Nourig Apfeld

Liebe Nourig Apfeld,

Liebe Nourig Apfeld,

ich durfte Sie bereits kurz kennenlernen. Ich habe Sie bei einer Lesung am Ende des letzten Jahres erleben dürfen. Und dort bereits relativ fassungslos auf das reagiert, was Sie vortrugen.

Nun habe ich endlich auch das Buch selbst gelesen. Und bin wütend und entsetzt über das, was Sie berichten. Doch ich bewundere Sie auch dafür, dass Sie mit dem letzten Satz Ihres Buches den Eltern danke. Das nenne ich menschliche Größe. Nach all dem, was Ihnen geschah.

Irgendwie war mir nie richtig klar, dass die “schwarze Pädagogik” auch in muslimischen Familien zum Kern gehört. Ich kann es nicht genau erklären, weshalb ich das nicht sah. Vielleicht, weil ich lange Jahre damit zu tun hatte, die Folgen davon in meinem eigenen Leben beherrschen zu lernen.
Doch dabei liegt es so nahe: ähneln sich doch die Strukturen dieser Art von “Erziehung” – zumal in ihren Zielen und Methoden: den Willen des Kindes brechen; mit Liebesentzug, verbaler Gewalt und nonverbaler. Kinder haben zu “funktionieren”.

Allerdings ist der Hintergrund verschieden: was bei Ihnen der patriarchalisch-muslimische Hintergrund war, ist bei dem, was mir (und anderen) geschah, ein protestantischer (selbst, wenn man in einem dediziert areligiösen Umfeld aufwuchs, wie ich). Und weil dieser christliche Unterwerfungsglaube durch die Aufklärung in seinen tödlichen Konsequenzen abgeschwächt wurde, gibt es den Begriff des “Ehrenmordes” nicht mehr – wenn man medialer Berichterstattung Glauben schenken will. Dass es noch immer häusliche Gewalt in sich selbst als christlich bezeichnenden Familien gibt, ist kein Geheimnis. Und sollte es im Zuge von solchen Auseinandersetzungen zu Totschlag oder gar Mord kommen redet kein Mensch von “Ehrenmord” – obwohl der dahinter stehenden Gedanke: die Frau ist wertlos – der gleiche ist.

Mich persönlich hat fast mehr als das von Ihnen geschilderte Leben und die familiären Umstände, in denen Sie aufwachsen mussten, erschüttert, wie der deutsche Staat in Form des Jugendamtes und der Polizei mit Ihnen und Ihrer Schwester umgegangen ist. Sie sprechen es nur ein einziges Mal aus: ich nenne das deutlicher: es ist Rassismus. Und Kulturrelativismus. Sie zeigen deutlich, dass dieses Land, das so sehr auf “Ordnung” und “Sicherheit” hält und diese sogar exportiert, dass dieses Land mit Teilen seiner Bevölkerung umgeht, als gäbe es kein Grundgesetz und dort keinen Artikel eins.

Daher wird es zukünftig wohl häufiger vorkommen, dass ich aus dem Nachwort Ihres Buches zitieren werde. Denn die Lehren, die Sie eben nicht nur für sich persönlich, sondern für die gesamte Gesellschaft aus ihrem persönlichen Schicksal gezogen haben, sind genau für diese sehr wichtig und sie können nicht oft genug wiederholt werden

Ich bin Ihnen sehr dankbar für dieses Buch. Und habe große Hochachtung vor Ihnen für Ihren Mut und Ihre Lebenskraft. Obwohl – wie wir bei Michael Schmidt-Salomon lesen und lernen – niemand stolz darauf sein dürfte. Ich bin es. Auf Sie und für Sie.

Nic


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