Ohne Vision, ohne Charme, ohne Charisma

Bereits vor vielen Jahren wurde in den USA eine Diskussion geführt, die als so etwas wie die Soziologie der Präsidenten genannt werden kann. Vorausgegangen war eine Untersuchung über Herkunft, Milieus und Sozialisation der jeweiligen US-Präsidenten. Hoch brisant waren die Schlussfolgerungen, die die Untersuchenden zu treffen hatten. Demnach waren diejenigen Präsidenten, die vor allem im politischen Milieu der Großstädte sozialisiert worden waren gute Verwalter, die das Geschäft kannten, aber keine Innovatoren, die in der Lage gewesen wären, das System zu verändern. Das blieb den Präsidenten vorbehalten, die aus der Provinz kamen und als junge Leute buchstäblich im Weizenfeld gestanden und auf einen unendlichen Horizont geblickt und dabei eine Vision entworfen hatten.

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Reflexionen über Visionslosigkeit – Foto: © hus / politropolis.de

Empirisch, am Beispiel der USA, ließen sich diese Thesen halten. In der nachfolgenden Diskussion wurde beklagt, dass die Tendenz immer mehr und auch natürlicherweise zu dem Politiktypus ginge, der seine Herkunft im urbanen Milieu habe und damit die Zeit für die Visionäre vorbei sei.
Aus dem Bauch betrachtet und bei einer Reflexion der Erfahrungen in Deutschland scheinen die Thesen allesamt nicht abwegig. Interessant ist allerdings aus heutiger Sicht noch eine weitere Entwicklung. Es ist die Frage, inwieweit in der Logik von heutigen Politikerinnen und Politikern, einmal unabhängig wo sie sozialisiert wurden, die Vorstellung von der Nützlichkeit einer Vision überhaupt noch existiert. War nicht der Großstädter Helmut Schmidt derjenige, die denen, die in der Politik Visionen nachhingen, dringend einen Besuch beim Arzt empfahl?

Vielmehr ist festzustellen, dass das Visionäre mit dem unbändigen Trend der Demoskopie aus der Politik gewichen sind. Plötzlich waren es nicht mehr Politiker oder Parteien, die mit Vorstellungen und Programmen um die Wählerschaft warben, sondern das Denken und vor allem das Fühlen der Wählerschaft selbst bis hin zu Detailfragen, das begann, das Handeln der Politik zu beeinflussen. Die Arithmetik dieses Trends hat zu dem Dilemma geführt, dass nun ausgerechnet ein Großteil der Wählerinnen und Wähler wiederum selbst beklagt: Eine sich in Alltags- und Detailfragen verlierende Politik ohne Vision, Charme und Charisma.

Die Branche, die über das politische Geschehen referiert, Presse und Medien, hat sich diesem Trend durch ein normatives Anforderungsprofil für Politiker angeschlossen. Da sind Pragmatiker gefragt, die auf das Tagesbedürfnis der Bevölkerung eingehen und es tunlichst vermeiden, die Notwendigkeit von schmerzhaften Schritten oder Anstrengungen zu formulieren, um politische Ziele erreichen zu können. Das Pendant zu diesem absurden Profil wurde in derselben Branche ebenfalls entwickelt, nämlich ein Volk, das zu jeder Idee und jeder Vorüberlegung bereits gefragt wird, ob es die Politik autorisiert, darüber weiter nachzudenken und das vor allem nie in seiner Selbstgerechtigkeit und vorurteilsbeladenen Befindlichkeit irritiert werden darf. Das ist die suggerierte Form guter Demokratie und bewirkt genau das Gegenteil. Es ist das tödliche Gift, das den politischen Diskurs unterbindet und zu einem scheinheiligen Brot-und-Spiele-Szenario abgleitet.
Politikerinnen und Politiker, die über Visionen verfügen, müssen dieses quasi geschickt kaschieren, um überhaupt noch einigermaßen fair behandelt zu werden. Wer die Notwendigkeit grundlegender Veränderungen auch nur andeutet, wird den medialen Wölfen zum Fraß vorgeworfen und man erzählt sich, dass es hier und da dennoch Politikerinnen und Politiker geben soll, denen es gelungen ist, Grundlegendes zu verändern. Das haben sie jedoch nicht kommuniziert und deshalb leben sie noch. Oder anders herum:

>>Die Prototypen der non-visionären Politik sitzen in der Bundesregierung, ohne Vision, ohne Charme, ohne Charisma. Kommt da nicht so langsam der Wunsch nach Politikerinnen und Politikern, die auf Wanderschaft waren, zur See gefahren sind oder im Kornfeld standen?<<

von Gerhard Mersmann

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Quellen – weiterführende Links

Foto: © hus / politropolis.de


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