Papageien, Sonne, Santa – Weihnachten 2010

Draußen schneit es, seit Tagen beginnt der Tag mit Schneeschippen, der Verkehr liegt fast still, in der Nacht fällt die Temperatur auf einen ungekannten Tiefpunkt. – So sah Weihnachten dieses Jahr in Deutschland aus. So ein bisschen neidisch waren wir ja, dass der Schnee liegen blieb und die Natur am Weihnachtsmorgen sogar noch einmal richtig Neuschnee auflegte. Auf Facebook und per E-Mail sendeten alle Bilder von ihren eingeschneiten Autos, Schlittenfahrten und kuschligen Kaminöfen. Weihnachten war emotional wohl einer der schwierigsten Tage unserer Reise. Zum größten Teil taten wir einfach so, als wäre es ein ganz normaler Tag, um nicht zu traurig zu werden.

Weil wir am Abend offiziell wieder zurück zu Anu und Jimmy ziehen sollten, ergriffen wir die letzte Gelegenheit und standen am Weihnachtstag um 5.00 Uhr morgens auf, mit der Hoffnung Kägurus oder Koalas zu sehen. Denn Jimmy hatte uns erzählt, dass diese Tiere im angrenzenden Busch am frühen Morgen zu sehen seien. Chris, der von Beruf Pilot und Google-Earth somit seine Lieblingscomputerprogramm ist, zeigte uns am Tag davor einen kleinen Bushwalk, auf dem wir eventuell ein paar Waldbewohner sehen würden. Hingerissen zwischen „durch den Wald schleichen, um Kängurus zu sehen“ und „möglichst auf uns aufmerksam machen, damit die Schlangen sich nicht erschrecken“ bewegten wir uns mehr oder weniger unauffällig durch den Wald, der noch zu Christian and Sharon’s Grundstück gehörte. Durch ein Tor gelangten wir immer tiefer in den Busch. Ab und zu hörten wir etwas, das Sprünge hätten sein können. Leider bekamen wir auch dem ganzen Rundgang keinen Hüpfer oder Kletterer zu Gesicht. Dafür aber auch keine Schlangen. Trotzdem machten wir eine tolle Entdeckung: In mehreren Bäumen saßen die unterschiedlichsten Papageien: grau mit pink, rot-grün-blaue, neongrüne etc. Was man sonst nur im Zoo sieht, fliegt hier also frei rum. Um noch mehr exotische Tiere zu sehen, gingen wir, als wir wieder zurück am Haus waren, auf die Wiese der Alpakas. Leider waren sie zu scheu, um mal ihr superweiches Fell zu berühren. Sharon gab uns später die Möglichkeit, in dem sie sie fest hielt, während sie uns viel über die Tiere erklärte, zum Beispiel, dass es nicht selten ist, dass zweigeschlechtliche Tiere geboren werden.

Nach dem Frühstück gingen die Vorbereitungen für die Weihnachtsparty los. Als wir gerade die Gartenstühle mit dem Gartenschlauch von Spinnen und Dreck befreiten, kam das Auto von Jimmy an und vier weitere Wwoofer unterstützten uns bei den Vorbereitungen. Mit vereinten Kräften standen schnell alle Tische und Stühle für über dreißig Leute unter dem großen Sonnendach auf der Terasse. Wir bereiteten Essen mit vor und die ersten Verwandten trafen ein, Nachbarn schauten kurz rein und Haus und Garten füllten sich langsam. Mit Tonnen von Eis wurden die Getränke in einer riesigen Plastikmuschel gekühlt. Bevor der Großteil der Gäste eintraf, aßen wir noch einen kleinen Snack zum Mittag. Alleine hier saßen wir schon zu vierzehnt an dem Tisch und verspeisten unmengen an Sandwiches, Salat und Käse. Mir war nicht klar, wie man 30 Gäste satt bekommen sollte. Die lezten zwei Wwoofer kamen mit Anu an, so dass wir nun zu zehnt die Gastgeber unterstützen konnten. Wir teilten uns in zwei Gruppen auf: Die einen halfen, dass Essen um den Tisch zu bringen und den Leuten aufzutischen. Die anderen räumten danach ab und wuschen ab – die Geschirrspülmaschine war leider genau an diesem Tag überfordert, so dass wir viele Teller einfach per Hand spülten. Mit so vielen Leuten ging alles erstaunlich schnell. Dennoch stellte sich bei mir das Gefühl an, eher zu arbeiten, als zu feiern. Aber das war ok, denn wir wollten Weihnachten ja sowieso etwas verdrängen. Die zwei französischen Wwoofer Gwenna und Christopher waren total schockiert, als alle Speisen zusammen auf einen Teller geladen wurden, nach ungefähr einer halben Stunde das Essen vorbei war und wir den Tisch abräumten. In Frankreich, erklärten sie uns, isst man mindestens vier Stunden und mehrere Gänge geordnet nacheinander.

