Nautilus (VI+): Trad-Klassiker im Herzen des Valle dell’Orco

Einer der großen Rissklassiker des Orco-Tals – mit Rissen, Friends und Granit vom Feinsten.

Wer das Valle dell’Orco besucht und eine klassische Trad-Route klettern möchte, kommt an der Nautilus kaum vorbei. Die Linie im rechten Wandteil des Sergent zählt zu den bekanntesten und meistbegangenen Mehrseillängenrouten des Tals – und das völlig zu Recht.

Auf rund 200 Kletternmetern führt sie durch Verschneidungen, Risse und Kamine, die exemplarisch für den rauen Granitstil des Orco stehen. Die Schwierigkeiten bleiben mit maximal VI+/VII- moderat, geschenkt wird einem in der Nautilus aber dennoch nichts.

Bereits vom Zustieg aus wirkt die Linie beeindruckend: Eine markante Folge von Rissen und Verschneidungen zieht sich durch die Wand, und spätestens am Einstieg wird klar, warum die Nautilus zu den großen Klassikern des Valle dell’Orco gehört.


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Der Sergent – Das Trad-Mekka des Valle dell’Orco

Beheimatet ist die Nautilus am Sergent. Dieser wiederum ist wohl die bekannteste Wand im Valle dell’Orco. Vom Talboden wirkt er zunächst überraschend kompakt und versteckt sich hinter dichten Nadelbäumen. Erst aus der Nähe offenbaren sich seine gewaltigen Dimensionen, seine Steilheit und die markanten Risssysteme.

Besonders der rechte Wandteil wird von tiefen Kaminen, Verschneidungen und gestuften Wandabschnitten geprägt, die durch ein großes Band in der Wandmitte voneinander getrennt werden.

Hier verlaufen einige der berühmtesten Trad-Klassiker des Tals – allen voran die Nautilus, die seit ihrer Erstbegehung 1982 durch Andrea Giorda, Roberto Perucca und Mario Ogliengo Generationen von Kletterern begeistert.

Neben der Nautilus sind am Sergent etwa auch die Locatelli (VII) oder die Fessura della disperazione (VII+) als bekannte Routen zu nennen.

Nautilus Valle dell'Orco Nautilus Valle dell'Orco Links: Übersicht über den oberen Wandteil nach dem großen Band.
Rechts: Topo der Route Nautilus

Charakter und Anforderungen der Nautilus im Valle dell’Orco

Die Nautilus gilt als eine der besten Trad-Routen des Valle dell’Orco und eignet sich hervorragend für Kletterer, die bereits Erfahrungen im Trad-Klettern gesammelt haben oder diese auf einer klassischen Granitlinie vertiefen möchten.

Die Route folgt einer logischen Linie und führt auf ihrer Originalvariante durch den legendären Kamin der dritten Seillänge ins Innere des Sergent – eine Passage, die vielen Besuchern besonders in Erinnerung bleib – der wir aber konsequent ausgewichen sind.

Athletische Riss- und Verschneidungskletterei prägen die übrigen Seillängen. Gerade dort, wo die Wand zunächst abweisend wirkt, eröffnen sich häufig überraschend elegante und logische Kletterlösungen.

Bohren oder Klemmen?

In den Jahren nach der Erstbegehung wurde die Route stellenweise mit Bohrhaken ausgestattet – sowohl an den Standplätzen als auch vereinzelt in den Seillängen. Diese Eingriffe sorgten für Disput innerhalb der lokalen Kletterszene und wurden später glücklicherweise wieder rückgängig gemacht.

Besonders einschneidend waren die Arbeiten bei der Errichtung des Straßentunnels unterhalb des Sergent: Damals wurden im markanten Nautilus-Kamin Stahlseile und Installationen für den Bau angebracht. Dank des Einsatzes mehrerer Kletterer konnten diese Spuren später vollständig entfernt und die Route weitgehend in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden. Großen Dank dafür!

In jeden Riss passt ein Friend

Heute präsentiert sich die Nautilus wieder als klassische Trad-Tour. Zwar sind die Stände mit Bohrhaken eingerichtet, in den Seillängen selbst finden sich aber lediglich einige historische Relikte wie alte Haken oder verklemmte Friends.

Mit einem Satz Klemmkeilen, einem vollständigen Satz Friends bis Größe 3 sowie einigen zusätzlichen mittleren und kleinen Größen ist man für die Route bestens ausgerüstet und findet in den zahlreichen Rissen und Verschneidungen nahezu durchgehend ausgezeichnete Sicherungsmöglichkeiten.

