Paroxetin – Geschenk des Himmels oder Nachricht aus der Hölle | mein Erfahrungsbericht

Paroxetin – Geschenk des Himmels oder Nachricht aus der Hölle  mein Erfahrungsbericht

Zur Erklärung [auszugsweise http://de.wikipedia.org/wiki/Paroxetin]:
 
Paroxetin ist ein antidepressiv wirkender Arzneistoff aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und (…) unterliegt der ärztlichen Verschreibungspflicht.
 
Paroxetin wird zur Behandlung von Depressionen, Zwangsstörungen, Panikstörungen, sozialen Angststörungen, generalisierten Angststörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen und Fibromyalgie eingesetzt.
 
Unter der Anwendung von Paroxetin können insbesondere folgende Nebenwirkungen beobachtet werden: Appetitstörungen, Störungen des Magen-Darm-Trakts, Schlafstörungen, Verwirrtheit, Halluzinationen, sexuelle Dysfunktion (…), Schwitzen, Parästhesie (Kribbeln der Haut), Restless-Legs-Syndrom (krampfähnliche Empfindungen in den Beinen) und Gewichtszunahme.
 
Paroxetin hat keine aktiven Metaboliten und eine relativ kurze Plasmahalbwertszeit von etwa 24 Stunden. Es wird vermutet, dass dies der Grund für häufigere Absetzerscheinungen, im Vergleich zu anderen SSRIs, ist.
 
Nach der Einnahme über einen längeren Zeitraum können beim Absetzen des Medikaments erhebliche Absetzerscheinungen auftreten, weshalb ein Ausschleichen über einen Zeitraum von mehreren Wochen bis Monate in den meisten Fällen sinnvoll ist. Es können unter anderem Schwindel, sensorische Störungen (einschließlich Parästhesie, Stromschlaggefühl und Tinnitus), Schlafstörungen (einschließlich intensiver Träume), Agitiertheit oder Angst, Übelkeit, Zittern, Konfusion, Schwitzen, Kopfschmerzen, Durchfall, Palpitationen, emotionale Instabilität, Reizbarkeit und Sehstörungen auftreten. Bei den meisten Patienten sind diese Symptome nur leicht bis mittel, sie können bei einigen Patienten jedoch auch stark ausgeprägt sein. Oft klingen die Symptome nach einigen Wochen ab, sie können jedoch bei einigen Patienten auch zwei bis drei Monate oder länger anhalten. Wenn nach Dosisverringerung oder Absetzen stark beeinträchtigende Absetzerscheinungen auftreten, kann eine langsamere Dosisreduktion bzw. ein langsameres Ausschleichen angezeigt sein.

 
Einigen von euch dürfte bekannt sein, dass ich im November letzten Jahres auf ärztliches Anraten mit der Einnahme des Medikaments Paroxedura begonnen habe. Ich leide unter einer starken Panikstörung, die womöglich auch ursächlich für meinen Reizdarm war. Die Dosis wurde über einen kurzen Zeitraum stufenweise erhöht und betrug schließlich 40 mg pro Tag. Das SSRI erschien mir schon nach kürzester Zeit wie ein Geschenk des Himmels: Ich war bester Laune, Magen und Darm ebenfalls, und konnte mich plötzlich ohne Panikattacken in Menschenmengen bewegen. Selbst die Gewichtszunahme von noch einmal beinahe zwanzig Kilo (acht bis zehn hatte ich bereits seit Februar 2013 durch die Nikotinentwöhnung auf der Hüfte bekommen) konnte ich dank der Wirkung des Paroxetins milde lächelnd hinnehmen. Meistens jedenfalls.
 
Alles fein also.
 
Bis vor zwei Monaten.
 
Schlagartig zeigte das Paroxetin sein wahres Gesicht. Aus dem Geschenk des Himmels wurde eine Nachricht aus der Hölle: Seh- und Schlafstörungen, Stromschlaggefühle im Kopf, anhaltender Schwindel und Kopfschmerz, dauerhafte Muskelschmerzen am ganzen Körper – und letztlich immer öfter Weinkrämpfe aus heiterem Himmel. Oder der Hölle eben. Und das in jeder wachen Sekunde.
 
Hallo? Geht’s noch?
 
Sieht man mal von dem leidigen Magen-Darm-Übel ab, das mich schon mehr als mein halbes Leben begleitet, verschlechterte sich mein Gesundheitszustand sowohl auf körperlicher als auch auf psychischer Ebene rapide. Aus ärztlicher Sicht waren all diese Symptome auf den täglichen Stress und körperliche Überanstrengung zurück zu führen, obwohl ich mich selbst keinesfalls als übermäßig gestresst oder überlastet empfand und das auch geäußert habe. Eine ziemlich unbefriedigende Situation.
 
