Neuland

Leo will aussteigen, nicht einfach nur eine Auszeit nehmen, sondern sich mit allen Sinnen einer neuen Welt anvertrauen, sie mit seiner Zunge, seinem Körper, seinem Geist schmecken, in ihr aufgehen und vergehen, nicht, weil er seines alten Lebens überdrüssig geworden wäre, denn das ist er nicht, ihm ist nach einer Luftveränderung, um nicht der wohlfeinen Langeweile alltäglicher Verrichtungen zu erliegen, und so sehr er es gemocht hat, in der Wohnung der Familie Müller im 3. Stock zu wohnen, er kann dem ihm inne wohnenden Trieb nicht länger ausweichen, einem Trieb, der treibend ruft, er sollte sich aus dem Staub machen, bevor Frau Müller ihn endgültig vor die Tür setzt, zumal Frau Müller an einem kranken Gemüt laboriert, einer Verschiebung ihres Glücksempfindens, das sich bedrohlich auf eine Schlucht namens Depression zuarbeitet, und dies, seit Herr Müller beschlossen hat, seinen Erstwohnsitz drei Stockwerke höher in die Bettenburg der Susanne Frisch zu verlegen, darauf wartend, seinem Körper gänzlich neue Gefühle entlocken zu können, der nun dort liegt, jetzt in diesem Augenblick, die rechte große Zehe der Frau Frisch mit seiner Zunge erkundend, während Leo sich mit Sack und Pack auf den Weg in die Wohnung eines gewissen Herrn Reismeier macht, der ihn bereits erwartend, mit einem Lächeln in die Wohnung bittet, die fortan Lebensmittelpunkt für Leo sein soll, vielen Dank, sagt Leo, und Herr Reismeier erwidert, gerne, gerne, Fachkräfte für den Küchenbereich sind hier stets gesucht, aber jetzt solle er sich erst einmal einrichten, sagt Herr Reismeier, er könne in seinem Bett Unterschlupf finden, Sie können in meinem Bett Unterschlupf finden, sagt Herr Reismeier, aber Leo lehnt mit einem breiten Grinsen ab, er wolle zunächst ans Meer, jaja, das Meer, sagt Herr Reismeier, da wollen sie alle hin, und darum leitet er Leo zum Badezimmer, er öffnet die Tür, Hitze schlägt aus dem Badezimmer, der Tropenbereich, sagt Reismeier, viele Pflanzen, setzt er noch hintan und reicht Leo ein kleines Messer, das werden Sie benötigen, Leo greift nach dem Messer, er wagt den Schritt und findet sich in der nächsten Sekunde in einem Dschungel, der bewohnt ist von allerlei Tieren, so findet sich dort eine gelbe Gummiente, ein heimtückisches Ungeheuer, wie Leo aus eigener Erfahrung zu berichten weiß, er schlägt mit dem Messer auf eine Pflanze ein, reißt kleine Blätter zur Seite, die seinem Blick auf eine bestimmte Wandkachel im Wege standen, gefällt es Ihnen denn, ruft Herr Reismeier, aber Leo kann nicht antworten, befindet er sich doch im Kampf mit dem Badvorleger, der ihn verschlingen will, Leo wird ihn bändigen, denn mit Badevorlagen kennt er sich aus, er hatte mit diesen wilden Urzeitgeschöpfen schon vor Jahren im Haushalt einer gewissen Erna Gröbenbach zu tun, die sich dort wie eine Plage ausbreiteten, Leo ringt, aber schließlich und endlich besiegt er den Unhold, der sich scheinheilig, als könne er kein Wässerchen trüben, vor die Badewanne legt, darin das Meer zu finden ist, denn dort wollte Leo ja hin, ans Meer, aber wie das sooft ist mit Erwartungen, erfüllen sie sich erst, dann bleibt von ihnen nicht viel übrig, also ruft Leo zu Reismeier hinaus, könnte ich denn auch in die Berge, selbstverständlich, ruft dieser freudig erregt auf, er müsse nur mit ihm kommen, jaja, sagt Leo, der sich bereits zurück in den Flur gekämpft hat, schöner Himmel, sagt Leo und zeigt zur weißgetünchten Decke, aber Reismeier antwortet nicht, er steht im Wohnzimmer, Leo muss sich beeilen, will er den Anschluss nicht verpassen, Reismeier zeigt auf den Schrank, alte deutsche Eiche, über 2 Meter hoch, sagt er stolz, den bezwingen nur geübte Kletterer, das ist auf keinen Fall ein Anfängerschrank, bestimmt nicht, murmelt Leo, ja, hier gefällt es ihm, hier will er bleiben, Wasserfälle, fragt Leo, Reismeier winkt ab und sagt, haben wir alles, das Klo befindet sich neben der Mulde des kahlen Baumes, des was, ruft Leo erstaunt auf, Sie können es auch Garderobe nennen, aber wer tut das schon, sagt Reismeier, lacht auf, Leo stimmt in das Lachen ein, er klopft Reismeier auf die Schulter, den der plötzliche Schlag im Lachen unterbricht, der ihn ernst anblickt und dann sagt, so, jetzt wollen wir uns aber erst mal um den Schriftkram kümmern, Ausweis, ich hätte gerne Ihren Ausweis, außerdem das Führungszeugnis der letzten Wohnung, Ihr Gepäck muss ich auch noch untersuchen, Leo erschrickt, nichts für ungut, sagt Reismeier, aber wenn das jetzt alles schnell über die Bühne geht, dann, was dann, schreit Leo, dann, sagt Reismeier, zeige ich Ihnen noch unsere Attraktion, ja, was ist das denn, ruft Leo, lassen Sie sich überraschen, sagt Reismeier, lassen Sie sich überraschen, manche nennen den Ort, den ich Ihnen zeigen will, Kühlschrank, ich nenne ihn EWIGES EIS, nein, sagt Leo, doch, sagt Reismeier, und es gibt sogar Leben darin, Leo kann sein Glück kaum fassen, es war eine gute Entscheidung, Neuland zu betreten.



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