Nautilus: Touren- & Routeninfos


📍 Berg/Ort: Sergent bei Ceresole Reale im Valle dell’Orco

🚗 Anfahrt: Mit dem Auto Richtung Turin und Aostatal. Kurz vor Ivrea nach Pont-Canavese am Eingang ins Valle dell’Orco abbiegen. Von dort noch etwa eine halte Stunde ins Tal hinein zum Campingplatz Ai Laghetti knapp nach einem langen Tunnel. Kostenlose Parkplätze entlang der Straße vor dem Campingplatz > Anfahrt planen

✊ Schwierigkeit: VI+/VII-

🧗 Seillängen: 8, Kletterlänge 200 m.

🧭 Ausrichtung: Süd

🔨 Absicherung: Standplätze gebohrt; wenige Normalhaken, dazwischen muss selbst abgesichert werden.

✔️ Ausrüstung: 50m-Doppelseil, 8-10 Expressschlingen (unbedingt auch verlängerbare), Friends (0.3 bis 3, 0,4 bis 2 doppelt), ein Satz Klemmkeile, Bandschlingen und natürlich die übliche Kletterausrüstung.

🚶 Zustieg: Am Campingplatz vorbei entlang der alten Straße bis zu einem Schranken (links befindet sich ein Holzstadel mit Salzlager). Dort links auf Pfadspuren in den Wald abbiegen. Am Fuße riesiger Boulder entlang und über etwas mühsames Blockgelände (Steinmänner) zum Wandfuß. 25 Min.
Der Einstieg befindet sich links einer großen, angelehnten Felsscheibe (Bohrhaken auf ca. 4 m Höhe). Die erste Seillänge führt über die Rissschuppe links der Felsscheibe.

⬇️ Abstieg: In der 8. Seillänge hinter einem Baum nach rechts zu Abseilstand mit Ring. Über die Route Jedi Master 2x (1x 35 m, 1x 40 m) bis auf das große Band abseilen. Am Band entlang bis zur westlichen Abbruchkante (zwei Abseilstände). Hier ein weiteres Mal 40 m in eine Schlucht abseilen und zu Fuß zurück zum Einstieg.

📖 Topo & Führer: Eine Topo der Route findest du hier. Diese und viele weitere Alpin- und Sportkletterrouten findest du im Führer VALLE dell’ORCO vom Matteo und Stefano dalla Gasperina

Nautilus | Valle dell’Orco: Die Seillängen im Detail

Ich habe versucht, die Seillängen möglichst neutral zu bewerten. Deshalb habe ich nicht die Angaben aus dem Führer übernommen, sondern meine Topo und die Beschreibung mit meinen Einschätzungen ergänzt.

1. Seillänge (25 m, VI): Schuppen-Perfektion

Der Einstieg in die Nautilus ist schnell gefunden, denn er könnte markanter nicht sein: Rechts eine riesige, an die Wand angelehnte Felsplatte, links eine leicht überhängende Schuppe, überall darum herum: perfekter Fels.

Die erste Seillänge führt über 25 m entlang der Schuppe hinauf. Ich bin maximal motiviert auf den Vorstieg. Denn: Wie geil sieht das bitte aus? Wild gestikulierend, als hätte ich mich schon vollständig in das Land integriert, in dem wir gerade auf Urlaub sind, versuche ich Tom, meine Begeisterung zu vermitteln.

Gleichzeitig habe ich eine große Portion Respekt, denn meine Erfahrung im Trad-Klettern ist quasi kaum vorhanden. Ehe der Freund ungeduldig wird, steige ich ein.

Nautilus Valle dell'Orco Nautilus Valle dell'Orco Die erste Seillänge der Nautilus startet zwischen einer angelehnten Felsplatte und einer Rissschuppe. Als wir schon wieder am Einstieg sind, steigt noch eine italienische Seilschaft ein.

Ein leicht überhängender Riss leitet mich zur Schuppe. Ich finde noch ein perfektes Keil-Placement, dann darf ich über die herrliche Schuppe hinaufklettern. Zunächst Piazend oder mit Hand-Jam, später finde ich zu meiner Überraschung sogar einen Faustklemmer.

Die Kletterei ist abwechslungsreich und vermittelt sofort das typische Orco-Gefühl. Placements für Friends finden sich nahezu überall, sodass man bereits auf den ersten Metern Vertrauen in den Fels und die Route gewinnt.

Nach einer kurzen Passage über gestuftes Gelände erreicht man, wenn man sich leicht links hält, den ersten Stand unter einer Verschneidung.

2. Seillänge (25 m, V): Genussverschneidung

Die zweite Länge bietet genussvolle Verschneidungskletterei an rauem Granit. Über gestuftes Gelände mit einigen Blöcken gelangt man an den Fuß einer nach obenhin immer steiler werdenden, aber gutgriffigen Verschneidung.

