Offener Brief an die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Erstellt am 12. August 2010 von Sgu

Offener Brief an:

Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit
z.Hd.v.
Wolfgang Gerhardt MdB, Vorstandsvorsitzender der Stiftung
Prof. Jürgen Morlok, Vorsitzender des Kuratoriums
Karen Horn, Vorsitzende der Jury
Karl-Marx-Straße 2
14482 Potsdam
11.08.2010
Sehr geehrte Frau Horn,
sehr geehrter Herr Gerhardt,
sehr geehrter Herr Professor Morlok,
stellen Sie sich bitte einmal kurz vor, Sie hätten heute in Ihrem Briefkasten folgende
Mitteilung vorgefunden:

„Die Internationale Gesellschaft für die Geschichte der Rhetorik/International Society for
the History of Rhetoric verleiht aus Anlass der vom 18.-22. Juli 2011 in Bologna/Italien
stattfindenden Konferenz einen Sonderpreis für herausragende, historische, rhetorische
Leistungen posthum an Joseph Goebbels.“

Sie hätten zu Recht mit Verachtung und Empörung auf eine derartige Preisverleihung
reagiert, weil sie den elementaren Grundsätzen eines liberalen Rechtsstaates
widerspricht. Sie werden sich fragen, was diese kleine, erfundene Geschichte mit Ihnen
bzw. der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit zu tun hat.
Ihre Entscheidung den Freiheitspreis Ihrer Stiftung in diesem Jahr der Soziologin Frau
Necla Kelek zu verleihen, ist für mich Auslöser des obigen Gedankenbildes gewesen. In
der Begründung zu Ihrer Entscheidung schreiben Sie:

„Necla Kelek ist der lebendige Beweis dafür, dass der Islam und der freiheitlichdemokratische
Wertekanon keine Gegensätze sind. In der Integrationsdebatte, in der es
immer auch um Grundsätzliches geht, hat Frau Kelek stets klar Position für den Wert der
Freiheit bezogen. Ihr Beispiel zeigt, wie gut Muslimen die Integration in die europäische
Wertegemeinschaft gelingen kann. Sie ist eine zeitgenössische Vertreterin der Aufklärung.“
Die Naumann-Stiftung will mit diesem Preis Persönlichkeiten würdigen, „die Impulse für
eine liberale Bürgergesellschaft gegeben haben und auf diese Weise zur Fortentwicklung
freiheitlicher Ziele und Werte beitragen“.
2

Diesem Anspruch ist die Stiftung mit der Verleihung des Preises an Hans Dietrich
Genscher und Maria Vargas Llosa sicherlich gerecht geworden, aber die Verleihung des
diesjährigen Preises an Frau Kelek konterkariert diesen Anspruch, er führt ihn ad
absurdum.

Frau Kelek, die sich in der Rolle der vermeintlichen Islamkritikerin gerne gefällt, beweist
mit ihren un- und disqualifizierenden Äußerungen über Islam und Muslime, dass sie von
zwei Dingen nichts versteht, nämlich vom Islam und der hohen Kunst der konstruktiven
Kritik.

In der Sendung des ZDF „Forum am Freitag“ vom 16.07.2010 hat Frau Kelek Folgendes
über Muslimische Männer zu sagen: “Der (muslimische) Mann ist ständig herausgefordert.
Er muss sich entleeren, heißt es, und wenn er keine Frau findet, dann ein Tier oder eine
andere Möglichkeit, wo er dem nachgehen muss. Es hat sich im Volk so durchgesetzt, es
ist ein Konsens.“ Muslimische Frauen, die den Hidschab wahren, werden von Frau Kelek
im selben Interview mit dem ZDF-Journalisten Kamran Safarian als „Islam bitches“ (in der
deutschen Übersetzung: Islam-Nutten bzw. Islam-Schlampen!) bezeichnet.

