Pessimismus ist ein Virus (4.Spieltag: Alemannia Aachen – Energie Cottbus 0:2)

13.Oktober 2006: Für insgesamt 18 Stunden steht Alemannia Aachen nach einem 3:1-Auswärtserfolg gegen den FSV Mainz 05 an der Spitze der 1.Fußball-Bundesliga. Den Ausgleich in der Partie erzielte Thomas Stehle, genannt „Die Axt“.

13. August 2011: Alemannia Aachen festigt souverän mit einem 0:2-Gegurke gegen Energie Cottbus vor eigenem Publikum mit null Punkten in vier Spielen und einem einzigen Törchen den letzten Tabellenplatz in Liga 2 und hält sich eisern an der roten Laterne fest. Männern scheint es im Rotlicht zu gefallen.

Auf der Bank saß bei diesem Spiel Thomas Stehle. Warum erwähne ich ihn?
Sieht man sich die Entwicklung der letzten Jahre an, dann ist die Axt der Einzige, der damals bei unseren fulminanten Jahren zwischen Pokalfinale, UEFA-Cup und Erstliga-Besuch großteils dabei war. Er kennt unseren Verein aktuell wie kein anderer und ich stell mir vor, dass er genauso schockiert ist wie die 13.000 auf dem Tivoli und ich schätze mal 1000 Exilanten, die das Spiel gegen Energie nur am TV/PC verfolgen konnten.

Nach dem Abpfiff gegen Energie Cottbus, die zugegebenermaßen nicht so schlecht waren, wie ich da noch irrte, kamen in mir die branchenüblichen Gefühle hoch. Null Punkte, zwei lust- oder mutlose Auftritte vor eigenem Publikum, da muss etwas passieren. Am liebsten hätte ich in den Stunden des restlichen Samstags Trainer, Manager, Spieler, Geschäftsführer, Vorstand, Zeugwart und wer sonst noch so beteiligt war an diesem Tag hochkant in den Ar*** getreten und Arividerci gerufen.

Der zeitliche Abstand macht ruhiger. Vielleicht auch ein wenig objektiver. Fakt ist, es sieht derzeit schlimm aus. Fakt ist, irgendetwas muss sich ändern, denn die Leidenschaft, die letzte Saison ab und an aufflammte, fehlt vor allem bei Heimauftritten. Erst die gelb-rote Karte gegen Sergiu Radu, genauso übertrieben wie vorwöchig die Kartons gege Junglas, brachte etwas Grell ins Spiel – bis dann plötzlich das 0:2 fiel.

Fakt ist aber auch, dass wir nicht in Aktionismus verfallen dürfen. Letzte Saison beispielsweise hielt Fortuna Düsseldorf trotz sechs punktlosen Spielen zu Beginn am Trainer fest und landete letztendlich sogar vor uns auf Rang 7. Arminia Bielefeld wechselte nach Spieltag 11 und vier Punkten den Trainer und sammelte daraufhin in 23 Spielen auch nur sechzehn Punkte (drei wurden im April nachträglich abgezogen).
So oder so kann man handeln. So oder so kann es ausgehen.

Pessimismus ist ein Virus, denn den ganzen Samstag über war ich angesteckt von den Abstiegseuphorikern und sah selber kein Licht mehr für die Alemannia am Horizont. Da muss man wirklich höllisch aufpassen, aber wenn man emotional so involviert ist wie die tausenden anderen Fans fällt es schwer, kühlen Kopf zu bewahren.

Ich sehe das Problem jetzt nicht unbedingt im Trainer. Seine Schwächen sind offenkundig und bereits in letzter Saison offensichtlich. 60 Gegentore sind normalerweise eine Abstiegsbilanz. Mehr Gegentore hatten lediglich die vier Tabellenletzten in der vergangenen Saison.
Auch am Kader kann es nicht liegen, denn die Fehler in der Abwehr machen gestandene Leute wie Olajengbesi oder Feisthammel, von Erb gegen Pauli mal ausgenommen. Auch die Neuzugänge wie Sibum, Haddouir oder Stipermann sind nicht schlecht. Im Gegenteil, gerade die beiden Niederländer sind ein wahrer Glücksgriff für Aachen.

Aber warum schaffen sie es nicht dieses Können umzusetzen? Es fehlt nicht an Spielintelligenz, denn Kratz, Uludag, Stiepermann oder Fardi besitzen ausreichend. Und das wir mit Auer einen langsamen, aber sonst treffsicheren Stürmer haben, steht auch fest.

Sollte ich spekulieren, würde ich auf psychische Hemmnisse tippen. Gerade zuhause gab es solch mutlose Auftritte, dass es mich fröstelt, als wäre sibirischer Winter. Doch solche Blockaden kann man lösen, auch mit dem vorhandenen Trainerstab. Ein Tor, vielleicht ein zweites oder ein dreckiger Sieg, schon könnte es ein Selbstläufer werden.
Doch so leicht man auf psychischer Ebene handeln kann, desto schwerer wiegt es, wenn es misslingt. Pessimismus ist ein Virus, der sich tiefer in die Gehirnwindungen bohrt, je mehr Nahrung er bekommt. Davon kann glaub ich jeder Öscher ein Lied von singen.
Und dieser Virus ist schlimmer als jede fehlende Qualität im Kader.

Um dem Virus entgegenzuwirken, die Stimmung unter den Fans zu heben und dies vielleicht auf die Spieler zu übertragen, stimme einfach mal ein Liedchen an. Denn lieber mit wehenden, aber hoffnungsvollen Fahnen untergehen, als pessimistisch die Zukunft zu fürchten. Denn Hoffnung ist ebenso ein Virus. Aber der Virus schadet nicht.


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