Den Standplatz klettert man leicht von links über einen spaßigen Hangel an. Kurz wird’s etwas athletisch, aber niemals schwierig. Die Länge lässt sich super mit mittleren Friends absichern.

Nautilus (VI+): Trad-Klassiker im Herzen des Valle dell’Orco Nautilus Valle dell'Orco Die zweite Seillänge verläuft entlang einer Verschneidung. Sie wird nach obenhin immer steiler, bleibt aber stets gutmütig zu klettern.

3. Seillänge (20 m, VI): Kamin oder Untergriff-Verschneidung?

Am zweiten Stand teilt sich die Route. Die Originallinie quert über eine Platte nach links und führt anschließend in den berühmten Nautilus-Kamin (V). Diese Passage ist das Herzstück der Route und der Grund, weshalb die Linie ihren legendären Ruf genießt. Zwischen eingeklemmten Blöcken und den glatten Granitwänden arbeitet man sich durch den tiefen Kamin nach oben.

Wer (wie wir) kein Freund von Kaminen ist und lieber mit Händen und Füßen als mit dem gesamten Körper klettert, kann stattdessen geradeaus in die markante Verschneidung oberhalb des Standes einsteigen. Diese Variante wurde von den Erstbegehern bei späteren Wiederholungen geklettert, ist technisch anspruchsvoller (VI) aber einfacher abzusichern als der Kamin.

Nautilus (VI+): Trad-Klassiker im Herzen des Valle dell’Orco Nautilus (VI+): Trad-Klassiker im Herzen des Valle dell’Orco Nautilus Valle dell'Orco Einfach herrlich klettert sich die Verschneidung mit ihren guten Untergriffen. Für mich auf jeden Fall die bessere Variante, als der Kamin.

Die Linie folgt einem eindrucksvollen, leicht bogenförmigen Riss (2 Normalhaken, F 0,4-0,75), bevor unter dem Dach athletische Kletterei an Untergriffen gefragt ist. Ich fand die Länge richtig cool zu klettern und auch nicht allzu schwierig, da der Riss sehr griffig ist und man auch immer gute Tritte findet. Freu dich darauf!

4. Seillänge (20 m, IV): Ab aufs Band!

Über eine liegende Verschneidung (IV) hinauf zu einem Baum am großen Band. Hier endet der erste Wandabschnitt. Die breite, grasige Terrasse teilt den Sergent in zwei deutlich voneinander getrennte Wandstufen. Nehmt am besten das Seil auf und quert etwa fünf Minuten über deutliche Steigspuren nach rechts zum Einstieg des oberen Wandteils.

Nautilus (VI+): Trad-Klassiker im Herzen des Valle dell’OrcoÜber diese sanft geneigte Verschneidung geht’s hinauf zu einem Baum am großen Band in der Wandmitte.

Wir mussten etwas suchen, ehe wir den Beginn der fünften Seillänge ausgemacht haben. Am ersten markanten Podest unterhalb riesiger Dächer verläuft die Route Jedi Master. Für die Nautilus gehst du noch etwas weiter nach rechts zu einer weiteren Felsstufe.

In der fünften Seillänge musst du eine markante Verschneidung ansteuern – links davon wächst eine unübersehbare Lärche aus der Platte. Schau dir dazu am besten nochmal die Übersicht des oberen Wandteils an!

5. Seillänge (35 m, V-): Im Zick-Zack über Bänder und durch den Kamin

Der zweite Teil der Route beginnt deutlich gemütlicher, dafür etwas unübersichtlich. Über Bänder und kurze Stufen (Achtung Grounder möglich, auf Seilzug achten) schlängelt sich die fünfte Seillänge an die große Verschneidung heran. Die Wegfindung ist hier etwas weniger offensichtlich, die Schwierigkeiten bleiben mit V- jedoch moderat.

Nautilus (VI+): Trad-Klassiker im Herzen des Valle dell’OrcoAm Beginn der 5.Seillänge. Der Routenverlauf ist hier nicht ganz offensichtlich. Im Zick-Zack überklettert man einige Podeste, ehe man zu einem kurzen Kamin gelangt.

Vor dem Standplatz durch einen kurzen Kamin, dann nach links um eine Kante und schon stehst du vor der Schlüssellänge!

Nautilus (VI+): Trad-Klassiker im Herzen des Valle dell’Orco Nautilus Valle dell'Orco Durch den Kamin kann man einfach durchspazieren und schon steht man vor der eindrucksvollen Schlüssellänge.

