Müll-Diplom und Mülldiät

Wer nach hinten raus wohnt, hats meist ruhig in Berlin. Aber: Im Hinterhof ist der Blick nicht gerade berauschend: Überquellende Mülltonnen und herumliegender Unrat. Nachbarn, die Müll nicht sortieren und solche die darüber motzen. So erlebte es die Designerin Susanne Hausstein, die nach ihrem Umzug nach Berlin Neukölln buchstäblich die Perspektive wechselte. Mit dem Müllproblem vor Augen machte sie sich an ihre Diplomarbeit an der Berliner Universität der Künste (UdK). [ent]sorgen ist der Titel des Blogs, der Teil ihrer Untersuchung des Phänomens Müll wurde. Denn die „Sorge“ aus dem Wort ent-sorgen machte ihr zum Ende ihres Designstudiums Kopfzerbrechen. Fakten, Gedanken und Experimente, die sie während des Diploms beschäftigten hat sie in diesem Blog höchst aktuell und informativ verarbeitet. Susanne Hausstein hat beispielsweise sich und ihrem Partner eine Woche “Müllfasten” verordnet und protokolliert: Alle Verpackungsabfälle, die den grünen Punkt trugen, sollten vermieden werden. Das heißt, die Plastiktüte beim Obst abwiegen ist genauso verboten wie die Folie an der Fleischtheke oder etwa die Papiertüte beim Bäcker.

Müll-Diplom und Mülldiät

 Gar nicht so einfach, das alles zu vermeiden schildert die Designerin:

„10:00 Auf dem Weg zur Arbeit kaufe ich eine Quarktasche am U-Bahnhof. Natürlich nehme ich sie gleich auf die Hand, denn das Bäckertütchen möchte ich gerne einsparen. So ganz unproblematisch ist das nicht. Die mit Puderzucker überzogene Quarktasche bestäubt mich beim Laufen von oben bis unten. Das ist mir sonst nie aufgefallen, denn sie staubt für gewöhnlich in die Papiertasche hinein.“

Und auch die Partnerschaft leidet, wenn kleine Müllsünden nicht gleich gebeichtet werden und der Freund eine Plastiktüte vor seiner Liebsten versteckt. Die eine Woche Müllfasten, die Susanne auf ihrem Blog beschreibt, zeigt, wie nah Freud (das Vermeiden von Müll) und Leid (Frust und Hunger) beieinander liegen. Denn vom Müllfasten geht das Experiment schnell in ein reales Fasten über, z.B. als die Designerin bemerkt, wie sehr unser Lebensstil auf verpackten Lebensmitteln beruht. Wer die vermeiden will, findet die Bloggerin heraus, muss hungern oder für das Einkaufen und Kochen viel längere Zeiträume einplanen, z.B. um saisonales Gemüse auf dem Markt einzukaufen und dann einzukochen oder um an Milch und Butter direkt vom Bauern zu kommen.

Müll-Diplom und Mülldiät

Viel Bewusstsein, wenig Wissen

Das Experiment hat gezeigt, in welch hohem Maße unsere Kultur von Verpackung abhängt. Stellvertretend für viele Konsumenten, die bereits bewusst einkaufen, erlebt Susanne Hausstein, dass sie nur sehr wenig über die Materialien weiß, die in den Verpackungen verwendet werden. Es wird an der Zeit, mehr über den verantwortungsvollen Umgang mit wertvollen Rohstoffen, die in den Verpackungen stecken, zu erfahren. Die zwanzig Jahre, die es das Duale System samt Grünem Punkt gibt haben beispielsweise offenbar noch nicht dazu beigetragen, grundlegendes Wissen zu transportieren. Ab in die Tonne und weg! – so abstrakt ist uns der Müll. Hausstein fand auch heraus, dass zwar alle gerne Verpackungen zu Hause sammeln, wohingegen der Kompost in Küche und Hof ein viel schlechteres Image hat und in den Augen vieler nur stinkt und Ungeziefer anzieht. Müll ist also auch emotional besetzt.

Sind Sammelsysteme wie der grüne Punkt in Zukunft gar überflüssig, weil es mittlerweile funktionierende Maschinerien zur Trennung von Fraktionen gibt? Wird am Ende doch alles verbrannt? Und wie gut oder schlecht ist das zu beurteilen? – Die Verbraucher sind verwirrt ob all der Siegel, der Aufrufe, Appelle und Werbeslogans, die mit Verpackung und Müll zu tun haben und sie wissen nicht, wie man die Wertstoffe auseinanderhalten kann. Wer näher hinschaut, sieht dass Verpackung ist nicht bloss Hülle, sondern ein ganzes System mit vielen Komponenten ist. Wer verändernd eingreifen will, muss nicht nur an dem ansetzen, was wir später in der Hand halten, sondern schon viel früher.

Nicht Lösungen, sondern Probleme benennen

Susanne Hausstein hat nicht nur Müllfasten betrieben, sondern sich auch Lösungsansätze für Teilbereiche des Wertstoff-Managements erdacht. Unter anderem sprach sie  mit dem Unternehmen barcoo über eine Materialbezeichnung und entwarf ein Konzept für ein lokales Mehrweg-System für Milchflaschen aus Glas, das per Mobile-App verwaltet werden kann.

Der große Verdienst ihrer Diplomarbeit ist jedoch nicht das Finden von Lösungen, sondern der ganz persönliche Sondierungstrip in die Welt des Mülls. Danke, Susanne!

Zum Blog von Susanne Hausstein:http://entsorgen.studiofroh.de


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