Nilüfer Yanya: Realness gesucht

Erstellt am 24. März 2019 von Mapambulo
Nilüfer Yanya
„Miss Universe“
(PIAS)
Der Beginn: Befremdlich. Eine künstliche Stimme – Alexa, Siri, whatever – bedankt sich für das Interesse, begrüßt die Teilnahme, die gleichbedeutend ist mit der Übergabe persönlicher Daten und stellt eine Verbesserung, gar eine Verlängerung der Lebensumstände in Aussicht. WWAY Health (We Worry About Your Health) heißt das Programm, mit dem die junge Londonerin Nilüfer Yanya ihr Debütalbum eröffnet, es steht für die Inanspruchnahme unseres sozialen Umfelds durch einen vernetzten, künstlich generierten Rundumservice, der uns glauben machen soll, alles sei in Ordnung, alles sei in guten Händen. Doch gleich darauf, in ihrer ersten Hitsingle „In Your Head“, folgt er auch schon, der Hilferuf einer Generation, die sich zunehmend in Abhängigkeit der sozialen Medien sieht, einer Generation, der Schritt für Schritt die Realität abhandenkommt: „Some validation is all I need!“

Ist denn niemand da draußen, so fragt Yanya, der einem Orientierung gibt in dieser verrückten Welt, wo die Insta-Story, auf Hochglanz poliert und aller Ecken und Kanten beraubt, mehr gilt als eine Haltung, eine gute Geschichte, wo jeder nur noch Avatar sein will, weil das wirkliche Lebensgefühl von der Unsicherheit, von der Angst überlagert wird, ob man überhaupt noch man selbst sein darf. Thematisch also eine spannende Sache, die Yanya hier für ihre Altersgenossen aufrollt und dem steht ihre Musik in keinster Weise nach. Auch wenn der Titel des Albums eher auf das allgegenwärtige Bodyshaming unserer Tage hinweist, so ist „Miss Universe“ tatsächlich ein sehr universelles, überaus vielfältiges Album geworden.

Die Unentschiedenheit, die es auszeichnet, ist zugleich seine Stärke. Wenn am Anfang die Gitarren dominieren und knarzige Riffs wie bei „Paralyzed“ von Yanyas Verehrung für die Strokes und Pixies künden, so bekommen wir mit längerer Spieldauer immer wieder neue Facetten von ihr zu hören. Da wird dem Jazz ebensoviel Platz eingeräumt wie lässigen Dancerhythmen (zwischen „Baby Blu“ und „Heat Rises“ fühlt sich selbst die Dauerüberwachung des WWAY (s.o.) bemüßigt, eine dezente Warnung auszusprechen), smoothe Saxophonparts wechseln mit treibenden Beats und funkigen Breaks. Ebenso variabel zeigt sich die Britin stimmlich, anfangs noch mit dunklem Timbre unterwegs, das gut mit dem roughen Sound harmoniert, wird der Gesang später mal spitzer und höher, dann wieder weicher, nahbarer. Kluger Stilmix in Überlänge und mit Sicherheit eine der interessantesten Platten dieses Jahres.
17.04.  Hamburg, Nochtwache
18.04.  Berlin, Berghain Kantine
21.04.  Wien, Chelsea Club
22.04.  München, Ampere
24.04.  Zürich, Exil
25.04.  Köln, Blue Shell