Politische Plattentektonik Nahost (Teil 3)

Türken in osmanischer Weißglut

Politische Plattentektonik Nahost (Teil 3)

Illustration: Brian Rea

Nach der Machtergreifung der Islamisten hat die Politik der Türkei jedweden Anschein von Sinnhaftigkeit verloren und sieht aus wie ein einziges Hin und Her gemischt mit Buridans Esel. Das kann für die Türkei letztlich fatal enden. Wenn man allerdings von der konkreten Situation des syrischen Konflikts und des möglichen Überfalls Israels auf den Iran ausgeht, so kann man zwei prinzipielle Fehler herausstellen, welche die Türken begehen.
Zu Beginn, also 2002, waren die Islamisten noch absolut zurechnungsfähige Leute und verstanden sehr gut, dass die Kontrolle über die Armee gleichbedeutend ist mit der Möglichkeit, seine Politik zu verwirklichen, und zwar einer Politik, die der hundertjährigen kemalistischen politischen Tradition des Landes mindestens einfach nur zuwiderläuft. Und welche die Türkei unter Umständen an den Punkt zurückversetzt, von dem aus sie in der Geschichte bereits einmal tief gefallen und deshalb gezwungen war, das Projekt Atatürks zu starten.
Das Militär hat die Ziele und Aufgaben der AKP immer schon als mit der kemalistischen Ideologie unvereinbar angesehen. Doch es wurde zur Geisel seiner eigenen Überzeugungen. Die Feinheit einer Demokratie besteht ja gerade darin, dass eine vom Volk gewählte Führungspersönlichkeit dir durchaus zuwider sein kann, aber du hast die Pflicht, zwar nicht die Führungspersönlichkeit, sondern das Volk zu achten. Selbst, wenn es irrt. Genau aus diesem Grunde ließ das Militär den ersten Rückschlag durch, nämlich die Verhaftungen im Nachgang der “Operation Vorschlaghammer”. Dabei sind die Islamisten sehr korrekt vorgegangen und haben die Situation in die Kategorie eines banalen Streits innerhalb des Staatsapparates geschoben. Die zäh fließenden Ermittlungen haben es den Machthabern aber gestattet, lange Zeit in den Gefilden der Armee zu wüten und ständig irgendwen festzunehmen - was kann man da machen, die Ermittlungen laufen, es treten eben immer wieder neue Fakten zutage. Ach, das ist nichts persönliches, wenden Sie sich mit ihren Fragen bitte an den Staatsanwalt... Parallel dazu sind in dieser Zeit die diversen Emporkömmlinge aus den ländlichen Gebieten und den Vororten die Karriereleiter hochgewandert - und die sind ja die Stütze und letztlich die Wähler der Islamisten. Gül und Erdoğan bräuchten noch ungefähr 5 Jahre, um ihnen loyale Leute an allen Schlüsselpositionen in der Armee aufgebaut zu haben. Doch dann kam der “Arabische Frühling”.
Für die Türkei bedeutete der Arabische Frühling keinerlei Bedrohung - Diktatoren gibt es da nicht, eine positive Wirtschaftsentwicklung dagegen gibt es. Keinerlei Gründe also dafür, dass sich die Demokratie in den anatolischen Weiten ausbreiten müsste. Mehr noch, die ersten Monate des “Frühlings” verliefen in allgemeiner Jubelstimmung und der Bemühung der siegreichen Volksmassen, eine blühende Wirtschaft “wie in der Türkei” aufzubauen. Die Islamisten Nordafrikas bemühten sich sichtlich, die AKP zu kopieren und bei sich zu klonen, türkische Flaggen waren den jeweiligen Nationalfahnen auf den diversen Demonstrationen faktisch gleichwertig präsent. Das war eine wunderbare Gelegenheit für die türkischen Islamisten, ihre Probleme mit der Armee zu lösen und das neosmanische Projekt, ein Wiedererstehen des Imperiums, anzugehen.
Politische Plattentektonik Nahost (Teil 3)Und hier kommt der erste Fehler der Türkei: sie zerstritt sich mit Israel.
Warum das passierte, ist klar. Es ist nicht möglich, die arabische Straße zu gewinnen, wenn man kein Feind Israels ist. Doch ziemlich schnell bekamen es die Türken damit zu tun, dass sie neben der islamischen Solidarität mit nationalistischen Faktoren konfrontiert wurden. Wenn die Türken den Arabern als Brüder gelten, dann bestenfalls als Stiefbrüder. Die Türkei verlor ihre Positionen deshalb ziemlich schnell an die arabischen Monarchien, welche die Türken quasi kampflos beiseite schieben konnten und nun die Sympathien des Wahlvolks in den Schlüsselländern des Arabischen Frühlings aufzuteilen begannen: in Ägypten und Libyen.