Selbst wenn ich ein totaler Kalender- und Terminplaner-Freak sowie passionierte daily-to-do-Listen-Führer-und-gewissenhaft-Abhakerin  bin, neige ich ab und an doch zu spontanen Aktionen. Was mich da jedes Mal packt, weiß nur der Geier – und der fliegt hoch. Ich habe mich also spontan entschieden, das Paroxetin ausschleichen zu lassen.
 
Wegen der anhalten, starken Kopf- und Muskelschmerzen wurde ich erst vor wenigen Wochen über einen längeren Zeitraum mit Schmerzmitteln in hoher Dosis behandelt. Als daraufhin eine Verschlimmerung der Beschwerden eintrat, setzte man mich gewissermaßen auf „kalten Entzug“. Am ersten Tag ohne die Gesamttagesdosis von 2.400 mg Ibuprofen fühlte ich mich nur ein bisschen „weh“. Am zweiten Tag hämmerte der Schädel und ich fühlte mich wie von einem Troll massiert. Am dritten Tag war ich dann völlig out of order und habe – glücklicher Weise – fast nur geschlafen. Am vierten Tag war ich verkatert, aber damit war es dann auch schon überstanden.
 
Ich bin die Ausschleichung des Paroxetin also langsam angegangen und habe die Dosis stufenweise über jeweils zwei Wochen reduziert. Schließlich fangen sich im Internetz jede Menge Fische und die haben viel zu erzählen. Mir war also bekannt, dass das Paroxetin – kurz gesagt – am schnellsten süchtig macht und der Entzug daher nicht selten ziemlich heftig ist. Ja, das war mir alles bekannt.
 
Wirklich bewusst wird es mir allerdings erst jetzt.
 
Tag 1 ohne Paroxetin [Samstag]
Mein Kopf so: „Ähm…? Frollein? Kann es sein, dass du heute etwas vergessen hast?“
Ich so: Ignorieren. Ignorieren. Ignorieren.
Mit Herabsetzen der Dosis verstärkt sich inzwischen das bekannte Schwindelgefühl und ich beginne, intensiver zu träumen.
Intensiver werden auch die Weinkrämpfe aus heiterem Himmel. Ich bin jetzt quasi ein Überraschungsheuler.
 
Tag 2 ohne Paroxetin [Sonntag]
Kopf: „Verdammt! Du hast es gar nicht vergessen! Du gibst mir gar nichts mehr?“
Ich: „Rischdiiieeesch! Funktionierst also noch, altes Köpfchen.“
Kopf: „Na, warte! Das wird dir noch leid tun!“
Ich: „Pfff!“
Körper: „Hallo? Wir sind zu zweit! Merkste watt?“
Ich [es bilden sich leichte Panikpusteln im Gesicht]: „Ihr macht mir keine Angst!“
In der Nacht beginnen die Magenkrämpfe.
 
Tag 3 ohne Paroxetin [Montag]
Kopf und Körper: „Tanze Samba mit mir! Samba, Samba die ganze Nacht!“
Ich: „Hmhmmm.“
Tatsächlich werden die Träume immer bunter und verworrener. Ich spiele bereits mit dem Gedanken, ein Drehbuch mit dem Titel Hallo, Hallus! zu schreiben.
Da mich niemand für Schönschrift bezahlt, ignoriere ich das anhaltende Händezittern.
Was die Hochspannungsleitung angeht, die inzwischen jemand in meinem Kopf gespannt hat, ist es schon weniger einfach. Es fühlt sich an, als bekäme mein Hirn abwechselnd stärkere und schwächere Stromschläge, die Ohren pfeifen anhaltend und mit jedem gefühlten Stromschlag setzt heftiger Drehschwindel ein.
Kopf: „Naaa? Was sagste nun?“
Ich: „Mein eigenes, strombetriebenes Karussell im Kopf. Ganz toll! Dankeschön.“
Kopf: „Bitteschön. Noch viel Spaß damit!“
Gegen Abend zwingt mich mein kopfinterner Elektroschocker fast in die Knie. Aber ich schaffe es, nicht heulend ins Bett zu fallen und den Anblick einer schauspielerisch völlig talentfreien Dramaqueen zu geben.
Körper: „Schöne Scheiße, was?“
Ich: Ignorieren. Ignorieren. Ignorieren.
Die Magenkrämpfe klingen ab. Es sind nur noch Magenschmerzen. Aber der Darm spielt verrückt. Ich trage mich tatsächlich mit dem Gedanken, wieder zu rauchen und somit meine Verdauung kontrollieren zu können. Im Vergleich zu diesem chemischem Psychodreck kommt mir das wie das geringere Übel vor. Außerdem {und dazu stehe ich} habe ich immer gerne geraucht. Das Aufhören war damals auch eine meiner seltenen Spontanaktionen.
 
