Permanente Gewissensprüfung und Lebenswillen – “Friedensfähigkeit als Gesinnungsmerkmal” (Teil6)



Grundzüge der Ehrfurchtsethik Albert Schweitzers (B)
Die permanente Gewissensprüfung und der Lebenswillen

Albert Schweitzers Antrieb, neue ethische Grundlagen für humane Lebensbedingungen  zu schaffen und zwar durch eine Ethik, die die Kulturkrise (siehe Teil4) außer Kraft setzt, setzt für ihn ein lebensbejahendes, optimistisches “Ehtisches Wollen” (siehe Teil5) voraus.


Einer, der Barmherzigkeit mit der Natur übte, war Franz von Assisi (1126-1226). Schweitzer bewunderte ihn schon seit seiner Studentenzeit. Assisi, der sich zunächst Kranken und Aussätzigen zugewandt hatte, blieb nicht nur bei der menschlichen Fürsorge stehen, er hat auch alle nicht menschlichen Lebewesen in seine tätige Liebe einbezogen. Schweitzer hat ihn als den “tiefsten der Heiligen” verehrt.

“Nicht pantheistisch ist dieses Lebensgefühl, sondern pankreatürlich. Im Aufblick zu Gott erlebt Franziskus [Franz von Assisi] sich und die Natur als Geschöpfe des gleichen Vaters.” (1)

Permanente Gewissensprüfung und Lebenswillen – “Friedensfähigkeit als Gesinnungsmerkmal” (Teil6)

Albert Schweitzer bewundert Franz von Assisi

Pankreatürlicher Natur ist auch die Einstellung Schweitzers. Die Einzelleistung des Heiligen der katholischen Kirche ist für den Protestanten Schweitzer allerdings eine Forderung an alle Menschen.  Sicherlich weiß er auch, daß der Mensch im Alltag kaum die Chance hat, ein “heiliges” Leben zu führen. Die Lebensbedingungen verhindern den Idealtypen des wahrhaft ethischen Menschen.  Schweitzer ist völlig klar, daß es Situationen gibt, in denen man nicht die Möglichkeit hat, Leben zu erhalten. Auch für ihn ist die Hilfe für Menschen primär.

Sachzwänge: Lebensbedingungen verhindern den Idealtypen des wahrhaft ethischen Menschen

Die ethischen Forderungen treffen auf Grenzen ihrer Realisierbarkeit, seien sie durch die Natur, seien sie durch die Gesellschaft bedingt. Diese Grenzen nennt man heute “Sachzwänge”. Der Wille zum eigenen Leben läßt oft zu, daß fremdes Leben nicht gefördert, sogar geschädigt und in letzter Konsequenz sogar vernichtet wird. Auf diese unbestreitbaren Tatsachen lenkt Schweitzer ebenfalls sein Augenmerk.
Über die Natur
sagt er: “Der große Willen zum Leben, der die Natur erhält, ist in rätselhafter Selbstentzweiung mit sich selbst. Die Wesen leben auf Kosten des Lebens anderer Wesen. Die Natur läßt sie die furchtbarsten Grau- samkeiten begehen.” (2) Über den Menschen sagt er: “Die Notwendigkeit, Leben zu vernichten und Leben zu schädigen, ist mir auferlegt.” (3)

“Das Gute Gewissen ist ein Gewissen, das nicht arbeitet”

Albert Schweitzer erkennt durchaus realistisch, daß Menschsein ohne Töten in dieser Welt nicht möglich ist. Seine Ziele werden klar: Eindämmung des Tötens; Eindämmung der Schädigungen fremden Lebens; Einschränkung und Überwindung eines blinden, brutalen Egoismus, der auf übertriebener Selbstbehauptung basiert. Dies ist nur möglich, wenn die Menschen jede Schädigung und jedes Töten eines fremden Lebens als Belastung ihres Gewissens erleben. Kein Mensch hat das Recht, selbstverständ- lich in fremdes Leben einzugreifen. Entscheidungen im Leben eines Menschen werden getroffen im Konflikt zwischen Hingabe an das Leben und eigenem Lebenswillen.

