No risk no fun? Warum sich Mut lohnt und für jeden etwas anderes bedeutet

"Wer nichts wagt, der nicht gewinnt" heißt es. Warum sollen wir überhaupt mutig sein und Risiken eingehen? Ist es nicht sicherer und gemütlicher in der Komfortzone zu bleiben? Was bedeuet Mut überhaupt? Und was hat Risikobereitschaft mit Leid und einem Flug nach Kolumbien zu tun?

"Zwischen Hochmut und Demut steht ein drittes, dem das Leben gehört, und das ist der Mut." - Theodor Fontane

Ich schaute aus dem Fenster. Unter mir das Meer, über mir das ganze Universum. Ich fühle mich gerade unbesiegbar, mein Herz klopft. Ich habe es wirklich getan! Ich kann es kaum glauben, blicke nochmal kurz zurück und muss schmunzeln, denn es gab mehrere Punkte in meinem Leben, die zu diesem Entschluss führten ...

Theo, ein anderer als Theodor Fontane ist auf dem Weg in ein neues Leben. Ja, es klingt sehr episch, ist es aber auch. Seine Entscheidung ist eine Lebensentscheidung. Er hat beschlossen in Deutschland alles hinter sich zu lassen und ein One-Way-Ticket nach Kolumbien zu buchen. Er hat alles verkauft, seine Wohnung aufgeben und seine Familie und Freunde auf unbestimmte Zeit in Deutschland verabschiedet.

Wie es weitergeht? Absolut keine Ahnung. Alles, was er weiß ist:

  • Er kann sein altes Leben nicht mehr so weiterleben.
  • Er hat ein paar tausend Euro, um die ersten Monate über die Runden zu kommen.
  • Er fliegt nach Kolumbien.
  • Er hat die ersten beiden Nächte in einem Hostel gebucht.

Juliane liest diese Zeilen in einem Blogartikel. Sie fragt sich, wie er so mutig (oder auch idiotisch!) sein kann. In ihr tanzen die Gefühle Tango. Sie findet ihn dämlich. Wie kann man nur mit ein paar tausend Euro im Gepäck und einer Zahnbürste ans andere Ende der Welt fliegen? Ein bisschen neidisch ist sie auch, wenn sie ehrlich mit sich selbst ist. Sie schaut auf ihr eigenes Leben. Das macht sie ein wenig wehmütig und sie beginnt das Tagträumen.

Was unterscheidet Theo von Juliane? Um das zu verstehen, müssen wir uns mit dem Begriff „Risiko" beschäftigen.

"Wer nichts waget, der darf nichts hoffen." - Friedrich Schiller

Das Wort kommt ursprünglich aus dem Altpersischen und bedeutet nach freier Übersetzung „eine gefährliche Klippe umfahren". Der Begriff beinhaltet, dass man sich über mögliche Konsequenzen der Handlung bewusst ist, sie aber trotzdem eingeht und handelt, unabhängig von einem positiven oder negativen Ausgang der Handlung.

Und ist Theo risikofreudiger als Juliane? Dazu müssen wir uns die Geschichte von Theo und Juliane anschauen, denn Risikobereitschaft ist für jeden Menschen unterschiedlich. Aber erst ein wenig Theorie.

In seinem Buch „Der Mensch auf der Frage nach dem Sinn" (1979, S. 87) beschreibt Frankl, dass jeder Mensch eine Form von Spannung in seinem Leben braucht. Seine Hypothesen sind folgende:

  1. Nicht nur, dass der Mensch in Wirklichkeit gar nicht darauf aus ist, um jeden Preis Spannung zu vermeiden: der Mensch braucht Spannung.
  2. Der Mensch sucht Spannung.
  3. Gegenwärtig findet er aber zu wenig Spannung.
  4. Darum schafft sich der Mensch Spannung.

Daran anschließend gibt es diverse Theorien von Wissenschaftlern, die davon ausgehen, dass die Suche nach dem Reiz in Form des Risikos ein Persönlichkeitsmerkmal ist. Nehmen wir Zuckermann (1978). Er entwickelte die „sensation seeking"-Skala, mit der man ermitteln kann, wie weit Risikofreude bei Menschen ausgeprägt ist.

Laut Zuckerman empfinden „High Sensation Seekers" reizarme Situationen als langweilig und neigen daher eher dazu, sich in riskante und stimulierende Situationen zu bringen als „Low Sensation Seekers", die weniger Stimulation brauchen und somit reizarme bzw. monotone Situationen besser ertragen können und sogar auf riskante Tätigkeiten eher mit Angst.

Laut Balint (Angstlust und Regression. 1959. Ernst Klett Verlag, Stuttgart) setzen sich Personen, die das Risiko suchen auch aktiv damit auseinander und sind optimistischer was den Ausgang der jeweiligen Situation betrifft als Menschen, die Risiken lieber vermeiden.

Im Fall von Theo und Juliane könnte man sagen, dass Theo risikofreudiger ist als Juliane. Theo braucht mehr Stimuli, um Spannung in sein Leben zu bringen. Juliane braucht vielleicht ein bisschen weniger. Menschen wie Theo stellen sich meistens eher einen positiven Ausgang der Situation vor. „Irgendwie geht es dann schon weiter, wenn ich erstmal da bin."

