Paul R. Schneider • Der ‚Prediger von Buchenwald’

Paul Robert Schneiders Tod wurde von der Welt mit größter Sorge beachtet, in einem ‚Letter to the Editor’ erschien in der britischen Times am 25. Juli 1939 ein Nachruf des anglikanischen Bischofs von Chichester, George Kennedy Allen Bell, Paul  Schneiderder ihn als ersten deutschen Märtyrer bezeichnete. Dietrich Bonhoeffer sprach in Verbindung von Paul Schneider vom ersten evangelischen Märtyrer in der Zeit des Nationalsozialismus. Weltweit gab es Nachrufe oder zumindest Mitteilungen in den Printmedien der damaligen Zeit. Diese öffentliche Anteilnahme und Aufmerksamkeit hinterließ eine gewisse Verwunderung bis in die Spitzen der Machthaber; denn diese fragten sich: Wer war eigentlich dieser Paul Robert Schneider?

Der Pfarrerssohn Paul Schneider wurde am 29. August 1897 im Hunsrück geboren und war durchaus ein Kind seiner Zeit. Gleich nach dem ‚Notabitur’, einem Konstrukt um auch jüngere Jahrgänge für die Schützengräben der Ersten Weltkriegs rekrutieren zu können, meldete er sich freiwillig zum Militärdienst und lernte den Krieg in all seinen schmutzigen Facetten kennen. Erwachsen geworden und um Erfahrungen ‚reicher’ begann Paul Schneider nach dem Ende des Krieges sein Theologiestudium in Gießen, Marburg und Tübingen. Er entwickelte sich zu einem aufrechten, doch auch konservativen Theologen, der einer Liberalisierung innerhalb der evangelischen Theologie eine Absage erteilte. Im Deutschland der 20er Jahre wurden viele gesellschaftlichen Werte in Frage gestellt, Paul Schneider gehörte in dieser Zeit nicht zu den ‚Modernen’, wobei er präzise unterschied, welche gesellschaftlichen Prozesse angeschoben wurden und welche Belange aus seiner Sicht theologisch unumstößlich waren. Die Trennung von Staat und Kirche hieß er nach  evangelischer Tradition für richtig, befürwortete auch einen moderaten gesellschaftlichen Wandel, doch in Hinsicht auf theologische Fragen ließ er keine Kompromisse zu. Um es griffiger auszudrücken, kann man sagen, dass seine gesellschaftliche Sichtweise sich an der Bergpredigt Jesu orientierte; kollidierten diese Inhalte mit gesellschaftlichen oder politischen Einstellungen, so blieb Paul Schneider dem Geist und den Worten der Bibel streng und unwiderruflich treu. Nach dem abgeschlossenen Studium und der darauf folgenden Vikariatszeit wurde er 1925 in der Gemeinde Hochelheim, der Kirche der sein Vater vorstand, zum Pfarrer ordiniert und trat dann seine erste Stelle in Essen an. Nach dem plötzlichen Tod seines Vaters 1926, wurde er Gemeindepfarrer eben dieser ‚Vater-Gemeinde’ und zwar auf Wunsch der Gemeindemitglieder und der Kirchenleitung, ein Umstand, der noch von Paul und Margaret Schneidergroßer Bedeutung sein wird, schaut man auf den weiteren Lebens- und Leidensweg von Paul Schneider. Da die existentielle Grundlage gegeben war, heiratete Paul Schneider im gleichen Jahr seine Jugendliebe Margarete, eine Pfarrerstochter, und gründete mit ihr eine Familie, aus der sechs Kinder hervorgingen. Bis 1934 lebte die Pfarrersfamilie hoch angesehen im Pfarrhaus von Hochelheim. Die erste Kollision mit der Kirchenleitung erfolgte nach der Machtübergabe an Hitler im Januar 1933, denn es alle Glocken sollten am 21. März 1933 in Deutschland läuten, an diesem Tag trat der neue Reichstag unter der Ägide Hitlers und seiner ‚Getreuen’ das erste Mal vor das Parlament. In der Zeit von 12:00 Uhr bis 12:30 sollten alle Kirchenglocken läuten um den Einzug der Parlamentarier, wie mit Schallmaienklang zu begleiten. Zwar war sich Paul Schneider am Anfang nicht wirklich sicher, was von Adolf Hitler zu halten sei, doch sah er, dass die Ziele des Nationalsozialismus mit denen der Aussagen der Bibel nicht im Einklang standen, auch wenn die Mehrzahl der damaligen Christen dies ganz anders interpretierten. So kam Paul Schneider zu dem Schluss, dass in seiner Gemeinde die Glocken nicht läuten dürften, zumal es dahingehend keinen Beschluss der Kirchenleitung gab. Vor dem Gemeinderat plädierte er: „Nicht nur um des Übergriffs der NSDAP und der kommunalen Behörden in die Rechte der Kirche willen, sondern auch um der politischen Zurückhaltung willen seitens der Kirche und um deutlich zu machen, dass wir nicht Staatskirche sind, bittet der Vorsitzende, den Antrag abzulehnen, ohne damit dem nationalen Tag irgendwie zu nahe zu treten.“ Der Gemeinderat stellte sich gegen ihren Pfarrer, die Glocken läuteten und Paul Schneider musste früher oder später daraus seine Konsequenzen ziehen, denn die Mehrheit seiner Gemeindemitglieder waren Wähler der NSDAP. Schneider selbst schloss sich dem ‚Pfarrernotbund’ an, aus dem sich nach der ersten Barmer Bekenntnissynode, 1934 die Bekennende Kirche herausbildete; eine protestantische Gegenbewegung zu den ‚Deutschen Christen’. Paul Schneider fand schnell seinen Platz innerhalb der Bekennenden Kirche, was aber für ihn und seine Familie bedeutete, die bisherige Gemeinde verlassen zu müssen.