“In der Wahrheit sind wir, wenn wir die Konflikte immer tiefer erleben. Das gute Gewissen ist eine Erfindung des Teufels.” (4)

Schweitzers Ehrfurchtethik will gerade kein abgestumpftes Gewissen. Ein “gutes Gewissen” setzt er gleich mit einem Gewissen, das nicht arbeitet. Arbeitet ein Gewissen, dann setzt es die Möglichkeit und die Fähigkeit zur Entscheidung frei, die aufgrund eigener Realitätsprüfung und eigener Normsetzung zustande kommt. Wenn durch andauernde und ernsthafte Gewissensprüfungen das unnötige und gedankenlose Schädigen und Töten von Kreatur überwunden werden könnte, wäre das ein Anfang in der Entwicklung zu einer Gesellschaft, die der Kreatur und der gesamten Natur Ehrfurcht entgegenbringt, ohne tatsächliche, wirkliche Opfer zu leisten.

Situationen, in denen wirkliche Opfer gefragt sind, wären zum Beispiel: Rettung fremden Lebens unter Einsatz des eigenen. Das überstiege die Ebene des allgemein Forderbaren. Solche Situationen können nicht durch Normen festgelegt werden.
[Es handelt sich dabei um eine ethische Sonderproblematik, mit der sich unter anderem Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) befaßt hat. Gewissens-Entscheidung: "Jedes verantwortliche Handeln wird schuldig, sonst würde es die persönliche Unschuld über die Verantwortung stellen." (5) Die "letzte Konsequenz" eines arbeitenden Gewissens ist die "ultima ratio" - für Dietrich Bonhoeffer war diese Gewissensproblematik im verbrecherischen Unrechtssystem des 3. Reiches -aber auch generell- von erheblicher persönlicher und gesellschaftlicher Bedeutung.]

Albert Schweitzers Ehrfurchtsethik: Anspruch und Pflicht zugleich

Die Ehrfurchtsethik Albert Schweitzers ist eine fordernde. Sie erhebt den Anspruch eines “Pflicht-Bewußtseins”.  In ihrem Rahmen entsteht “Pflicht” aus dem Anspruch des Willens zum Leben im eigenen Selbst – und allen Lebewesen, die diesem “Selbst” anvertraut sind, an das Handeln.
Ein 17-jähriger  schrieb in einem Brief an seinen Vater: “Papa .. es wäre doch zu schade, wenn ich statt zu leben nur in der Schule gesessen hätte, um mich auf eine Zukunft vorzubereiten, die vielleicht möglich, aber nicht mehr wahrscheinlich ist.” (6)

Glaubhafte Vorbilder

Dieses Zitat, eines Jugendlichen stammt aus der Zeit der atomaren Bedrohung des “Kalten Krieges”. Im Angesicht der Fukushima-Katastrophe, den globalen existenzbedrohenden Problemen, den Kriegen und Bedrohungen von heute, behält diese Aussage über Jahrzehnte hinweg ihre Gültigkeit. Und sie ist eine Forderung an alle Vorbilder. Ziel muß es sein, den starken Lebenswillen zu fördern, der hinter dieser Bankrotterklärung an die “Welt der Erwachsenen” sichtbar ist. Und zwar indem die Umstände, die zu einer pessimistischen Haltung führten, geändert werden.

