Nie, ausser montags

Im Grunde genommen habe ich mir die Sache mit dem Selbstmitleid abgewöhnt. Verschiedene Umstände in den vergangenen Monaten haben mich erkennen lassen, dass ich schlicht keine Berechtigung dazu habe. Da gibt es einerseits zu viel Gutes in meinem Leben, zu viele offene Türen, zu viel Überfluss, andererseits zu viele Menschen, die von alldem, was mein Leben bereichert, nur träumen können. Klar, auch ich beisse mir an gewissen Dingen fast die Zähne aus, die finsteren Täler des Lebens sind mir nicht vollkommen fremd, doch im Grossen und Ganzen kann ich nur dankbar sein und darum steht es mir einfach nicht zu, mich selbst zu bemitleiden.

Nie, ausser montags. Denn seitdem ich vor vier Monaten den Montag zu meinem heiligen Schreibtag erklärt habe, alles in die Wege geleitet habe, um die Kinder gut betreut zu wissen und dafür auch Geld bezahle, hat es nicht ein einziges Mal geklappt mit dem ungestörten Schwimmen im Schreibfluss. Anfangs war ich vielleicht noch selber Schuld, denn zu leicht liess ich mich ablenken durch Anrufe, angeblich dringende Mails und andere Kleinigkeiten. Seitdem sich aber die Tür fürs Schreiben und Veröffentlichen weit geöffnet hat, ist der Montag zu dem Tag geworden, dem ich die restlichen sechs Tage der Woche entgegenfiebere. Okay, ich schreibe natürlich nicht nur montags, aber dieser eine Tag, der mir Raum lässt, voll und ganz in die Welt der Worte einzutauchen, ist einzigartig.

Oder wäre einzigartig, wenn denn nicht dauernd irgend etwas dazwischen käme. Ich gehe hier nicht in die Details, denn darüber geklagt habe ich bereits ausgiebig in diversen Posts. Reden wir also nur von heute Morgen. Da hatte ich geglaubt, endlich die todsichere Methode gefunden zu haben, um meinen ungestörten Schreibmontag zu bekommen. Die Idee stammt zwar nicht von mir, ist aber dennoch grandios: In den Zug sitzen, eine möglichst weite Strecke ohne Umsteigen fahren, schreiben, die Landschaft betrachten, nachdenken, wieder schreiben, am Zielort ein kurzer, inspirierender Aufenthalt und wieder schreibend nach Hause fahren. “Das ist es”, jubelte ich, als man mich auf diesen Gedanken brachte und so plante ich für heute eine lange Zugfahrt ohne Umsteigen ins Tessin. Sieben Stunden ungestörte Schreibzeit und das ohne Fluchtmöglichkeit. Einfach genial.

Tja, und dann entschied sich das Prinzchen heute Morgen um sieben dazu, der SVP beizutreten. “Ich will nicht in die Krippe!”, brüllte er, “Ich will bei dir bleiben, ich will nicht, dass du weggehst!” Alles Reden, Hätscheln, Drohen, Trösten und Bestechen half nichts, das Prinzchen tat weiterhin so, als sei die – gewöhnlich über alles geliebte – Krippe der schlimmste Ort auf diesem Planeten. Nach zwei Stunden heulen und zetern sah er aus wie eines der Staatskinder aus dem SVP-Extrablatt und ich wohl so gar nicht wie die kaltherzige Karrierefrau, die ihr Kind ins Kindergefängnis steckt, von der die SVP immer schwadroniert, sondern viel eher wie eine verzweifelte, überforderte Hippie-Tante, die ganz dringend einen Termin beim Guru braucht. Irgendwie schaffte ich es, meinen renitenten Sohn in der Krippe abzugeben, musste mich aber damit abfinden, dass heute nichts aus schreiben im Zug wird. Ich muss nämlich in Reichweite bleiben, falls das Prinzchen auch den Betreuerinnen die Ohren voll heult und früher abgeholt werden muss.

Da bleibt mir doch einfach nichts anderes übrig, als ein kurzes Bad im Selbstmitleid, ehe ich mich daran mache, in den Räumen, denen ich heute hatte entfliehen wollen, die Inspiration zusammenzukratzen, die sich irgendwo, zwischen schmutzigem Frühstücksgeschirr, vergessenen Schulaufgaben der Kinder und halbfertigen Strickarbeiten verborgen hat.

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