Navid Kermani – Iran, die Revolution der Kinder

 

Navid Kermani – Iran, die Revolution der Kinder

 

Wer immer sich über die Hintergründe der aktuellen Situation in Iran und den Gründen und Ursachen der „Grünen Bewegung“ informieren möchte, sollte dieses Buch lesen. Kermani beschreibt die historische Situation des Iran von vor zehn Jahren. Eine Zeit, die ebenfalls geprägt war von Studentenunruhen.

Auch wenn die aktuellen Demonstrationen und der stille Widerstand gegen das System in Iran nicht mehr nur durch Studenten getragen wird, finden sich doch erstaunliche Parallelen. Bereits vor zehn Jahren schrieb Kerman:

Es gibt einen unabweislichen Grund, weshalb einem theokratischen Staatsmodell in Iran die Zeit abläuft: Ihm ist die Gesellschaft abhanden gekommen. (Seite 95)

Diese Aussage findet sich ebenfalls im aktuellen Buch wieder und auch bei seiner Frau, Katajun Amirpur. Es scheint, als wäre dies eine der Kernaussagen, die Kermani über die aktuelle Situation der Theokratie in Iran zu sagen weiß. Und seine wichtigste Begründung für den augenfälligen Gegensatz zwischen Herrschaft und Volk.

Die iranische Gesellschaft ist im Begriff, eine Entzauberung zu erleben, und zwar im Schnelldurchlauf. Am augenfälligsten ist der Wertewandel zum einen bei den Frauen, die das alte Rollenmuster sowie zahlreiche diskriminierenden Gesetze weniger aktiv bekämpfen, als vielmehr ignorieren […] Die andere gesellschaftliche Gruppe, in der sich der Umbruch besonders deutlich manifestiert, ist die Jugend und speziell jene Söhne und Töchter, die inmitten der einstigen revolutionären Masse aufwuchsen… (Seite 101/102)

Es sind die Kinder der Revolution, die nun revoltieren. Und es ist so die Revolution der Kinder, der Jugend gegen ein System, dass noch ihre Eltern mit errichteten. So geht ein Riss durch die Gesellschaft, ein Riss quer durch die Familien und die Generationen.
 Längst auch hat sich die Jugend abgewendet von denen, die wir als „Führer der Bewegung“ wahrnehmen. Weder Mousavi noch Karrubi sind die Führer dieser Bewegung: das ist allein das Volk.
Ich bin der Überzeugung, dass sich einige gesellschaftliche Bedingungen der sterbenden DDR mit denen des aktuellen Iran vergleichen lassen. Nicht, dass ich meine, die Systeme würden sich gleichen. Nein, aber dieses gravierende Missverhältnis zwischen dem, was offizielle Medien berichten und dem, was das Volk bewegt; dieses schon fast schizophren zu nennende Verhalten: privates von öffentlichem Auftreten, Reden und Tun zu trennen. Das kann nicht ohne psychische Folgen bleiben. Und es ist ein Akt der Gesundung, wenn dagegen aufbegehrt wird.

Die vergangenen beiden Jahrzehnte haben zu einem massiven Verlust individueller und gesellschaftlicher Utopien geführt. Sie haben die Befähigung zum Lügen, zur Verstellung, zur Maskerade, zur Trennung zwischen öffentlichem und privatem Verhalten als zwingend etabliert und die Kinder allzu früh mit den Mechanismen erwachsenen Lebens vertraut gemacht. Der Lehrer hat politische, moralische und weltanschauliche Normen durchzusetzen, an die er selbst offensichtlich nicht glaubt. Die Eltern reden, handeln, bewegen sich zu Hause so selbstverständlich anders als außerhalb der eigenen vier Wände … Doch für die älteren Iraner ist dieses Doppelleben normal geworden, und die Jüngeren kennen es nicht anders. (Seite 99)

Wer als geborener DDR-Bewohner diese Zeilen nicht nickend bestätigt, ist entweder gnadenlos naiv, vergesslich oder aber gehörte der Nomenklatura an.

