Mythos Hautchemie - Teil 2

Bevor es in Kürze wieder mit anderen Themen weitergeht, freue ich mich über einen neuen Beitrag von Ronin (Parfum-Community www.parfumo.de), der in Ergänzung und als Reaktion auf die zahlreichen Zuschriften zu dem erst kürzlich veröffentlichten Gastkommentar Mythos Hautchemie erfolgt. Das Thema der sich verändernden Duftwahrnehmung, der unterschiedlichen Dufteindrücke etc. ist spannend und wirft zahlreiche Fragen auf, die man nicht mit einer einzigen Lösung/ Erklärung wird beantworten können. Auf unser ganz unterschiedliches Riechvermögen war ich bereits eingegangen und selbstverständlich habe ich die Adaption nicht vergessen.

Aber jetzt erteile ich Ronin das Wort.

EDIT vom 18.03.2013:

Neun Monate nach dem Verfassen des Blogartikels auf Parfumo und eine Woche nach Veröffentlichung in Erik Kormanns aromatischen Blog möchte ich auf die vielen guten Kommentare, die sich angesammelt haben (vielen Dank!), eingehen. Sie betrafen fast alle den Punkt 5e), dem Effekt des Eigengeruchs der Tragenden auf den Parfumduft. In der letzten Zeit habe ich viel gelernt über Wahrnehmung und würde diesen Punkt 5e) jetzt nicht mehr so formulieren.

Ich hatte geschrieben, dass ein Parfum viel geruchsintensiver ist als der Eigengeruch der Haut. Dem ist ja auch so. Das Parfum-Eigengeruch-Gemisch ist ein wie ein Layern beider Komponenten (ich würde schätzen im Verhältnis 95:5 bis 99:1). Wäre der Eigengeruch auch ein Parfum, wäre der Unterschied zum reinen Duft des eigentlichen Parfums maximal eine Nuancenverschiebung, marginal bis nicht bemerkbar. Unser Eigengeruch ist aber kein „normales Parfum“. Oder, wie es ein Leser treffend formulierte: „Das lässt sich mit der Naturwissenschaft Chemie natürlich nicht erfassen, aber “chemisch” schon.“

Der Faktor Eigengeruch ist nicht in einem absoluten, sondern in einem relativen Maße wichtig neben bzw. unter einem Parfum. Verschiedene Wahrnehmungssituationen – als Beispiele Selbstwahrnehmung, Wahrnehmung an Partner/in oder Wahrnehmung, die außerhalb des Gewohnten liegt (z.B. Krankheit, fremde Kulturen) - bedingen unterschiedliche Sensibilitäten. Androstenon beispielsweise, ein im männlichen Schweiß vorkommendes Abbauprodukt des Testosterons, hat unbewusst einen Einfluss auf Affekte, Neigungen und Gefühle. Eine hohe Sensibilität für Eigengeruch, dadurch eine andere „Gewichtung“ bei der Wahrnehmung, macht ihn relativ zum getragenen Parfum wichtiger als es den „Layerprozenten“ entspräche.

Nun lassen nicht alle Parfums gleich viel Raum für den Einfluss von Eigengerüchen. „Flächig“ komponierte Parfums wie viele Klassiker oder Serge-Lutens-Kreationen, bei denen die Träger/innen eher eine Leinwand sind und der Duft das Gemälde, sind weniger beeinflussbar. Moderne Düfte, die sehr körpernah oder transparent sind, deren scharf abgegrenzte Noten Platz für Persönlichkeit lassen, können gewollt mit der subtilen Wirkung von Eigengerüchen spielen. Aber auch hier ist die Wirkung (bewusst und/oder unbewusst) größer als eine Duftverschiebung.

Beobachtungen wie: eine Rosennote, die zu Patchouli wird; Haut, die Amber schluckt; Chypres, die zu Fougères werden; Fruchtdüfte, die nach Inkontinenz riechen – das lässt sich m.E. nicht mit Eigengeruch erklären. Oder Hautchemie im Allgemeinen. Hier wäre es spannend, sich umfangreicher mit Wahrnehmungspsychologie zu befassen.

Als Literaturstelle mag ich empfehlen W. Legrum: “Riechstoffe, zwischen Gestank und Duft”, Vieweg und Teubner, 2011, S. 22f. und S. 56 ff.


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