Soll das ein lebendiger Beweis dafür sein, „dass der Islam und der freiheitlichdemokratische
Wertekanon keine Gegensätze sind“, mit dem Sie Ihre Preisverleihung an
Frau Kelek erklären? In Form und Inhalt erinnern mich Frau Keleks Äußerungen an den
über Jahrhunderte hinweg gebräuchlichen, hasserfüllten Begriff und das Bild der
„Judensau“. Soll diese Sprache und dieses Gedankengut für mich als deutscher Muslim
Beispiel dafür sein „wie gut Muslimen die Integration in die europäische
Wertegemeinschaft gelingen kann.“ Ausgezeichnete Fäkalsprache als Ausdruck
gelungener Aufklärung und Integration?

Angesichts dieser Faktenlage hätte wohl auch der ermordete niederländische
Filmemacher Theo van Gogh, der Muslime als „Ziegenficker“ bezeichnete, gute Chancen
auf Ihren Friedenspreis gehabt.

Frau Keleks geistige Ergüsse über den Islam kann man selbst bei wohlwollender
Betrachtung nicht einmal als Halbwissen durchgehen lassen. Muslime sind nicht erhaben
über Kritik, und sie akzeptieren auch scharfe Kritik, wenn sie nur sachlich bleibt. Aber Frau
Keleks Äußerungen lassen daran zweifeln, ob sie jemals die Bücher, die sie kritisiert, wie
z.B. den Quran oder die Hadith-Sammlungen im Original bzw. im Kontext eines
authentischen Kommentars überhaupt gelesen hat. Ihre Äußerungen lassen viel mehr den
Schluss zu, dass sie auf der „Hau den Muslim“-Welle reitend, ihre Bücher Gewinn
bringend zu vermarkten sucht.
3

Der deutsche Ethnologe Werner Schiffauer hat Folgendes zu Frau Kelek festgestellt:
„Die Deutschen haben nur auf jemanden wie Kelek gewartet, der all das bestätigt, was sie
schon immer über Muslime gedacht haben.“ Hier muss man Brecht zitieren, der die Kunst
der Speichelleckerei zu den wenigen nicht brotlosen Künsten zählte, denn „die
Speichelleckerei nährt ihren Mann“, in diesem Fall die Frau!
Der im Jahr 2008 verstorbene Literatur-Nobelpreisträger Harold Pinter hat einmal
festgestellt, dass Kritiker nichts anderes sein als einbeinige Dozenten über den
Weitsprung; hätte er Frau Kelek gekannt wäre er sicherlich noch einen Schritt
weitergegangen!

Nun weiß ich endlich, dank der Preisverleihung an Frau Kelek durch Ihre Stiftung, wie die
FDP über Muslime und Islam denkt. Ich erfahre gerade, dass die FDP Hasspredigt und
billigsten Gossenpopulismus mit Liberalität gleichsetzt, diese sogar als preiswürdig
erachtet. Dass jemand wie Frau Alice Schwarzer die Laudatio – welch eine verhöhnende
Fehlbezeichnung! – auf Frau Kelek halten soll, setzt dieser schändlichen Preisverleihung
nur noch eine gewaltige schiefe Krone auf.

Die FDP war bei Wahlen für mich bis heute immer eine Alternative zu den großen
Parteien, insbesondere bei der Vergabe meiner Zweitstimme. Im März 2009 wurde in
einer Umfrage festgestellt, dass nur 0,9 % der Deutschtürken die FDP wählen würden. Ich
will Ihnen versichern, dass Ihre Entscheidung große Empörung und Unverständnis unter
Muslimen ausgelöst hat. Viele in der Muslimischen Gemeinschaft werden sich nun dafür
engagieren, dass der oben genannte Prozentwert in Zukunft unter wahlberechtigten
Muslimen nicht steigen wird, getreu dem Grundsatz Friedrich Naumann's „Erst wenn der
Einzelne sich einmischt, kann eine liberale Gesellschaft wachsen“, damit, frei nach
Friedrich Naumann, Freiheit eben nicht als Lizenz zur spaltenden, Hass säenden
Dummschwätzerei missbraucht werden und Achtung erfahren kann.

Werden Sie Ihre Entscheidung überdenken oder identifizieren Sie sich mit Frau Keleks
verunglimpfenden Aussagen über Muslime und Islam?

In diesem Sinne

Bilal Al-Faruqi