Die zwei kleinen Jungs von Sharon und Christian waren die einzigen Kinder bei dieser Weihnachtsfeier und konnten die Spannung kaum aushalten, denn sie wussten, das „Santa“ am Abend mit jeder Menge Geschenke vorbei kommen würde (allerdings hatte ihnen auch schon ein unsensibler Erwachsener die Wahrheit über den Mann erzählt, jedoch schienen sie zwischen Glauben und Zweifel hin und her gerissen zu sein). Tatsächlich klingelte, als sich alle nacheinander im riesigen Wohnzimmer versammelt hatten, eine Glocke und ein rotweißer Weihnachtsmann kam ins Zimmer. Die Kinder bemerkten nicht, dass es ihr Stiefopa war und auch nicht, dass dieser den Geschenkesack vergessen hatte. Zum Glück gab es die Weihnachtsmannhelferin die den Sack artig hinterhertrug. Nacheinander wurde jedes Familienmitglied aufgerufen, musste sich auf Santas Schoß setzen und ein Weihnachtslied singen. Irgendwer war so weitsichtig und brachte eine aktuelle Zeitung mit, die die gebräuchstlichsten englischen Wiehnachtslieder angedruckt hatte. „Jingle Bells“ und „Rudolph the red-nosed reindeer“ erklangen trotzdem des öfteren. Niemand musste wirklich alleine singen, immer stimmte ein Großteil der Familie mit ein, so dass auch die schiefsten Stimmen übertönt wurden. Eine Abwechslung stellten Anus Familienmitglieder dar, die estländische Weihnachtslieder vortrugen. Die klangen durchweg ein wenig traurig. Die beiden französischen Wwoofer mussten einzeln nach vorne und sangen jeder ein sehr schönes französisches Weihnachtslied. Wir deutschen Helfer überlegten fieberhaft, wie die Texte unserer Lieder gingen und stimmten uns ab, um ja nicht alles doppelt zu singen. Doch wir hätten uns gar keinen Stress machen müssen, denn wir wurden alle auf einmal nach vorne gerufen. Jere und ich sangen „Drauße’ im Wald (hat’s a kloins Schneele g’schneit)“, ein schwäbisches Winterlied. Alle zusammen sangen wir dann noch „Kling Glöckchen (klingelingeling)“ und bekamen jeder eine verpackte Tüte Schokobonbons vom Santa höchstpersönlich in die Hand gedrückt.

Nach der Bescherung machte sich Santa vom Acker und wir bereiteten die Desserts vor. Die größte Aufgabe dabei war, den Küchentresen leer zu bekommen und zu halten, damit wir die Kuchen, Puddings und anderen Süßspeisen dort verteilen konnten. Dies war so schwer, weil nun auch alle anderen Geschenke unter dem Baum auf die Gäste verteilt wurden und jeder den von uns geschaffenen Platz als ideale Ablage ansah. Natürlich gab es „Pavlova“, eine Eischnee-Zucker-Speise mit Früchten, um deren Erfindung sich Neuseeländer und Australier streiten. Außerdem hatten einige Gäste englischen „Pudding“ (komischer Kuchen) und undefinierbare andere süße Speisen mitgebracht. Nachdem alles stand, eröffnete irgend jemand das Buffet und wir schlugen uns die Bäuche voll, bevor wir im Abwaschmarathon alle Teller und Schälchen abwuschen. Nach dem Dessert verabschiedeten sich alle Gäste relativ schnell, so dass um zehn schon so gut wie alles zu ende war. Wir räumten die Terasse auf und freuten uns auf das Resteessen am nächsten Tag.

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