Nord-Oberpfalz: Hochkonjunktur im ehemaligen "Armenhaus" Bayerns

Kaum Arbeitslose, viele Weltmarktführer und Kooperationen über Grenzen hinweg: Die nördliche Oberpfalz zählt über 20 Jahre nach dem Fall des "Eisernen Vorhangs" zu den deutschen Regionen mit dem höchsten Zukunftspotenzial.
Neustadt an der Waldnaab (obx - internet-zeitung) - Der Wandel vollzog sich ohne groß Schlagzeilen zu machen: Der Landstrich zwischen Tirschenreuth, Neustadt an der Waldnaab und Weiden, über Jahrzehnte geprägt durch die Randlage am Eisernen Vorhang, durch Rekord-Arbeitslosenzahlen und wirtschaftlichen Stillstand, ist Bayerns neue Vorzeigeregion. Auf dem Arbeitsmarkt herrscht nahezu Vollbeschäftigung angesichts von zehntausenden neuen Arbeitsplätzen. Viele Weltmarktführer profitieren heute als "versteckte Champions" von der Lage in der neuen Mitte Europas.
Die nördliche Oberpfalz gilt heute als Musterbeispiel für einen gelungenen Strukturwandel: Die Zeit der krisengeschüttelten Glas- und Porzellanindustrie war gestern. Heute dominieren in der Region High-Tech-Branchen mit großer Zukunft das Wirtschaftsgeschehen: Pilkington beispielsweise fertigt in Weiherhammer (Landkreis Neustadt a.d.W.) das weltweit modernste Glas für die Solarmodule der Zukunft, BHS Corrugated ist auf dem Globus die Nummer 1 für Wellpappen-Anlagen und besitzt mehr als zwei Dutzend Niederlassungen auf allen Kontinenten. Schott in Mitterteich (Landkreis Tirschenreuth) gilt im Bereich der Spezial- und Rohrgläser weltweit als führend und die Hamm AG in Tirschenreuth als Branchenriese im Bereich Spezialwalzen. In Weiden sorgt Hör Technologie als Weltmarktführer für hochpräzise Getriebe sogar in Formel-1-Boliden für den richtigen Antrieb.
In den letzten Jahren hat sich die nördliche Oberpfalz zu einem Jobmotor ohne Beispiel im Freistaat entwickelt: Die Zahl der Arbeitslosen ist beispielsweise im Landkreis Neustadt an der Waldnaab in knapp zehn Jahren um rund zwei Drittel gesunken. Lag die Erwerbslosenquote 2003 noch bei rund 10 Prozent im Jahresmittel, meldet die Arbeitsagentur aktuell (Mai 2012) einen Wert von nur noch 3,4 Prozent. Damit liegt der Kreis sogar knapp unter dem bayerischen Durchschnitt von 3,5 Prozent. Für den Arbeitsamtsbezirk Weiden insgesamt liegt die Arbeitslosenquote im Mai 2012 mit 4,4 Prozent ebenfalls um rund die Hälfte niedriger als noch vor knapp zehn Jahren.
Anfang und Mitte der neunziger Jahre glaubte kaum jemand, dass es mit der nördlichen Oberpfalz einmal wieder bergauf gehen könnte: Der Wegfall der üppigen Zonenrandförderung und die erdrückende Billig-Konkurrenz aus Osteuropa plagten die Region nach der Grenzöffnung. Die Arbeitsmarktzahlen erreichten in dieser Zeit im Winter Rekordmarken bis zu 25 Prozent. Von den einstmals rund 20.000 Arbeitsplätzen in der Glas- und Porzellanindustrie sind nach dem Wegfall der Grenzlandförderung heute nur rund 1.500 geblieben.
"Uns ist ein grandioser Strukturwandel gelungen", sagt Simon Wittmann, Landrat des Landkreises Neustadt an der Waldnaab, der seit 1996 an der Spitze des Grenzlandkreises mit rund 100.000 Einwohnern steht. Ein Geheimnis des Erfolgs: "Kurze Genehmigungswege, schnelle Entscheidungen und eine Verwaltung als Dienstleister - das schätzen Unternehmen", sagt Wittmann, der auch 1. stellvertretender Präsident der Dreiländerregion "Euregio Egrensis" ist. Dort haben sich die Grenz- und grenznahen Landkreise der nördlichen Oberpfalz, Oberfrankens, Tschechiens sowie Sachsens und Thüringens zusammengeschlossen.
Kräftigen Rückenwind bekam die Nord-Oberpfalz durch die EU-Osterweiterung 2004, als die Region wieder den Platz einnahm, den sie in der Geschichte Jahrhunderte lang hatte: als Tor zum Osten im Herzen Europas. Dieser neue Lagevorteil hat viele Unternehmen ganz besonders beflügelt: Sie nutzen die nördliche Oberpfalz als Ausgangspunkt für die Markterschließung von Tschechien bis nach Russland. Besonders als Logistikstandort punktet die nördliche Oberpfalz - vor allem auch durch die direkte Autobahnanbindung über die A6 nach Prag.
Unter Wirtschaftsexperten hat sich die nördliche Oberpfalz in den vergangenen Jahren längst einen Namen gemacht. So zählt das renommierte Zukunftsinstitut in Kelkheim bei Frankfurt die Oberpfalz in ihrer Studie "Deutschland 2020" zu den 13 deutschen Regionen mit dem größten Zukunftspotenzial.

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