichen Hand führen, hinterfragt ihr Stiftungswesen, das zu besteuernden Reichtum für die Allgemeinheit stiften gehen läßt. Es geht um Refaudalisierung und um Märkte - letzteres ein Begriff, der die Interessen der 0,01 Prozent verbirgt und ummantelt und der es so aussehen läßt, als sei jeder, Tellerwäscher wie Milliardär, nur von ihnen, von den Märkten abhängig, ihnen ausgeliefert.
Die mächtigsten Männer der Welt sitzen nicht in Kanzlerämtern, Weißen Häusern oder Präsidentenpalästen. Sie sind meist anonym, auch wenn man ihre Namen manchmal kennt. Sie leisten sich Isolation, lenken hinter Mauern das Weltgeschehen, heben sich durch Überwachungstechnik und Privatarmeen ab, sind die wahrhafte Parallelgesellschaft innerhalb einer Gesellschaft, die sich auflöst, die ihre Bande aufdröselt, weil sie diesem parallelen Kosmos' nicht mehr Herr wird, sich von ihm ausbluten läßt. Die Stacheldrähte, die auf den Mauern zu ihren Anwesen und ihren globalen Überbauten angebracht sind, kann man getrost als Promillegrenze bezeichnen; 99,9 Prozent müssen draußen bleiben, nur ein Promille hat Zutritt. Sie haben ein Faible dafür, nicht als mächtige Leute gesehen zu werden, schieben sich hierzu politische Eliten vor, halten sich fürstlich bezahlte Vorschiebeeliten, die dann zu den wirklich Mächtigen in der Welt hochgeschrieben werden und die von der wahren Machtkonstellation ablenken sollen.
Vor einigen Jahren meinte Time, dass Merkel die mächtigste Frau der Welt sei. Komisch daran war, dass sie nicht mal die mächtigste Frau Deutschlands war und noch immer nicht ist. Man hat Friede Springer und Liz Mohn einfach vergessen. Nicht zufällig, sondern beabsichtigt. Die Frage ist, warum man mit Macht ein politisches Mandat gleichsetzt und nicht diejenigen, die sich die Mandatsträger einkaufen, die sich einen Überbau erschaffen und ein Weltsystem erfunden haben. Krysmanski blickt dorthin, wo die "Funktions- und Wissenseliten aller Art, von Wissenschaftlern über Techno- und Bürokraten bis zu dem Wohlfühleliten der Medien, der Kultur, des Sports" nicht hinschauen: hinter die Kulissen einer Welt, die nicht Schicksal ist, sondern das gewollte und gehegte Produkt von 0,01 Prozent-Interessen. 0,1 % - Das Imperium der Milliardäre entwirrt und macht sichtbar, was in der Mediokratie unsichtbar belassen werden soll.
0,1 % - Das Imperium der Milliardäre von Hans Jürgen Krysmanski erschien im Westend Verlag.


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