Noten für den lügenden Senat, das Internet schämt sich und Elternzeit ändert mediale Berichterstattung - Vermischtes 21.10.2018

Die Serie "Vermischtes" stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.


1) The Senate is drifting away from Democrats indefinitely

But the next cycle is the one where the harsh reality of the Senate's structural bias towards smaller, less dense states truly begins to sink in for Democrats. All those seats that Democrats lost in 2014? Good luck taking them back. As the Washington Examiner's Philip Klein observed earlier this week, the Democrats' numerical advantage in opportunities-Republicans will be defending 22 seats, Democrats just 12-masks the number of actual opportunities the party will have. [...] So why is the map so limited? The vague notion that 2020 should present so many more pickup opportunities for Democrats stems from the seesaw feeling we've become inured to over the last few Senate cycles. What this misses, and what should be so frightening for Democrats looking at their Senate prospects down the road, is how many of those 2014 Republican pickups Democrats have no chance of taking back. [...] Rather than a pendulum shift in Democrats' favor, the 2020 Senate election is shaping up to be the moment when the organic Republican majority within the Senate falls into place. Trump won 46 percent of the popular vote in 2016 but 60 percent of states, and states like Idaho and Wyoming get just as many senators as California. Unless a whole bunch of red states suddenly turn blue, Democrats will be stuck where they are: in the minority. Some Democrats are hopeful that the sharp red shift in predominantly smaller, whiter, more rural states will be counterbalanced as diversifying states like North Carolina, Georgia, Arizona, and Texas turn blue. But those smaller, whiter, more rural states have already completed their shift to the right; the others have a long-in some cases, really long-way to go before they can be considered "blue" in the way that we consider, say, Arkansas "red." The Democratic frustration of living under minority rule isn't exactly subdued right now. But it's about to become one of the biggest political stories of the next decade. (Slate)

Auf der einen Seite ist der Ärger über dieses Problem mehr als verständlich. Der Senat, das hat die Affäre Kavanaugh gezeigt, ist ein extrem wichtiges Organ. Dass die Republicans aller Wahrscheinlichkeit nach die Kontrolle behalten werden wird ihnen mindestens zwei weitere Jahre geben, in denen sie beliebig Extremisten und Straftäter in höchste Ämter hieven können.

Auf der anderen Seite gilt es zu bedenken, dass diese Struktur in der Verfassung nun mal angelegt ist, da hilft alles Jammern nichts. In den USA hat das Land Wählerstimmen, nicht der Bewohner des Landes. Selbst wenn man Kalifornien in 15 neue Staaten aufspalten würde, repräsentierten die Senatoren dieser neuen Staaten immer noch mehr Einwohner als die von Wyoming. Diese Absurdität erlaubt es Reaktionären, gleich unter welcher Parteiflagge, bereits seit zweihundert Jahren den Fortschritt zu blockieren. Das lässt sich auch nicht ändern, wenn man nicht die Verfassungs komplett durch eine andere ersetzen will, nicht einmal ein amendment würde hier helfen. Die Debatte ist also müßig. Ich wären allerdings immer vorsichtig bei diesen "für immer"-Festschreibungen. Das Wählerverhalten und die Wählerloyalitäten können sich auch wieder ändern, und wenn sie das tun, wird sich die andere Seite über diese Ungerechtigkeiten beklagen. Das Interesse für Verfassungsrecht und die "wahren" Intentionen der jeweiligen Verfassungsväter ist ja immer bei denen besonders groß, die mit dem Status Quo nicht einverstanden sind. So debattieren gerade die Democrats die Federalist Papers, und in Deutschland schwafelt die AfD von Hochverrat und was das Grundgesetz eigentlich so alles verbiete.

