Peter Singer und die aktuelle Diskussion

Peter Singer. Foto: Joel Travis Sage

Peter Singer. Foto: Joel Travis Sage

Der Reclam-Verlag möge mir verzeihen. Aber in Anbetracht der wieder aufgeflammten Diskussion um die Ethik Peter Singers, der am vergangenen Wochenende den Ethik-Preis der Giordano Bruno Stiftung (gemeinsam mit Paola Cavalieri) für das Great Ape Project erhielt, halte ich es für angebracht, ihn selbst zu Wort kommen zu lassen.

Denn leider geht es in all den Diskussionen um die Person Singers einmal mehr nicht um das eigentlich preiswürdige Engagement Singers: die Rechte von Menschenaffen, sondern wieder um die alte Diskussion wegen eines Kapitels in Singers Buch „Praktische Ethik“.

Ich halte es für erstaunlich, dass Einige erstaunt darüber sind, dass sich an der Person resp. der wissenschaftlichen Aussage Peter Singers auch nach 20 Jahren wieder – mit den gleichen Argumenten – die Diskussion erregt. Als ich erfuhr, dass er einer der Preisträger sein wird, war mir klar, welch einen Sturm das auslösen würde.

Leider scheinen sich die Argumente- insbesondere der Kritiker –  in den vergangenen zwei Jahrzehnten nicht entwickelt zu haben.

Vor mir liegt die Reclam-Ausgabe des umstrittenen Buches. Es ist die zweite, erweiterte Auflage von 1994, bei der es im Anhang (ab Seite 425) einen Aufsatz Singers gibt, der sich mit der wiederaufgeflammten Diskussion befasst. Daraus die folgenden Zitate:

Im Wintersemester 1989/90 bot Dr. Hartmut Kliemt, Professor für Philosophie an der Universität Duisburg, ein Seminar an, für das mein Buch Praktische Ethik die grundlegende Kurslektüre für die Studenten war. [...] Bis Kliemt seine Lehrveranstaltung ankündigte, hatte es nie mehr als lebhafte Diskussionen ausgelöst. Das Seminar jedoch war organisierten und wiederholten Störungen durch Protestierende ausgesetzt, welche die Verwendung des Buches deshalb ablehnten, weil in einem der zehn Kapitel die aktive Euthanasie für schwerbehinderte Neugeborene befürwortet werde. Als sich nach einigen Wochen kein nachlassen der Störungen abzeichnete, sah sich Kliemt zum Abbruch des Seminars gezwungen. [es folgen weitere, ähnliche  Beispiele aus Deutschland und Österreich]

Wer glaubt, es gäbe überall in Westeuropa einen festen Konsens, der Gedanken- und Diskussionsfreiheit im allgemeinen und wissenschaftliche Freiheit im besonderen unterstützt, der empfindet diese Szenen als Schock. Wie es dazu kam, ist jedoch unschwer zu erklären. Die ganze Geschichte beginnt mit Ereignissen, an denen ich unmittelbar beteiligt war. Sie nimmt ihren Anfang mit einer Einladung zu einem Vortrag im Juni 1989 auf dem europäischen Symposium über Bio-Technologie, Ethik und geistige Behinderung, das die Lebenshilfe, die wichtigste Organisation in Deutschland für Eltern geistig behinderter Kinder, und das Bischof-Beckers-Institut, eine vergleichbare holländische Organisation, veranstalteten.[...]

In diesen Vorlesungen beabsichtigte ich, eine Auffassung zu vertreten, die ich in mehreren früheren Publikationen dargelegt habe: daß nämlich die Eltern schwerstbehinderter Neugeborener zusammen mit einem Arzt über das Leben oder den Tod ihres Kindes entscheidungsbefugt sein sollten. Falls die Eltern und ihr medizinischer Berater darin übereinstimmen, daß das Leben des Neugeborenen so elend oder ohne minimale Befriedigung sein würde, daß es unmenschlich oder vergeblich wäre, das Leben zu verlängern, dann sollte es erlaubt sein, einen raschen und schmerzlosen Tod herbeizuführen. Eine solche Entscheidung könnte vernünftigerweise dann getroffen werden, wenn das Neugeborene zum Beispiel mit Anenzephalie, d.h. ohne Gehirn, zur Welt käme.[...]

Diese Position gerät natürlich in Konflikt mit der traditionellen Lehre von der Heiligkeit menschlichen Lebens; aber es ergeben sich allseit bekannte Schwierigkeiten bei Versuchen, diese Doktrin in säkularen Begriffen ohne ihre traditionelle religiöse Untermauerung zu vertreten. [...]

Bald war in der Tagespresse über die Proteste zu lesen. Der Spiegel veröffentlichte einen vehementen Angriff gegen mich, verfaßt von Franz Christoph, dem Wortführer einer sich selbst zur „Krüppel-Bewegung“ ernannten, militanten Organisation behinderter Menschen. … Er vermittelte den Lesern keinerlei Vorstellung der ethischen Grundlage, von der aus ich die Euthanasie befürworte, und zitierte Sprecher der Behindertengruppen, die augenscheinlich glaubten, ich zweifelte ihr Lebensrecht an. [...]

Als ich mich in Saarbrücken zum Vortrag erhob, setzen ein Trillerpfeifen-Konzert und das Geschrei eines kleinen Teils der Zuhörerschaft ein, der es auf Verhinderung meines Vortrags angelegt hatte. Professor Meggle gab den Demonstranten Gelegenheit zu begründen, warum ich ihrer Meinung nach nicht reden sollte. Dabei zeigte sich allerdings ihr gründliches Mißverständnis meines Standpunkts. Viele glaubten offensichtlich, ich stünde politisch weit rechts. Jemand gab zu bedenken, daß mir die Erfahrung der Deutschen mit dem Nationalsozialismus fehle; jedoch waren er und andere Zuhörer betroffen, als ich ihnen sagte, ich sei Kind österreichisch-jüdischer Flüchtlinge und drei meiner Großeltern seien in Konzentrationslagern der Nazis umgekommen. [...]

Die Ereignisse des Sommers 1989 hallen noch immer in der geistigen Auseinandersetzung in Deutschland nach. Zu den positiven Aspekten gehört, daß jene, die die Kontroverse über die Euthanasie im Keime ersticken wollten, alsbald herausfanden, daß, wie so oft, aus dem Versuch, Gedanken zu unterdrücken, lediglich die noch weitere Verbreitung derselben folgt.[...]

siehe auch:
Zur Debatte um Peter Singer von Michael Schmidt-Salomon
Für Tierrechte und eine aufgeklärte Streitkultur (hpd)

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