6. Seillänge (30 m, VII-): Fingerriss und Hosenschiss

Für viele ist das die schönste Seillänge der Route, denn jetzt wartet Rissklettern in allen Varianten. Man folgt der offensichtlichen Verschneidung gerade empor, deren Riss kontinuierlich schmaler wird, ehe in der Schlüsselpassage (VII-) nur noch die Finger und ein 0,4er Friend Platz haben.

Die Tritte sind rar, die Finger schmierig und meine Füße werfen die Nähmaschine an. Dass der Friend bombig hält beweise ich, indem ich ihn kurz in meine Beta integriere. Danach geht’s ohne Technisieren weiter.

Raus aus dem Fingerriss und nach links zu einer Lärche hinüber. Nach der Querung wartet ein traumhafter Handriss (F 0,75-1) – genau die Art von Granitkletterei, für die das Valle dell’Orco berühmt ist. Die Sicherungen sitzen hervorragend, dennoch fordert die Länge saubere Risstechnik (die ich offensichtlich nicht habe). Cool war’s trotzdem!

Nautilus Valle dell'Orco Nautilus Valle dell'Orco Links: Eine Traumlänge, die mir beweist, dass ich nicht Rissklettern kann.
Rechts: Der schöne Handriss im oberen Teil.

Dass in dieser Länge häufiger mentale und technische Schlachten ausgefochten werden, zeigen die vielen, in den Rissen versenkten Camalots. Warum in vielen Topos diese Fixfriends verzeichnet sind, kann ich nicht nachvollziehen. Denn die meisten Friends sitzen so tief, dass man sie kaum mehr direkt einhängen kann. Und es denkt hoffentlich niemand daran, dem alten, verschlissenen Bandmaterial zu trauen.

7. Seillänge (30 m, V+): Mini-Überhang und Plattengang

Kurz wird es nochmals knifflig. Entlang einer Verschneidung hinauf, nach rechts um eine Kante und auf einen kleinen Überhang (V+) zu. Ihn zu überwinden sieht schwierig aus, löst sich abergut auf, wenn man mit dem linken Fuß sauber auf die Kante hinaussteigt.

Dann lehnt sich die Wand allmählich zurück. Man quert über Platten weit nach links hinüber. Der Standplatz befindet sich oberhalb eines Baumes.

Nautilus (VI+): Trad-Klassiker im Herzen des Valle dell’OrcoNach diesem kleinen Überhang sind die Schwierigkeiten nun wirklich vorbei.

8. Seillänge (15 m, V): Ein Schüppchen zum Drüberstreuen

Die meisten seilen wohl schon nach der siebten Seillänge ab, wir nehmen diesen hübschen Riss (V, F1-3) aber gerne noch mit. Zumal sich oben auf dem Band rechts einer Lärche (leicht absteigen) ein perfekter Abseilstand mit Ring befindet.


Fazit zur Nautilus

Was für eine edle Route! Wer Freude an klassischer Trad-Kletterei, sauberer Rissarbeit und eigenständiger Wegfindung hat, findet in der Nautilus einen der großen Klassiker des Tals – und möglicherweise den perfekten Einstieg in die Trad-Welt des Valle dell’Orco.

Das breite Band in Wandmitte unterbricht den Kletterfluss zwar etwas und nimmt der Route ein ihre Ausgesetztheit; dennoch bleibt die Nautilus eine außergewöhnlich schöne Trad-Tour.

Ich war im Vorstieg in einigen Abschnitten gut gefordert und finde die ursprüngliche Bewertung im Orco-Führer ziemlich streng. Das mag aber auch an meiner fehlenden Risskletter-Erfahrung liegen.

Nautilus (VI+): Trad-Klassiker im Herzen des Valle dell’Orco Nautilus (VI+): Trad-Klassiker im Herzen des Valle dell’Orco Danke liebes Valle dell’Orco!

Der Begeisterung über die Route tut das aber keinen Abbruch und ich kann nur eine große Empfehlung aussprechen!

Falls du nach einer guten Übungstour für die Nautilus suchst, kann ich dir die Pesce d’Aprile am Torre di Aimonin im Valle dell’Orco empfehlen! Sie ist etwas kürzer, einfacher aber auch fantastisch.

Trad-Legende Pesce d’Aprile

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🦵💥 Viele Bergsportler kennen ihn: Den stechenden Schmerz hinter der Kniescheibe, wenn man sich nach einer langen Tour im Abstieg befindet. 😧 Pesce d’Aprile (VI): Die Trad-Legende im Valle dell’Orco 🧗‍♀️✊ Strolling around in the beautiful Valle dell'Orco 🇮🇹 w/ the new @karpos Lavaredo collection. 🏃‍♀️👕🩳 Nautilus (VI+): Trad-Klassiker im Herzen des Valle dell’Orco

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