Open Road

Erstellt am 22. Juni 2011 von Gardner

Open Road (zur Musik aufs Foto klicken)

Bewegen. Der Drang nach Bewegung. Nur bloß heraus hier. Weg. Fort. Anderswo ist es immer schöner. Es war eng geworden um mich herum. Dann kamen die Fluchtgedanken zu einem Ausbruch aus dem matt goldenen Käfig, der unmerklich geschrumpft war. Oder war ich insgeheim weiter gewachsen? Vielleicht sogar über mich hinaus? Waren die ersten Schritte in meine neue Welt anfangs auch noch etwas tollpatschig, so habe ich mittlerweile wieder ganz gut laufen gelernt. Dann verspürte ich, dass die Kreise um meinen geografischen Mittelpunkt immer größer wurden 50 Kilometer, 100 Kilometer, heute sind 200 Kilometer und mehr auch keine Seltenheit mehr. Das zweite Flüggewerden. Mit den Erfahrungen, die die Zeit mit sich gebracht hat. Proud to be loud again. Gelenkt und geführt von meinem inneren GPS. Stauwarnung hin, Stauwarnung her. Meine kaltschnäuzige Ignoranz diesen Warnungen und den vom Navi ausgesprochenen Umleitungsempfehlungen gegenüber ist mittlerweile chronisch geworden. Meine Reaktionen auf den Stillstand jedoch sind nicht berechenbar. Entweder trommele ich nervös im Takt der Dudelmusik zwischen den Verkehrsnachrichten auf dem Lenkrad herum und verwünsche mich, diese Strecke gewählt zu haben und nicht die empfohlene Alternative, dann drohen ganze Panikattacken, dass ich nun sicher zu spät komme oder es überfällt mich eine beinahe an Wahnwitz grenzende beinahe mediterrane Ruhe und Gelassenheit, dass ich beginne, an mir selbst zu zweifeln. Dann hadere ich noch nicht einmal mit meinem Schicksal, klar, natürlich wieder einmal auf der Spur zu stehen, auf der alles noch schleppender voran zu gehen scheint als bei den anderen. Bisweilen kommt so etwas wie Genuss auf und ich schaue voyeurhaft durch die Fenster meiner Mitstaugeschädigten, sehe in deren Augen den Stress, den sie gerade erleiden, schüttle den inneren Kopf und ahne, wie blöd ich aussehen muss, wenn ich genervt mit den Fingern aufs Lenkrad trommele. Das seltsame bei diesen Staus ist, dass sie sich dann plötzlich in Nichts auflösen: Keine Baustelle, kein Unfall, kein Platzregen. Einfach nichts. Dann frage ich mich, wer die Güte hatte, uns alle hier einfach für eine Viertelstunde aus der Zeit zu nehmen und unsere Alltagstauglichkeit zu testen. Seitdem begegne ich Staus auf der Autobahn aber auch denen auf dem Schnellweg des Lebens weitaus ruhiger, denn ich weiß, sie werden wieder zur offenen Straße und ich werde doch am Ziel ankommen. Und das – wie auch jetzt – zur richtigen Zeit.