Oberflächlich

Ich sei oberflächlich, hattest Du gesagt, als wir uns das letzte Mal sahen. Im Chat. Wie jeden Abend. An jeden Tag in der Woche. Ich bin alles, aber nicht oberflächlich. Sagte ich, dann war es still und du warst weg. Oberflächlich, das ist dieser Chat, in dem sich Menschen treffen, die sich im wirklichen Leben oder auch „Real Life“ genannt niemals begegnen würden, weil sie einfach nicht zusammenpassen. Aber in dieser Community ist das egal. Da zählt das nicht. Da sieht man sich nicht. Da zählt der Trieb, der uns allumfassend umgibt und den selbigen zu befriedigen. Mehr nicht. Dein Bild ist schön, sagte ich, dass wo du einfach nur da liegst auf dem Bett. Nur in deiner Haut. Sonst nichts. 
Das, was im Inneren ist, sagtest du, darauf kommt es an. Ja, darauf, auf nichts anderes. Aber gehst du gerne mit Menschen durch die Straße, die einen Makel haben, einen Buckel, eine schiefe Nase oder sonst eine erkennbare, nicht makellos sichtbare Eigenschaft? Oder ist es dir egal? Hauptsache der nicht oberflächlich und nicht schöne Mensch kann lachen, wenn ihm zum Lachen ist, hat ein Herz, weil er sonst nichts anderes hat, mit dem er Aufmerksamkeit erregen kann, ist immer freundlich, und immer da wenn man ihn braucht, und er macht es dann, weil er denkt, dass es seine letzte Chance ist, weil sich sonst niemand für ihn interessiert oder sich mit ihm abgibt, oder weil er ganz einfach weiß, dass er hässlich, nein, nicht schön genug ist für unsere oberflächliche Gesellschaft. Oberflächlich, nein das bin ich nicht. Aber angepasst. Das bin ich. Angepasst, an unsere Gesellschaft. 
In der heutigen Gesellschaft zählt es nicht, dass das Innere stimmt. Nein das nicht. Aber wenn du hast, dann bist du was. Heute kannst du oberflächlich sein, solange du angesagt bist, solange du dich mit den angesagten Marken, die uns die Bekleidungsindustrie auf ihren großen Werbeplakaten zeigt, schmückst. Solange das alles stimmt, ist es, egal ob du oberflächlich bist. Dann bist du es Wert, dass man sich mit dir zeigt. Dann sagt man dir, dass man dich mag und dann gibt man dir das Gefühl etwas oder jemand zu sein. Und dann findet man sich toll. Man findet es toll anerkannt zu sein. Beliebt zu sein und viele Freunde zu haben in den Social Networks, die sich wie die Pest in unser Leben geschlichen haben und von denen man glaubt, dass unser Leben ohne Facebook und Co einfach nicht mehr funktioniert, es aber viel aufregender und viel Lebenswerter wäre ohne sie. 
Wir stehen am Morgen auf und das Erste was mir machen, noch vor dem Kaffeekochen, noch vor dem ersten Urinieren, noch vor dem Duschen, nachzusehen ob uns irgendjemand einen Like geschenkt hat für den geistigen Erguss, den man noch kurz vor dem Schlafengehen über den Äther geschickt hat. Es interessiert niemanden, wer gerade Langeweile hat oder wer wo mit wem war, aber jeden Morgen, schauen wir uns die immer wiederkehrende Message an. Und wir? Sind wir besser? Machen wir nicht genau das, was uns jeden Tag nervt oder schlichtweg überfordert? Schreiben wir nicht auch, was wir gerade für ein Buch lesen, obwohl es niemand wissen will, teilen wir nicht auch der Facebook-Welt mit, dass gerade das letzte Stück Toilettenpapier den Weg durch das Abflussrohr gefunden hat. Ich bin alles, aber nicht oberflächlich. 
© Danny Sahs  © http://gewuerfelteworte.blogspot.de/ Autor: Gewürfelte Worte
Datum: 8.9.13 Keine Kommentare Label: Kurztexte
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Rotwölfchen
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