Nur der Chronist polemischer Weiten

 

Nee, das sei nichts für ihn, hat er mir gesagt. Er hat halt mitbekommen, dass ich schreibe. Hier bei ad sinistram, manchmal auch für das Neue Deutschland. Er wollte wissen, ob er da was lesen dürfe. Schau halt rein!, antwortete ich, ihn den Namen a-d-s-i-n-i-s-t-r-a-m buchstabierend. Mache er, meinte er. Und dann hat er es wohl getan und gesagt, Nee, das ist nichts für mich. Ich wollte wissen wieso. Zu polemisch, sagte er. Zu links und zu polemisch. Nichts anderes hatte ich erwartet, der Typ ist so konservativ im schlechtesten Sinne des Wortes, dass er sich nur zwei rechte Schuhe kauft, um ja keinen linken anziehen zu müssen.
Polemisch? Oh Mann, der verwechselt da was, bringt was durcheinander. Nicht ich bin polemisch. Die Welt, wie sie sich mir präsentiert ist es. Sie ist Realpolemik. Bedient sich polemischer Mittel wie Sarkasmus oder Übertreibung. Was kann ich denn dafür, über etwas schreiben zu müssen, das so ist, wie es ist? Und sollte ich doch polemisch sein hie und da, dann ist es a) nicht gekünstelt, sondern die Wirklichkeit abbildend, b) nichts als die Wahrheit, wie sie sich darstellt und c) nicht Ursache, sondern nur die Folge aus dem Destillat der real existierenden Ereignisse.

