Panik in Weltkasino

Junge Welt, 26.06.2013
Mächtige Notenbanken wie die US-Fed und Chinas Volksbank wollen exzessive Gelddruckerei beenden. Es ist jedoch fraglich, ob sie das überhaupt noch können

Seit rund einer Woche herrscht Panik im spätkapitalistischen Weltkasino. Ein Doppelschlag, ausgeführt von den Zentralbanken Chinas und der USA (Chinesische Volksbank und Fed), hatte das Weltfinanzsystem in schwerste Turbulenzen gestürzt. Am vergangenen Mittwoch deutete Fed-Chef Ben Bernanke an, die Geldpolitik allmählich moderater gestalten und die exzessiven Anleihenkäufe (»quantitative Erleichterung«) bis Mitte 2014 beenden zu wollen. Damit pumpte und pumpt die Fed allmonatlich rund 85 Milliarden US-Dollar in die heißgelaufenen Finanzmärkte. Am Donnerstag kündigte dann Chinas Notenbank an, die Gelddruckerei ebenfalls einzustellen. Man werde auf weitere Liquiditätsspritzen für die Finanzbranche künftig verzichten, hieß es. Es gilt, den wuchernden Schattenbankensektor in der Volksrepublik einzudämmen.
Die Reaktionen darauf waren grotesk bis beängstigend. Neben den Börsen in den USA und Europa – die durchweg mit kräftigen Kursabschlägen reagierten – litten vor allem chinesische Aktienhandelsplätze stark. Der wichtige Shanghai Composite Index fiel am Dienstag den zweiten Tage in Folge um rund fünf Prozent. Binnen einer Woche »verbrannten« nahezu 15 Prozent der Börsenwerte der im Index zusammengefaßten Aktien. Dramatische Einbrüche gab es auch in den meisten Schwellenländern. Der MSCI Emerging Market Index verlor gegenüber seinem Hoch im Januar nahezu 20 Prozent.

Der Wertverlust beschränkt sich nicht auf die Aktienmärkte, sondern es brennt an allen Ecken und Enden. So verfiel der chinesische Interbankenhandel am Donnerstag mit Zinssätzen von weit mehr als zehn Prozent bei kurzfristigen Krediten in Schockstarre. Die begann sich erst allmählich zu lösen, als Berichte durchsickerten, wonach die Zentralbank den Finanzsektor abermals mit frischem Geld versorgen werde. Die Währungen der meisten Schwellenländer werteten gegenüber dem US-Dollar rasch ab. Das erhöht – in Wechselwirkung mit steigenden Zinsen – das Risiko von Schuldenkrisen und regelrechten Finanzzusammenbrüchen in diesen von den globalen Kapitalströmen extrem abhängigen Volkswirtschaften rapide. Die Panik hat auch die US-Anleihemärkte erfaßt. Dort kam es laut New York Times (NYT) zu einer »Stampede«, einer panikartige Fluchtbewegung der ganzen Zockerherde. Die Renditen (Zinsen) für zehnjährige US-Staatsanleihen erreichten inzwischen ein Zwei-Jahres-Hoch. »Die Leute verkaufen erst und stellen Fragen später«, erklärte ein Hedgefonds-Manager gegenüber der NYT.

Das Verblüffende ist, Bernanke und die chinesischen Währungshüter taten genau das, was angesichts überhitzter Märkte (und unübersehbarer Spekulationsblasenbildung, etwa auf dem chinesischen Immobilienmarkt) vernünftig schien. »Amerikas Notenbank geht vom Gaspedal«, was angesichts einer robusten Wirtschaftsentwicklung »angemessen« sei, kommentierte etwa die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). Dabei übersahen die zur monetaristischen Orthodoxie neigenden FAZ-Redakteure, daß es gerade die Geldvermehrung der Fed ist, die die Illusion einer »robusten« US-Wirtschaft aufrechterhält.

Chinas Staatskapitalisten haben indes den Zusammenhang zwischen Billiggeld, wuchernden Finanzsektoren und Konjunkturbelebung voll erfaßt: »Wir können nicht mehr ein derartig schnelles Wachstum der Geldmenge wie in der Vergangenheit beibehalten, um das Wirtschaftswachstum zu fördern«, kommentierte die staatliche Fachzeitung China Securities Journal den Strategiewechsel der heimischen Notenbank.

Das Geldmengenwachstum und das dadurch induzierte Kreditwachstum dienten seit Krisenausbruch 2007 als zentrale Konjunkturbeschleuniger. Sie sollten die Folgen der geplatzten Immobilienblasen in den USA und Teilen Europas abfedern. Im Grund wurde dabei Feuer mit Benzin gelöscht: Die Gelddruckerei, die die desaströsen Folgen der Verschuldungsexzesse auf den Immobilienmärkten mildern sollte, führte zur Ausbildung weiterer Schuldenblasen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die ebenfalls platzen: in China, in den Schwellenländern, auf den Anleihemärkten.

Der finanzmarktgetriebene Kapitalismus gleicht einem Junkie. Wachstumsschübe kann er nur noch mit neuen Schuldenexzessen, immer größeren »Liquiditätsspritzen« generieren. Kurzfristiges Wirtschaftswachstum wird dabei durch langfristig zunehmende Instabilitäten des gesamten Systems erkauft, das an Spekulationsblasen und Schuldenbergen zu ersticken droht. Sobald diesem System seine Droge entzogen wird, steht es vor dem Kollaps: Die Refinanzierung des Finanzmarktkasinos kann nicht mehr aufrechterhalten werden, die Nachfrage bricht ein, die Industrieproduktion schrumpft.

Die kapitalistische Geldpolitik befindet sich somit in einer fundamentalen Aporie, in einem unlösbaren Selbstwiderspruch, bei dem sie zur Geisel der blind prozessierenden Krisendynamik wurde. Jeder Versuch, den Fuß vom „Gaspedal“ der expansiven Geldpolitik zu nehmen, lässt die Grundfeste des Weltfinanzsystems erschüttern. Das Beibehalten der expansiven Geldpolitik führt hingegen dazu, dass das Krisenpotenzial und die Instabilitäten immer weiter anschwellen – die zu noch größeren Verwerfungen in der Zukunft führen würden. Die Washington Post schätzt den chinesischen Kurswechsel in der Geldpolitik als Versuch, die Schuldenblasen in der Volksrepublik gezielt zum Platzen zu bringen, einen kontrollierten »Minikollaps, der dem ganz großen Knall vorbeugen soll«, herbeizuführen.

Diese kontrollierte Sprengung des chinesischen Schuldenberges im Volumen von rund 200 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung (Privatsektor) könnte auch durch die abnehmende Wirkung des kreditinduzierten Wachstums in der Volksrepublik motiviert sein. Denn wie bei einem Süchtigen üblich, nimmt die Wirksamkeit der Droge mit der Zeit ab: Laut neuesten Untersuchungen sank der Konjunktureffekt, den ein Yuan (Währungseinheit des Volksgeldes) Kreditaufnahme in China generierte, von 0,85 Yuan 2008/2009 auf derzeit nur noch 0,15 Yuan.


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