Niedersächsische Musiktage 2015: Rückblick - Finale im NDR Landesfunkhaus, Lachenmann und Beethoven

Von Helge

Die 29. Niedersächsischen Musiktage 2015 mit dem verbindenden Thema "Abenteuer" - fast vier Wochen ist es schon wieder her, seit sie zu Ende gingen, aber noch klingen sie bei mir nach, mehrfach habe ich hier berichtet, ein Rückblick auf das Finale steht noch aus, das am 4. Oktober ab 17 Uhr im Großen Sendesaal des NDR Landesfunkhauses stattfand. 

"Gut, dass eine Beethoven-Komposition anfangs, eine zweite abschließend einen (den Ohren eher vertrauten) Rahmen bildeten", meinte eine Zuhörerin hinterher zu mir. Denn dazwischen, in der Mitte, wurde ein neuzeitliches Musikstück geboten, das in der Regel doch gewöhnungsbedürftig war. Die Gast-Musiker des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg unter der Leitung von Lothar Zagrosek spielten anfangs die 8. Sinfonie F-Dur op.93 von Ludwig van Beethoven, am Schluss die für die damalige Zeit durchaus ungewöhnliche Fantasie in c-Moll für Klavier, Chor und Orchester op.80 zusammen mit Alexander Longquich, Klavier, dem Hannoverschen Oratorienchor und dem Johannes-Brahms-Chor Hannover. Im Mittelpunkt jedoch stand eine Komposition des 80-jährigen Helmut Lachenmann von 1992: "... zwei Gefühle ..., Musik mit Leonardo (für Sprecher und Ensemble) mit ganz besonderen Klangerlebnissen.

Worin bestand hier das Abenteuer? Alt und neu zusammenzubringen ist im Musikleben immer ein Abenteuer. Die Beethoven-Kompositionen hielten sich seinerzeit keineswegs an das übliche Schema, sie waren ein Abenteuer auf dem Hintergrund der Zeit. Helmut Lachenmann war immer schon ein Abenteurer der Klänge. Seine "Werke erfordern neue Spieltechniken, die die gewünschten akustischen Ereignisse erzeugen. In dieser fremden und ungewohnten Situation, einem Abenteuer gleich, den sicheren Boden der klassischen Ausbildung verlassend, erfährt der Musiker viel über sich selbst. Ist er dazu bereit, kann er, so Lachenmann, den 'suchenden Menschen in sich entdecken, der entschlossen ist, das Gewohnte zu begreifen, das blind Herrschende zu überwinden und ins Unbekannte vorzustoßen'. Klänge bilden den jeweiligen Ausgangspunkt für Lachenmanns kompositorische Ideen. Dabei ist es ihm besonders wichtig, dass es immer wieder die schöpferische Vorstellung ist, die nach bestimmten Techniken verlangt; vorgeprägte Prinzipien, wie etwas sein soll, und sich dann gleichsam eines Werkzeugkastens zu bedienen, das ist nicht Lachenmanns Sache. Jeder Klang, jede Note wird suchend, aufmerksam lauschend neu gefunden ..." (aus dem Programmheft).

Lachenmanns hier dargebotene Komposition bezieht sich auf ein Textfragment Leonardo da Vincis - darin beschreibt er die widersprüchlichen Gefühle Furcht und Verlangen, die ihn stets bei seinen Forschungen angetrieben haben. Er nennt das Beispiel einer Höhle - er hat Furcht vor der drohenden Dunkelheit, doch überwiegt schließlich das Verlangen, mit eigenen Augen zu sehen, was darin an Wunderbarem sein möchte. Helmut Lachenmann selbst sprach in der Aufführung den Text (leider aus dem Hintergrund nicht gut verständlich).
Lothar Zagrosek gilt seit langem als engagierter Spezialist für zeitgenössische Musik. Helmut Lachenmann schätzt seine Interpretationen.
Wie gesagt, ich bin kein Musikfachmann - nenne dennoch, was ich mir notiert habe: Zagroseks Art des Dirigierens wirkt in den belebten Passagen furios, fast hektisch; im 4. Satz der 8. Beethoven-Symphonie waren die Kontraste sehr gut herausgearbeitet. In der Lachenmann-Komposition erklangen meist Einzeltöne und -klänge ohne (für mich) erkennbaren Zusammenhang. Sie spiegelt damit Zeittypisches wider (jede/r für sich tippt auf dem Smartphone vor sich hin, z.B.).

Mit dieser Aufführung, die am 17. Januar 2016 von 22 bis 24 Uhr in NDR Kultur gesendet wird, gingen die 29. Niedersächsischen Musiktage zu Ende - nach vier Wochen mit 58 Konzerten an 50 Orten mit 70 hochkarätigen Künstlerinnen, Künstlern und Ensembles.

Text: Dr. Helge Mücke, Hannover; Bilder von oben: Lothar Zagrosek, Foto: Thomas Mayer; Helmut Lachenmann, Foto: Betty Freemans. (Die Fotos sind als Pressefotos nicht frei verfügbar.)