#MeToo hat das geändert. Nicht, weil die Männer plötzlich anders sind, sondern weil das übliche Abwiegeln schon angesichts der Masse der Aussagen unmöglich wurde. Manche Männer haben durch #MeToo erfahren, dass ihr übergriffiges Verhalten inakzeptabel ist. Andere haben erfahren, wie ihre Geschlechtsgenossen mit Frauen umgehen, und waren zutiefst angewidert. Die mediale Aufmerksamkeit, die Themen wie sexuelle Belästigung und sexueller Missbrauch seitdem gewonnen haben, bedeutet nicht nur, dass die Bevölkerung offenbar von solchen Fällen erfahren will. Sie bedeutet auch, dass viele Betroffene den Mut gefasst haben, offen zu sprechen - und dass ihnen bei entsprechender Beweislage Glauben geschenkt und ihr Erlebtes ernst genommen wird. [...] Auch mehrere Männer sind im vergangenen Jahr an die Öffentlichkeit getreten, und sie wurden oft nicht ernst genug genommen. Darunter war der ehemalige Profi-Footballer und heutige Schauspieler Terry Crews. Als der ihm zuvor unbekannte Hollywood-Agent Adam Venit 2016 bei einer Party Crews statt einer Begrüßung an die Genitalien fasste und zudrückte, war dieser schockiert, fühlte sich entmannt und zum Objekt degradiert. Aber er hatte Angst vor der Schlagzeile, wenn er sich wehren würde. Erst durch #MeToo fasste er Mut, doch seine Aussage bewirkte wenig. Adam Venit arbeitet nach wie vor als Künstleragent; zum Prozess kam es nicht. Auch die Medien maßen dem Fall keine große Aufmerksamkeit bei. Warum nicht? Ganz einfach: Terry Crews misst 191 Zentimeter, ist schwarz und äußerst muskulös - er sieht nicht aus, wie man sich ein Opfer vorstellt. Das ist die nächste große Aufgabe für #MeToo: Aufmerksamkeit dafür zu schaffen, dass wirklich jeder zum Opfer werden kann. (FAZ)

Ich sehe die Lage nicht ganz so rosig wie die FAZ, weil sowohl hier im Blog als auch auf Twitter als auch sonst im Umfeld offenkundig ist, dass den Leuten eben immer noch nicht geglaubt wird und stattdessen Solidarisierung mit den Tätern an der Tagesordnung steht. Da kommen auch drei psychologische Effekte dazu. Einerseits, dass Leute, die nicht so aussehen als könnten oder sollten sie Opfer sein, weil sie gängigen Stereotypen starker Persönlichkeiten entsprechen (wie etwa der oben erwähnte Terry Crews), nur sehr schwer als Opfer wahrgenommen werden können. Andererseits, weil die Gesellschaft die Schuld immer noch bei den Betroffenen selbst sucht. Das ist besonders, aber bei weitem nicht ausschließlich, ein Phänomen bei Frauen, wo dann nach Gründen gesucht wird. Warum hat sie auch was getrunken? Warum ging sie auch mit aufs Zimmer? Warum zog sie sich so an? Implizit im Hintergrund ist da immer die "Männer sind Schweine"-Idee, dass Männer gefährliche sexuell getriebene Bestien sind. Absurderweise wird diese Idee dann auch noch ständig von Unbeteiligten verbreitet und die Verantwortung somit aufgelöst. Männer "sind halt so".

Und drittens wird oft nicht geglaubt, dass erfolgreiche und mächtige Personen Täter werden können. Ich hatte den Fall letzthin in meiner Klasse, wo allerseits der entsprechende Vorwurf gegen den Fußballer Ronaldo verworfen wurde, weil der "das ja gar nicht nötig habe". Gegen diese behämmerten Vorurteile ist nur schwer anzukommen. Und dass die meisten Männer immer noch nicht in der Lage sind, überhaupt das Problem zu erkennen, und stattdessen lieber über die Möglichkeit der Falschbeschuldigung diskutieren, tut sich da auch nicht so viel, wie es könnte und sollte.

Ich persönlich bin schon seit längerer Zeit der Überzeugung, dass der exponenzielle Wandel, den gerade unsere Mediennutzung in den vergangenen Jahren durchlaufen hat, gerade das Bildungssystem vor große Herausforderungen stellt. Mittlerweile bin ich überzeugt, dass das wirklich Gefahren birgt: Wir leben in einer Zeit, in der hochmotivierte und zum Teil hervorragend finanzierte Propagandisten daran arbeiten, den Grundkonsens unserer liberalen Demokratie zu durchlöchern. Sie versuchen, Hass akzeptabel zu machen, finden Toleranz "krank" und verstehen sich bestens mit den homophoben Kleptokraten im Kreml. Diesen Propagandisten hat das Silicon Valley ganz aus Versehen ein Biotop gebaut, in dem Untergangs- und "Umvolkungs"-Narrative ordentlich Reichweite erzeugen können. In diesen neuen, algorithmisch auf Monetarisierung, nicht auf Wahrhaftigkeit optimierten Ökosystemen bewegen sich Kinder und Jugendliche permanent, oft ohne großes Verständnis für die zugrunde liegenden Mechanismen. Über