Der Bekanntheitsgrad von Paul Schneider war zu dieser Zeit bereits beachtlich, viele seiner Predigten waren publiziert worden, so war es keine Schwierigkeit eine neue Gemeinde für sich zu finden. Er und seine Familie fanden im Hunsrück Paul R Schneiderseiner Kinder- und Jugendtage eine neue Heimat. Am 8. Mai 1934 führte ihn der Superintendent Gillman in die Kirchengemeinden Dickenschied und Womrath ein. Die Familie Schneider lebte sich in das neue Pfarrhaus ein, doch das nächste aufeinanderprallen mit der NS-Ideologie und seinen Anhängern ließ nicht auf sich warten. Anlass war die Beerdigung eines Hitlerjungen in einer Nachbarkirchengemeinde, bei der die NS-Kreisleitung mit großem Pomp auftrat und bereits im Nachruf schrieb, dass der Junge gesegnet sei und in den himmlischen Sturm von Horst Wessel aufgenommen werden würde, denn Gott würde ihn segnen und ihn im Himmel freudig begrüßen. Empört entgegnete Paul Schneider: „Ich lege Protest ein. Dies ist eine christliche Beerdigung, und ich bin als evangelischer Pfarrer verantwortlich dafür, dass das Wort Gottes unverfälscht verkündet wird!“ Schweigend ging man nun auseinander. Dieses Aufeinanderprallen von Staat und Kirche führte am Tag darauf, dem 13. Juni 1934, zu Schneiders erster Verhaftung. Diese als ‚Schutzhaft’ deklarierte Maßnahme sollte eine Woche dauern. Im März 1935 wurde Paul Schneider wieder für nun drei Tage verhaftet, da er sich weigerte die neue ‚rassisch-völkischen Weltanschauung’ von der Kanzel zu verkünden. Im darauf folgenden Jahr fanden die letzten Reichstagswahlen statt, die gar keine richtigen Wahlen mehr waren, denn auf den ‚Wahlzetteln’ stand nur die NSDAP zur Wahl und diese musste mit ‚Ja’ angekreuzt werden. Paul Schneider und seine Frau gingen erst gar nicht zu dieser ‚Wahl’, die ja von vornherein als Farce anzusehen war. In den Tagen nach der Wahl wurde das Pfarrhaus mit den Worten „Er hat nicht gewählt! Vaterland? Volk, was sagst du?!“ beschmiert, wieder stand der größte Teil der Gemeinde hinter ihm, Gemeindemitglieder säuberten die Hauswände, doch die Konfrontationen gingen weiter; Paul Schneider aber blieb beharrlich. Da an den evangelischen Volkschulen seiner Gemeinden zwei Lehrer die ‚Deutsche Glaubenslehre’ verbreiteten und auch Eltern gegen den Pfarrer opponierten, sehr zum Gefallen der NSDAP-Kreisleitung, kam es immer wieder zu Verhaftungen von Paul Schneider, doch er ließ nicht von seiner Meinung ab. So wurde er offiziell des Ortes verwiesen und wurde nach seiner letzten Verhaftung durch die Gestapo in Wiesbaden entlassen. Die Entlassung war mit einem Aufenthaltsverbot für die Rheinprovinz verbunden, er kam erst einmal bei befreundeten Pfarrern unter, doch seine Gemeinde rief ihn zurück, denn der größere Anteil der Bewohner hielt zu ihrem Pfarrer. So ging er zurück, in der Annahme, würde er ausschließlich die Bereiche der Kirche, des Kirchengeländes, wie Friedhof, Gärten und Pfarrhaus betreten, so könnten die staatlichen Stellen ihn nicht belangen. Seine Einstellung dahingehend machte er öffentlich publik und dies auch bis zur Reichskanzlei des ‚Führer’ begründete er seine Schritte. Er argumentierte sein Verhalten mit der Nichteinmischung des Staates in kirchliche Angelegenheiten. Genauso wie er sich politischer Belange entzog, außer es ging um Menschen in Bedrängnis, doch dahingehend antwortete er ausschließlich als Christ und Pfarrer, nicht als Bürger. Einer solchen Differenziertheit konnte ein Regime das auf Gleichschaltung aller Organe der Gesellschaft setzte, nur mit Repressalien antworten. Am 27. November 1937 wurde Paul Schneider nach Weimar in das neu errichtete Konzentrationslager Buchenwald verlegt, wo er Zwangsarbeit verrichten musste. Der Arbeit im Steinbruch konnte er aufgrund seiner guten körperlichen Verfassung standhalten, manchmal sogar für andere Arbeit mit übernehmen. Im Konzentrationslager, in dem zu jener Zeit politisch, religiös oder rassisch Verfolgte sowie Kriminelle einsaßen, jüdische Häftlinge  kamen erst nach den Novemberpogromen 1938 hinzu, wurde er für seine Mitgefangenen zum ‚Prediger von Buchenwald’ und galt mit seinem Handeln als Halt für die Häftlinge, an einem Ort der Grausamkeiten. Als er bei einem Fahnenappell anlässlich des Führergeburtstages am 20. April 1938 den Hitlergruß verweigerte, seine Mütze nicht abnahm und als Begründung angab: „Dieses Verbrechersymbol grüße ich nicht!“, wurde er öffentlich mit Stockschlägen bestraft und in eine Einzelzelle des Arrestgebäudes, in den sogenannten ‚Bunker’ gesperrt. Trotz schwerster Womrath Paul-Schneider-GedenktafelMisshandlungen unterließ er es auch weiterhin nicht, aus seinem Gefängnis heraus das Evangelium zu verkünden. Am Ostersonntag soll er sich trotz größter Schmerzen an den Gitterstäben seiner Zelle hochgezogen und den tausenden von Häftlingen draußen auf dem Appellplatz zugerufen haben: „Kameraden, hört mich. Hier spricht Pfarrer Paul Schneider. Hier wird gefoltert und gemordet. So spricht der Herr: ‚Ich bin die Auferstehung und das Leben!‘“ Weiter kam er nicht. Massive Stockschläge ließen den ‚Prediger von Buchenwald’ wieder verstummen. Über ein Jahr lang wurde Paul Schneider in der Einzelzelle gefangen gehalten und vor allem vom Aufseher Martin Sommer gequält, bis er körperlich nur noch ein Wrack und dem Tode nahe war. Alle gegen ihn bei einem Sondergericht in Köln anhängigen Verfahren waren am 10. Juni 1938 eingestellt worden, da nur eine geringe Strafe zu erwarten war. Er hätte das Konzentrationslager auf der Stelle verlassen können, wenn er sich dem Ausweisungsbefehl aus der Rheinprovinz gebeugt hätte, was er aber nicht tat, da er sich unter Berufung auf den kirchlichen Eid seinen Gemeinden in Dickenschied und Womrath verpflichtet fühlte. Zuletzt kam er, von den Haftbedingungen und Misshandlungen schwer gezeichnet und mit Wasser in den Beinen, auf die Krankenstation, wo man ihn soweit wieder herstellte, dass ihm die Folter nicht mehr sofort anzusehen war. Als dies erreicht war, wurde er dort am 18. Juli 1939 durch den Lagerarzt Erwin Ding-Schuler nach dem Bericht des Häftlings-Schreibers Walter Poller durch eine starke Überdosis des Herzmedikaments Strophanthin ermordet.