Tag 4 ohne Paroxetin [Dienstag]
Erkenntnis des Tages: Aufregung und Anstrengung forcieren die Elektroschocks im Kopf und den Schwindel zusätzlich.
Erkenntnis des Abends: Schwindel mit Schwindel bekämpfen funktioniert nicht. Ein Liter Bier zum Halbfinale neutralisiert das Kopfkarussell nicht. Selbst die Träume in der LSD-Version bleiben – mit dem Unterschied, dass ich mich am Morgen an nichts mehr davon erinnern kann.
Insgesamt setzt Dusseligkeit ein. Ich bekomme immer öfter das unangenehme Gefühl, neben mir zu stehen. Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Na, prima :(
Kopf und Körper [mit außerordentlich gehässigem Unterton]: „Naaa? Wie isses uns, altes Mädchen?“
Und ich [todernst und aufrichtig]: „Danke für den Arschtritt, ihr beiden.“
Ich war – behauptet zumindest meine Omi – nie ein Trotzkind.
Inzwischen bin ich stark ambitioniert.
 
Entschluss: Ich werde mir mit fünfundvierzig Jahren nicht mehr von einer Psychodroge vorschreiben lassen, in welcher Stimmung ich zu sein habe? Ich bin ich (egal wie viele *gacker*) und bestimme künftig wieder selbst, ob ich gute oder schlechte Laune habe. Was mir gefällt und was ich doof finde. Was mir gut tut und was nicht.
 
In meinem Bauch vereinen sich Trotz und Wut. Eine gesunde Wut, weil sie mir helfen wird, mich von den Absetzerscheinungen – so fies sie vielleicht noch werden und wie lange sie auch noch dauern wollen – nicht unterkriegen zu lassen!
 
Tag 5 ohne Paroxetin [Mittwoch]
Das vorübergehende Taubheitsgefühl von Lippen, Wangen, Stirn und Nase ist jetzt  dauerhaft. Ich könnte mir aktuell ohne einen einzigen Autschlaut das komplette Gesicht piercen lassen. Na, das ist ja mal eine Option, was?
Gegen Mittag breitet sich ein unangenehmes Kribbeln am ganzen Körper aus. Vielleicht ist das aber auch nur auf die Müdigkeit zurück zu führen, die wiederum dem Fußballabend zu schulden ist ;)
Selbst mit bestem Willen und Beschönigen ändert sich am Elektrokarussell nichts. Im Gegenteil: Die Stromschläge haben jetzt auch meine Hände erreicht.
 
to be continued … and won!
 
Ihr Lieben, ich könnte mir nun die Frage stellen, wer meinem langatmigem Bericht bis hierher verfolgt und tatsächlich gelesen hat. Tue ich aber nicht. Jedenfalls nicht laut ;)
 
Ich weiß, dass ich mit meinem SSRI-Problem nicht alleine bin. Und gerade das ist es, was mich dazu veranlasst hat, diesen Post zu verfassen.
 
Selbst wenn mir Paroxetin ein halbes Jahr lang meine Lebensqualität zurück gegeben hat, ist es den Preis nicht wert, den ich nun zu zahlen habe. Meine Schilderungen mögen sich wie Kinkerlitzchen anhören. Schließlich kann ich noch aufrecht gehen. Was soll also das Geheule?
 
Die Nebenwirkungen des Medikaments und nunmehr der Absetzerscheinungen bleiben was sie sind: eine unberechenbare Belastung für Körper und Geist. Für mich. Für andere. Eine Belastung, die zu vermeiden gewesen wäre.
 
Ich vertrete inzwischen die Meinung, dass Antidepressiva viel zu leichtfertig verordnet und eingenommen werden. Dass es an ausreichend Aufklärung mangelt („Nebenwirkungen haben Sie schließlich bei jedem Medikament!“). Das Danach wird nicht oder nur ungern angesprochen, weil es offenbar gar nicht in Betracht kommt?

Merkste watt? Nach obigem Satz kam ein Fragezeichen. Mein Post ist also keine Anklage gegen eventuell überarbeitete Ärzte und/oder vertrauensselige Patienten (so wie ich das bin). Ich bin überzeugt, dass sehr oft die Notwendigkeit besteht und es bislang auch keine Alternative zu Antidepressiva gibt. Ich schreibe hier nur die Erfahrung nieder, die ich persönlich gemacht habe. Für mich selbst. Und vielleicht auch für den Einen oder Anderen, der nach genau solchen Informationen gesucht hat.
 
Passt gut auf euch auf und lasst es euch gut gehen,

sig_umpf


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