Ich bin nur der Chronist dieses Polemissmus'. Nichts weiter. Übertreibe ich? Mit Verlaub, ich bin es nicht, der Parteitage veranstaltet, die wie längst vergessene KP-Sitzungen aussehen. Ich erfinde mir keine Stories, in denen Menschen sich umbringen, weil sie versehentlich Scherzkekse zum unantastbaren Adel durchstellen. Ist es auf meinem Mist gewachsen, dass Steinbrück Kopf an Kopf mit Marx, Engels und Lenin gepinselt wird? Habe ich mir ausgedacht, dass man eine rechtsextreme Zwergenpartei vielleicht verbieten möchte, während in den schrumpfenden "Riesen der Mitte" Rechtsextremismus mit Meinungsfreiheit verwechselt wird?
Es ist zu viel der Ehre, mich als den Erfinder solcher Tatbestände zu rühmen. Ich gebe zu, manchmal überspitze ich, manchmal formuliere ich es so aus, wie es sich die Wirklichkeit nicht immer traut. Über Umwege und Ecken tut sie es aber dann doch. Leute, Romney ist doch nicht mein Geistesfabrikat! Den Kerl gibt es wirklich! Und wahrscheinlich ist er noch viel widerwärtiger als es jede noch so übertriebene Polemik je behaupten könnte.
Feindseliger Streit will das Wörtchen Polemik heißen. Und feindselig streitet die herrschende Ökonomie für ihre Unsitten, die sie zu Idealen machen will. Das erfinde ich doch nicht! Ich bin nicht mal besonders sarkastisch. Dieser Schrittezähler war kein Scherzschrittmacher - das war der volle Ernst einer Behörde, die zur Durchsetzung neoliberaler Maximen bei den Habenichtsen bestellt ist. Ich habe auch nicht das Drehbuch dafür geschrieben, anhand falscher Zeugenaussagen auf Schwarzenjagd zu blasen
Sarkasmus ist nicht mein Metier. Es ist das Fach der medial erfassbaren Welt - und vermutlich darüber hinaus. Man kann diese Wirklichkeit im neoliberalen Orbit gar nicht überspitzen. Sie ist es schon so stark in Wirklichkeit, dass man sie nicht spitzer beschreiben kann. Spitzt man einen Bleistift zu sehr, bricht die Spitze ab. Einen überspitzen Bleistift gibt es nicht. Insofern ist die neoliberale Wirklichkeit in der wir leben, schon lange dabei, sich selbst abzubrechen, weil sie spitzt und spitzt und spitzt. Sie tut das - nicht der Chronist!
Karl Kraus meinte mal, dass die Polemik den Gegner nicht belästigen, wohl aber um seine Seelenruhe bringen soll. Wen bitteschön könnte ich um seine Seelenruhe bringen? Die Kreise, gegen die ich angeblich polemisiere, scheren sich einen Dreck um einen wie mich. Die lachen ja noch nicht mal über mich. Aber sie stehlen Millionen von Menschen überall auf der Welt die Seelenruhe, schaffen Zukunftsangst und Schlaflosigkeit, nervöse Ticks und Psychosen. Sind damit nicht sie die Polemiker?
Im Grunde ist das hier auch so eine Form von Jahresrückblick. Einer, der die Polemik des Lebens aufgreift. Einiges habe ich aufgezählt. Es gäbe noch so viel mehr. Kleine und große Kaliber. Kleine wie neulich, als eine der ekelhaftesten Zeitungen dieses Kontinents das Schattenkabinett der schwarz-grünen Koalition brachte und darin einem gewissen Guttenberg als Landwirtschaftsminister empfahl. Den kleinen Bruder desjenigen, der einst von eben dieser Zeitung emporgehoben, gefeiert und gestützt wurde, der aber letztlich die Erwartungen nicht ausreichend kopierte und einfügte. Aber vielleicht kann ja der nächste in der Erbfolge punkten. Ist man polemisch, wenn man das als Sujet eines Textes wählen würde? Oder ist es das Sujet an sich schon von ganz alleine?
Die Polemik wird gerne als Produkt der Phantasie verunglimpft. Etwas, das nicht ins seriöse Fach gehört. Wenn aber Polemik nicht phantastisch, sondern ganz im Gegenteil, wenn sie Realität ist, so ist eben auch der Polemiker in gewissem Grade Realist. Ich jedenfalls kenne keinen, dem das Etikett Polemiker angeheftet wurde, der auch nur ansatzweise so gut polemisierte, sarkastisch betonte, überspitzt berichtete und so weiter, wie es die Wirklichkeit tut. Sie ist der beste Polemiker, der überhaupt nur vorstellbar ist. In Zeiten der neoliberalen Ökonomie hat sie sogar wieder polemische Höhen erklommen, die sie lange nicht mehr aufweisen konnte. Zeiten des Extremismus sind auch Zeiten, in denen der Zeitgeist polemisch galoppiert.
Heine war ein genialer Polemiker. Noch heute hat er Biss. Und doch wirkt er manchmal harmlos im Vergleich zu unserer Wirklichkeit. Er konnte sich den Holocaust nicht denken. Den zynischen Sarkasmus, mit dem man ins industrialisierte Ermorden geleitete, konnte Heine sich nicht erfinden. Dazu fehlte die Erfahrung. Tucholsky kam später. Ein blendender Genosse seines Faches. Noch heute lesen sich seine Texte giftig. Aber er glaubte noch an Alternativen. Klammern wir mal aus, dass es wirklich Alternativen gibt. Im Angesicht des Popanz' der Alternativlosigkeit wirkt Tucholsky manchmal naiv und fortschrittsgläubig. Der Zynismus unserer Zeit, der Sarkasmus mit dem für den westlichen Wohlstand schier alternativlos gemeuchelt und ausgebeutet wird, dabei so verlogen tuend, als sei man dabei, das Leben aller Menschen auf Erden zu verbessern, konnte Tucholsky nicht mal den Kapitalisten anheften, die er aus seiner Zeit kannte.
Dieser Heine kannte natürlich auch aus seiner Zeit den Zynismus als der Macht polemischer Vasall. Unmittelbar vor seiner Geburt soll eine Königin gesagt haben, dass die Armen, die kein Brot hätten, auf Kuchen zurückgreifen sollten. Der Spruch war, wenn schon nicht wahr, so doch gut erfunden. Dass der Zynismus der amtierenden Ökonomie walten kann, ohne auf Empörung zu stoßen, dass er auch noch von denen mit Galanterie behandelt wird, die unter dieser zynischen Aneignung der Welt bitter leiden müssen, das hätte sich Heine nur schwerlich im Kopfe kreieren können. Nie wurde die Polemik der Macht so still und beständig hingenommen wie heute. Für Heine war sie etwas, das im Gefolge immer die Empörung hatte, wenn sie sich auch nicht immer laut äußerte. Und für ihn war der Zynismus der Welt etwas, das mit arroganter Abgehobenheit zelebriert wurde, nicht im Anstrich eines hemdsärmeligen Volkstribunals, das so tut, als stehe es denen, die es mit Zynismus und polemischer Häme malträtiert, besonders nahe.
Heine war nicht der Polemiker aus freien Stücken, er war nur das Produkt einer solchen Welt. Die Polemik in der Welt da draußen färbt ab. Man ist quasi nicht polemisch, man zeichnet sie nur nach. Das gilt für alle mit Polemie vorbelasteten Gemüter. Man glaubt heute oft, die Polemik hätte keinen Stil mehr, sie kommt ja auch manchmal wirklich grob daher. Es sind aber nicht die Polemiker, die schlechter geworden sind, sondern die polemischen Weiten sind es, die sich so schlecht entwickelt haben. Dem Kerl, dem ad sinistram zu polemisch war, kann man nur sagen, dass ad sinistram dieselbe Sachlichkeit aufgreift, die da draußen wütet. Wenn die Wirklichkeit nicht polemisch sein kann, weil Realität einfach nur Realität sein soll, dann ist auch ad sinistram nicht polemisch.
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