Je höher der Leidensdruck, desto größer die Motivation

"Wo viel verloren wird, ist manches zu gewinnen." - Johann Wolfgang von Goethe

Natürlich ist das nicht das Ende der Fahnenstange. Es kommt noch ein weiterer Faktor hinzu, denn es braucht manchmal auch einen gewissen Leidensdruck, um aus seiner Komfortzone auszubrechen (siehe auch Artikel Alltag und Veränderung).

Bei Theo scheint der Leidensdruck sehr hoch gewesen zu sein, denn er hat eine radikale Veränderung vollzogen. Er konnte sein Leben einfach mehr so weiterleben. Vielleicht hatte er ein einschneidendes Erlebnis (Streit mit Vorgesetztem, Burn Out, Jobverlust), sodass er mehr oder weniger gezwungen war, diese Entscheidung zu treffen. Oder die Entwicklung hat sich langsam immer weiter innerlich aufgebaut bis er eines Morgens aufgewacht ist und beschlossen hat, jetzt etwas zu verändern.

Meist leidet man aber schon ziemlich lang, bevor man so einen radikalen Schritt wagt. Der Mensch hält sehr viel aus. Dieses „Leiden" geht dann eine ganze Weile gut und irgendwann bringt nur noch ein kleiner Tropfen das Fass zum Überlaufen. Und dann steht eines fest: Man kann nicht mehr warten.

Theo sitzt nun im Flieger und war bereit aus seiner gemütlichen Komfortzone auszubrechen. Juliane geht es vielleicht „noch zu gut". Der Preis der Veränderung ist rein gedanklich noch höher als eine Veränderung. Vielleicht braucht Juliane aber auch gar keine große Veränderung, sondern will sich eher im Kleinen verändern. Für sie bedeutet die Komfortzone zu verlassen etwas anderes als für Theo.

Lohnt es sich überhaupt mutig zu sein?

"Während der ersten Periode des menschlichen Lebens besteht die Hauptgefahr darin, kein Risiko auf sich zu nehmen." - Søren Kierkegaard

Wir werden nicht wissen, wie Dinge ausgehen werden und wie wir uns dabei fühlen werden, wenn wir sie nicht einfach ausprobieren. Das, was uns Menschen wohl oft so viel Angst macht, ist, dass wir einfach nicht wissen, was uns erwartet, wenn wir einfach mal losgehen.

Wir können noch so viel über Risiken nachdenken, die sich ergeben könnten und abwägen und planen. Die Realität zeigt allerdings, dass vieles dann doch ganz anders kommt, als man erwartet hat. Daher macht es wenig Sinn, im Vorhinein alles Mögliche zu überdenken. Im Falle von Theo macht es natürlich schon Sinn die Basics und grobe Ziele zu klären wie z.B. die erste Übernachtung. Danach heißt es wohl eher schauen was sich ergibt und Augen und Ohren offenzuhalten.

Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, dass sich Dinge erst ergeben, wenn man tatsächlich losgegangen ist. Und es ergeben sich manchmal auf unerklärbare, fast wundersame Art und Weise Möglichkeiten, die man sich vorher gar nicht zu träumen wagte. Wie sagt Käpt'n Peng schon in seinem Song: „Sie merken, dass das Fallen zum Schweben wird, wenn man sich aufhört sich an Dingen festzukrallen."

Mut ist nicht gleich Mut

Für jeden bedeutet Mut etwas anderes. Für Theo, der vielleicht ein wenig risikofreudiger ist, der eher einen Thrill oder Kick braucht, bedeutet Mut, „einfach mal so alles aufzugeben". Juliane ist vielleicht eher schüchtern. Für sie würde Mut bedeuten, ihrem Kollegen endlich mal die Meinung zu sagen, weniger „ja" und mehr „nein" zu sagen.

Mutig zu sein führt zu innerer Stärke, zu Wachstum, zu mehr Selbstbewusstsein. Dennoch sollte jeder für sich selbst schauen, was für ihn ein Schritt aus der Komfortzone bedeutet. Mutig zu sein bedeutet, sich den eigenen Ängsten zu stellen, die sich vor unsere Träume und Wünsche stellen.

Theo ist losgeflogen, Juliane bereitet sich auf das Gespräch mit dem Kollegen vor. Schau doch mal, was für dich Mut bedeutet? Was kannst du tun, um heute ein Stück aus deiner Komfortzone auszubrechen?

"Was wäre das Leben, hätten wir nicht den Mut, etwas zu riskieren?" - Vincent van Gogh

Danke, dass du dir Zeit für den Artikel genommen hast.

Alles Liebe <3

Über die Autorin

No risk no fun? Warum sich Mut lohnt und für jeden etwas anderes bedeutet

Alexandra Kuptz ist selbständige Psychologin. Sie versteht sich als Motivatorin und Glücksbeauftragte und begleitet Einzelpersonen und Gruppen auf ihrer Visions- und Sinnsuche mit einer gesunden Portion Witz und Achtsamkeit.

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