Nur wenn unser Reden und Handeln übereinstimmen, sind wir glaubwürdig!

Von Wernerbremen

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Ihr Lieben,
heute Abend möchte ich Euch eine Geschichte von Herbert Erdmann erzählen:

„Tagebuch einer Neunjährigen“

Montag:
Heute Abend haben meine Eltern keine Zeit für mich. Der Steuerberater kommt.
Eine neunjährige Tochter, so hat Papa mir gesagt, muss doch Verständnis dafür haben, dass sie nicht stören darf und ruhig im Bett liegen muss, wenn wichtige Dinge besprochen werden.
Ich werde ganz brav sein im Bett.

Dienstag:
Die Nachbarn haben eingeladen. Und Mama hat gesagt: „Unsere Nachbarn sind doch so nette Menschen, und man freut sich immer wieder, wenn man mit netten Menschen zusammen sein kann.“
Ich werde an nette Menschen denken, wenn ich im Bett liege.

Mittwoch:
Papa muss zum Skatabend. Da gibt es wichtige Männer, mit denen man über wichtige Dinge sprechen kann. Das hat Papa gesagt. Mama will am Abend bügeln.
Ich werde, wenn ich im Bett liege, an gebügelte Wäsche denken. Und an wichtige Leute auch.

Donnerstag:
Heute Abend ist ein wichtiger Vortrag der Frauengemeinschaft. Mama darf dabei nicht fehlen. Ein Mann spricht über die Schädlingsbekämpfung auf Formosa. Papa ist müde und will sich früh ins Bett legen.
Vielleicht denkt er auch an die Schädlingsbekämpfung auf Formosa wie ich.
Vielleicht ist Formosa gleich nebenan.

Freitag:
Eigentlich hätten meine Eltern heute Abend Zeit für mich. Das haben sie gesagt. Aber im Fernsehen wird ein Film gezeigt, den ein neunjähriges Mädchen nicht sehen sollte. In fünf oder sechs Jahren darf ich den Film auch sehen, hat Mama gesagt.
Wenn ich heute Abend im Bett liege, werde ich versuchen, fünf oder sechs Jahre weiterzudenken. Papa und Mama dürfen das aber nicht wissen.

Samstag:
Heute gibt es einen sehr wichtigen Vortrag im Bildungswerk. Eine sehr wichtige Person spricht über das Thema: „Das Gespräch mit den Kindern“. Papa und Mama meinen, sie dürfen dabei nicht fehlen. Nach dem Vortrag gibt es eine Diskussion. Die kann lange dauern, habe ich gehört.
Auch daran werde ich denken, wenn ich im Bett liege.

Sonntag:
Über das „Gespräch mit den Kindern“ haben Papa und Mama viel Gedrucktes mit nach Hause gebracht. Das wollen sie heute Abend lesen. Ich soll dabei nicht stören.
Ich werde mich ganz still verhalten, wenn ich im Bett liege.


Ihr Lieben,

Bertolt Brecht hat einmal einen sehr guten Satz geschrieben:
„Wenn ich sehe, wie Du handelst,
dann interessiert mich nicht mehr, was Du mir zu sagen hast!“

Dieser Satz von Brecht ist deshalb so wichtig und klug, weil er von jungen Menschen stammen könnte, die sich in der Pubertät befinden, auch wenn sie den Inhalt vielleicht anders ausdrücken würden.

Eine Neunjährige/ein Neunjähriger lässt sich noch durch Gebote, durch Anordnungen, durch Verbote lenken, auch wenn sie/er sich bereits ihre/seine eigenen Gedanken macht.


Aber ein junger Mensch, der mitten in der Pubertät steht, ist nur noch dann zu lenken, wenn er in seinen Eltern oder Großeltern Vorbilder sieht, denen er nacheifern möchte.

Es ist wie, in unserer Geschichte, erfreulich, wenn sich Eltern für die Erziehung ihrer Kinder interessieren, aber sie müssen es auch in die Tat umsetzen.

In unserer kleinen Geschichte geht es aber nicht nur um das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, sondern es geht auch darum, wie wir mit anderen Menschen umgehen sollten.
Wir werden immer dann besonders überzeugend wirken,
wenn unser Reden und unser Handeln übereinstimmen.

Ich kann nichts mit Menschen anfangen, die mit leuchtenden Augen in einer Kirchengemeinde sitzen und einem Vortrag darüber lauschen, wie wir die Welt zum Guten verändern können, die aber abends keine Zeit finden, um ihren Kindern etwas vorzulesen, die alte einsame Nachbarin einmal zum Kaffeetrinken einzuladen oder keine Zeit haben, wenn ihnen jemand sein Leid klagen möchte und Trost sucht.

Ihr Lieben,

ich wünsche Euch nun ein rundum ruhiges gesegnetes Wochenende und grüße Euch aus dem wunderschönen Bremen

Euer fröhlicher Werner

Quelle: Karin Heringshausen