Lebenswillen, Lebensmut und Lebenskraft

Auch wenn wir in einer Gesellschaft der Gewalt mit “der Krankheit der Un- friedlichkeit” leben, tragen wir für unsere Lebenseinstellung als Vorbilder Verantwortung. “Friedlosigkeit ist eine seelische Krankheit”, die den Willen zum Leben schädigt, davon war der Psychoanalytiker und Sozialphilosoph Horst-Eberhard Richter (1923-2011) überzeugt. (7)
Schweitzer kennt ebenfalls die Gefahren, die aus einem übermächtigen Druck pessimistischer Erkenntnisse auf den Lebenswillen einwirken. Die Auseinandersetzung zwischen dem”Erkennen und dem Willen zum Leben” (8) führt häufig zur Selbstaufgabe, zur Resignation bis hin zum Suizid: “Wer will uns da wehren, von der uns verliehenen Freiheit Gebrauch zu machen und das Dasein von uns zu werfen? Jeder denkende Mensch macht mit diesem Gedanken Bekanntschaf” (9) Er kommt aber am Ende seiner Überlegung zu folgendem: “Der Wille zum Leben ist stärker als die pessimistische Erkenntnis. Instinktive Ehrfurcht vor dem Leben ist in uns, denn wir sind Wille zum Leben”. (10)
Um den Lebenswillen, den Lebensmut , die Lebenskraft zu erhalten, zu entfalten, dürfen wir uns nicht von der Welt gefangen nehmen lassen. Es ist nötig, daß wir gegen eine Welterkenntnis, die zwangsläufig pessimistisch sein muß, unserem “Dasein einen Sinn von innen heraus” (11) geben müssen, was nur gelingt, wenn man der Welt ein “lebendiges und tätiges Interesse” (12) entgegenbringt.  Pflichtbewußte Tätigkeit ist ein Gebot des eigenen Lebenswillens. Es ist durch dieses Gebot in aktiver Auseinandersetzung mit der Welt möglich, der grausamen Anfechtung des Relativismus und Pessimismus zu entgehen. Es ist möglich, durch eben jene pflichtbewußte Tätigkeit immer neue Antworten, Ziele und Wege zu finden.
Das betrifft alle Vorbilder, Eltern, Lehrer und Erwachsene, weil diesen viele “Willen zum Leben” anvertraut sind. Wer sein eigenes Leben bejaht, tätig und an der Welt interessiert ist, wird zum positiven Gegengewicht.

.

Lesen Sie die einführenden Artikel über Albert Schweitzer, “Friedensfähigkeit als Gesinnungsmerkmal” <Teil1> <Teil2> <Teil3>
Lesen Sie über Grundlagen und Grundzüge der Ehrfurchtsethik in:
<Teil4> <Teil5> und folgende

Alle bisherigen Artikel über Albert Schweitzer in der Übersicht
finden Sie <hier> aufgelistet

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Quellen – weiterführende Links

Foto: Das älteste, noch zu Lebzeiten entstandene Bild des Franz von Assisi, ein Wandgemälde im Sacro Speco in Subiaco (Gemeinfrei – frei verwendbar)

(1) Goez, Werner, Gestalten des Hochmittelalters, Darmstadt 1983 , S. 325
(2) Schweitzer, Albert, Die Ehrfurcht vor dem Leben, Grundtexte aus 5 Jahrzehnten, Hrsg. V. Hans Walter Bähr, 3. erw. Auflage2, München 1982, S32
(3) Schweitzer, Albert: Gesammelte Werke in fünf Bänden Rudolf Grabs, (Hrsg.) München 1974, (1) Band 2, Seite 387
(4) s.0. Band2, Seite 388
(5) Fleischer, Christoph: Die Ethik Dietrich Bonhoeffers
(6) Richter, Horst Eberhard: Zur Psychologie des Friedens, Hamburg 1.Aufl. 1982, Seiten 143, und 222.
(7) s.o. Seite 300 und eine gleichnamige kurze Broschüre als PDF-Download
(8) Schweitzer Albert, Band 2, Seite 342
(9) Schweitzer Albert, Band 2, Seite 342
(10)Schweitzer Albert, Band 2, Seite 343
(11)Schweitzer Albert, Band 2, Seite 346f
(12)Schweitzer Albert, Band 2, Seite 341

Die Grundlage für diese Artikelserie ist das Material des Herausgebers zur Wissenschaftlichen Hausarbeit zum Thema “Friedenserziehung in den Sek.II” an der Justus-Liebig-Universität Gießen, vorgelegt im Fachbereich Religionswissenschaften im Jahr 1986.

<hr>
Horst Eberhard Richter erhielt mit “Ärzte gegen den Atomkrieg”, deren Ehrenvorsitzender er war, den Friedensnobelpreis 1985. Für ihn war Friedlosigkeit eine seelische Krankheit.

Er führt im Interview mit Sandra Maischberger aus: “Die Medien verhalten sich heute wie eine vierte Waffengattung im Krieg”

(aus dem Jahr 2003, quelle: N-tv auf Youtube.com, uploader docuville)
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