Seine Frau wurde über den Tod ihres Mannes informiert, und sie erhielt die Möglichkeit, den Leichnam nach Dickenschied zu holen. Mit Unterstützung reiste Margarete Schneider sofort nach Weimar und nahm den versiegelten Sarg in Empfang. Er wurde in das Evangelische Krankenhaus Simmern gebracht, dort blieb er unter Polizeiaufsicht bis zur Beisetzung. Der geschundene Leichnam des Pfarrers wurde nach Dickenschied überführt. Trotz Vorkehrungen seitens der Gestapo fand die Beisetzung, bei der Friedrich Langensiepen die Predigt hielt, unter sehr großer Anteilnahme der Bevölkerung statt. Es kamen Gäste von weit her, auch aus dem benachbarten Ausland waren viele angereist, unter ihnen etwa 200 Pfarrer. Katholische Gasthausbetreiber verwiesen Gestapo-Mitarbeiter zu deren Überraschung des Hauses, weil sie an der Beisetzung teilnehmen wollten. „So werden Könige begraben“, meinte einer der Gestapomänner angesichts der mehreren hundert Beerdigungsgäste, die seine Aufgabe, die Teilnehmer zu notieren, Briefmarke Paul Schneiderunmöglich machten. Das von den ‚Deutschen Christen’ beherrschte rheinische Konsistorium beschwerte sich nach der Beisetzung bei der Gestapo, dass sie die Angelegenheit nicht im Griff gehabt habe. „Diese öffentlich weithin wirksame Begräbnisfeier hätte verhindert werden müssen“, so die ‚Deutschen Christen’.