Diese so aufwachsende Jugend lehnt die Vorstellungen und Lügen ihrer Eltern, ihrer Lehrer und des Staates vehement ab. Wenn man sich vor Augen führt, dass der Iran eine Bevölkerungsstruktur hat, bei der weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung jünger als 30 Jahre ist, bekommt man eine Ahnung, was es bedeutet, dass die Jugend gegen das Regime in den Aufstand geht.

Und dieses Aufbegehren hat – wie Navid Kermani nachweist – eine längere Tradition in Iran als es uns hier im Westen oft bewusst ist. Nach der blutigen Niederschlagung war es still in unseren Medien. Während in Iran eine Zivilgesellschaft heran wuchs, die kaum noch etwas gemein hat mit den klerikalen Regierungserklärungungen. Auch wenn Kermani einige Male darauf hinweist, dass der Iran weiterhin ein schiitisch geprägtes Land sein wird; selbst nach einer Änderung der Regierungsform. Doch sprechen sich auch mehrere hochrangige schiitische Gelehrte – wie zum Beispiel der kürzlich verstorbene Großayatollah Montazeri – für eine strikte Trennung von Staat und Religion aus. Das Volk des Iran kann man als säkularisiert bezeichnen. Weil es den ideologischen Druck, den diese Theokratie aufgebaut hat, unerträglich findet. Insofern sind Montazeri und seine „Schüler“ Mohsen Kadivar und Abdolkarim Soroush eher daran interessiert, den Islam in seiner schiitischen Ausprägung vor dem Untergang zu retten, als die Revolution heraufzubeschwören; aber sie unterstützen die aktuelle Bewegung uneingeschränkt. Denn:

Das zeigt sich auch an den theoretischen Büchern, die in den Universitäten heute [das heisst: 2000] die größte Verbreitung haben, wie etwa die Schriften der Reformdenker Abdolkarim Sorusch und Moschatehed Schabestari. In ihnen wird ein Islam vorgestellt, der seinen Platz in der persönlichen Glaubenserfahrung, nicht in der politischen Praxis hat. (Seite 141)

Navid Kermani wagt in dem – wie gesagt: 10 Jahre altem – Buch auch eine Voraussage: Dass sich diese hinter- und untergründige Demokratisierung der Bevölkerung fortsetzen wird und „dies langfristig für einen Wandel revolutionären Ausmaßes sorgen“ wird (Seite 158)
Das hat offenbar 10 Jahre benötigt und eine gefälschte Wahl brachte das Fass dann endgültig zum Überlaufen: aber diese Bewegung, die sich mit der Farbe grün schmückt, ist weder plötzlich noch unerwartet entstanden. Sondern ein Ergebnis der seit der ´79-iger Revolution verratenen Ideen von Freiheit. Und was die Eltern nicht ändern konnten oder wollten, versuchen nun deren Kinder.

Wer aber schon alle Hoffnung auf einen Wandel in Iran aufgegeben hat, könnte sich noch täuschen. Der Wandel, der sich in Iran vollzieht, ist sozialer, geistiger und religiöser eher als politischer Art. Dadurch ist er langsamer, als die meisten es sich wünschen, aber auch so grundlegend, wie die gewaltbereiten [Befürworter] der [islamischen] Revolution fürchten. [...]
[es] setzt sich die Entwicklung innerhalb der iranischen Gesellschaft mit unverminderter Dynamik fort, akzeptieren immer weniger Frauen das alte Rollenverständnis, orientiert sich die Jugend immer offener an anderen als den islamischen Werten, entsteht eine neue wirtschaftliche und technologische Elite, faßt das aufklärerische Denken an den Theologischen Hochschulen immer mehr Fuß. (Seite 234/235)

Man muss Kermani nicht in Allem zustimmen; aber um zu verstehen wie es dazu kommt, dass wir im Westen den Iran vor allem als mit Atomwaffen drohendes Land wahrnehmen und dessen innenpolitische „Probleme“ eher mit Besorgnis denn mit Solidarität oder Wohlwollen sehen, sollte man sich dieses Buch einmal ansehen. Oder wenigstens den relativ aktuellen Artikel in der ZEIT lesen, in dem Kermani zur aktuellen Situation in Iran Stellung nimmt.

Nic


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