Erdoğan steht unter Zugzwang: wenn du ins Spiel eingestiegen bist, dann bitteschön, wir warten auf deinen Zug. Nachdem die türkischen Islamisten mit ihrem eigenen Motto brachen, mit allen Nachbarn gut Freund zu sein, spannten sie das ohnehin schon gestresste Militär noch weiter an und sahen sich gezwungen, die Ereignisse zu forcieren. Alles oder nichts, hier geht es kaum noch um trickreiche Kombinationen. Und folglich begingen sie den zweiten großen Fehler - sie koalierten mit den Golfmonarchien gegen Syrien. Warum sie das taten, ist wiederum klar. Syrien war das Juwel des Osmanischen Reiches, eines der beiden wichtigsten Länder des Nahen Ostens (mit Ägypten), das - hat man Kontrolle darüber - geradezu phantastische Möglichkeiten bietet, was die Infrastruktur betrifft. Die wie Dominosteine kippenden arabischen “Diktatoren” ließen die Hoffnung aufkommen, dass man auch in Syrien mit wenig Blut und auf fremdem Territorium mit seinen Plänen zuwege kommt. Man muss auch sehen, dass ein Sieg der Türken gegen Syrien die Kontrolle der Islamisten über die Armee zementieren könnte. Sieger richtet man nicht. Und eine wunderbare Trophäe und ein Joker in beliebigen Verhandlungen mit wem auch immer auf einer möglichen, künftigen Nahost-Konferenz wäre es auch noch gewesen.
Politische Plattentektonik Nahost (Teil 3)
Doch Baschar al-Assad hält bis jetzt durch. Unter anderem auch deshalb, weil die Türkei, Katar und Saudi-Arabien vollkommen verschiedene Ziele in diesem Krieg verfolgen und ihr Vorgehen nicht wirklich abstimmen können. Das heißt, sie alle wollen Assad stürzen, aber jeder will es so erledigen, dass sich ihm nach einem solchen Sieg die besten Möglichkeiten eröffnen. Es ist, wie in Krylows Fabel: “Wenn zur Genossenschaft sich Eintracht nicht gesellt, ist’s mit dem Werke schlecht bestellt.”
Der Sieg kam den Aggressoren also nicht in den Schoß gefallen, und schon bekam die Türkei das ganze Bouqet an Problemen ab. Vermistung und Chaos auf dem eigenen Territorium. Flüchtlinge, Banditen aller Herren Länder, Spannungen an den Grenzen. Mobilisierte Kurden und deren Angriffe - nun schon auf türkischem Territorium. Eine Verschlechterung der Beziehungen zum Iran und zu Israel. Und das bei vollkommen unklaren Perspektiven einer Fortsetzung des Kriegs gegen Syrien, den die Türkei mit den Händen internationaler und von ihr angefütterter Banden führt. Erdoğan geriet zwischen Hammer und Amboss: der Sieg ist zu teuer, und dabei ist die Möglichkeit eines Militärputsches in der Türkei gar nicht so weit hergeholt. Es muss etwas her, das die Lage bis zu einer beliebigen Katharsis treibt, und der Beschuss türkischer Grenzdörfer angeblich durch die syrische Armee könnte ein Auftakt dazu werden.
Ein traditioneller Fehler von Politikern ist es, sich sicher zu sein, dass man die Lage unter Kontrolle hat, selbst in sich verschärfenden Krisenzeiten. Manchmal kommt man damit durch, und dann wird der Tanz auf Messers Scheide als Weisheit und Weitsichtigkeit verkauft. Doch meistens verliert man die Kontrolle tatsächlich und es kommt zur Katastrophe.
Die Türkei kommt in genau diese Lage. Eine Eskalation des Konflikts in der Region wird für das Trio Erdoğan-Gül-Davutoğlu überlebenswichtig. Allerdings sind sie nicht in der Lage, im Alleingang gegen irgendwen in den Krieg zu ziehen. Dessen ungeachtet kann jeder Aggressor bezüglich der Türkei beruhigt sein - sie wird mit jedem koalieren, der es der türkischen Armee anbieten kann, ein wenig herumzuballern, relativ egal, auf wen.
(Fortsetzung folgt)

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