Für Paul Schneiders Grabmal wurde 1939 vom Bildhauer und Prediger Wilhelm Groß, der selbst aktives Mitglied der Bekennenden Kirche war, eine Holzstele gestaltet. Schneiders Beisetzung in Dickenschied wurde zu einer Demonstration gegen das NS-Regime und erregte Aufsehen weit über die Grenzen Deutschlands hinaus, sein konsequentes Handeln sollte uns bis heute zu Denken geben.

Nach der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus arbeitete seine Frau intensiv daran, die Gedanken ihres Mannes zu veröffentlichen, große Unterstützung fand sie dabei in Gustav Heinemann, dem späteren Bundespräsidenten …

Weiterlesen:

➼ Wie alles begann: Grundstein für ein Terrorregime

➼ 30. Januar 1933 • Beginn eines Terrorregimes

➼ Nationalsozialismus: Gleichschaltung auf allen Ebenen

darüber hinaus:

➼ Helmut Gollwitzer • Ein Sozialist und Christ

➼  Dr. Franz Kaufmann • Erschossen im KZ Sachsenhausen

➼  Alois Andritzki • Getötet im Konzentrationslager Dachau

➼  August Dickmann • Erster Kriegsdienstverweigerer der NS-Zeit

Bild 1: Paul Schneider – Quelle: wikimedia.org · Bild 2: Paul und Margarete Schneider – Quelle: lvr.de · Bild 3: Paul R. Schneider – Quelle: lvr.de · Bild 4: Gedenktafel Paul Schneider – Quelle: wikimedia.org · Bild 5: Briefmarke Paul Schneider – Quelle: wikimedia.org


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