Mordende Engel, letzte mörderische Vorhaben und ein gesichtsloses Monster - Neues aus dem Comicreich.

Man kann ja zu Recht Häme und Kritik über so manch ein Comicstoryboard ausgiessen, oftmals funktionieren sie auch nicht viel anders als die effektaufgeblähten Kinokurzweiligkeiten, hapert es an Stringenz oder Spannung fügt man wir fix ein paar per Makroobjektiv dokumentierte Möpse ein oder eine sinnbefreite Hauerei und schon ist man wieder zurück auf dem Gleis. Nachhaltigkeit produziert man so zwar nicht, aber es gibt eben überall Popcornprodukte und Langzeitperlen.
Ich vermisse bei vielen aktuellen Comics die Gabe französischer Zeichner & Skripter ihren Erzählungen diese spezielle, philosophische Drift mit zu geben. Viele Geschichten verschenken Unmengen von Chancen, weil sie glauben der mögliche Metatext könnte Leser vergrätzen. 
Das Gegenteil ist der Fall, wenn ich einen spannenden, fesselnden Comic lese, der in seinem Genre als Pageturner funktioniert und ich dann zusätzlich noch entdecke, dass man ihn auch mehrfach anders lesen kann, dann bin ich doch beglückt & nicht verschreckt. Ich wünsche mir mutigere Verlage und mehr clevere Storyboarder, sonst wird diese Kunstgattung niemals aus dem (teilweise selbstverschuldeten) Ghetto der reinen Unterhaltung entkommen können. Aber wie bei jeder mürrischen Diagnose meinerseits, gibt es ja glücklicherweise Gegenbeispiele. Ich stelle sie mal vor.
Mordende Engel, letzte mörderische Vorhaben und ein gesichtsloses Monster - Neues aus dem Comicreich.
Wer jetzt wegen der Titelgebung (The Last Days Of American Crime) ein verschwörungstheoretisch aufgeheiztes, antiamerikanisches Szenario erwartet, in dem der Leviathan und seine Politik angeklagt wird - den muss ich enttäuschen. 
Natürlich handelt der Comic von Gewalt, auch von der brutalisierten Gewalttätigkeit auf amerikanischen Boden und natürlich stimmt er auch einen Abgesang auf das ehemalige Imperium an & spart nicht an Anklage, aber es handelt sich hier in erster Linie um eine düstere Geschichte rund um die sozialen Verwerfungen und internen Konflikte einer scheiternden Gesellschaft. Eine Dystopie rund um den Verlust der Menschlichkeit und den Versuch sie per technischer Prothese wiederherzustellen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
In nicht allzu weiter Zukunft eskaliert die Gewalt zunehmend, das rechtsstaatliche Gesellschaftssystem gilt als verloren, die Polizei als hilflos, das Militär übernimmt  Ordnungsaufgaben, das Kriegsrecht gilt als Normalzustand. Der Mensch gilt erneut als des Menschen Wolf und er unterstricht diesen Anspruch durch den freudigen Einsatz von Explosivstoffen und körperunfreundlicher Munition. Bezaubernde Aussichten.
Die Herrschenden sind von dieser zivilisatorischen Ausnahmesituation etwas überfordert und flüchten sich in ein vages technisches Versprechen. Ein Neuro-Inhibitor soll (ausgestrahlt über ein landesweit installiertes Sendersystem) die Bestie Mensch befrieden. Niemand soll mehr befähigt sein gesetzeswidrige Handlungen zu praktizieren. Re-Zivilisierung per Frequenzsignal.
Klingt erstmal nach einer symphatischen pazifistischen Utopie, aber genau aus dieser Erwartungshaltung bezieht der Comic seine Brisanz, hier setzen die philosophischen Fragen ein, die den meisten guten Sci-Fi-Geschichte immer eingeschrieben waren. Beschränken wir uns auf drei. 
Zum ersten: Ist ein System, welches per technischer Kontrolle seine Bevölkerung zu steuern versteht wünschenswert? Wer definiert Gut und Böse, wer verfasst die gesetzliche Norm und definiert Abweichung und Strafe? Ist dieser perfekte Staat nicht die perfideste Form der selbstgewählten Tyrannei? Zum zweiten: Wann ist eine Tat als verwerflich zu betrachten und kann diese Entscheidung kontextlos gefälllt werden? Wird durch den gesetzlichen Handlungszwang nicht auch jede Form von Widerständigkeit und Dissenz ausgeschaltet? Und zum dritten: Ist der Mensch ohne seine ihn innewohnende Gewalttätigkeit, seine Fähigkeit zu Grausamkeit und Güte überhaupt ein vollständiger Mensch?
Das kluge Szenario, mit welchem uns der Storyboarder Rick Remender hier konfrontiert, wird von Greg Tocchini in unglaublich kraftvolle und atmosphärische Bilder überführt. Es dominiert die Enge, die Schraffur, die abgedunkelten Farben, das Expressive. Sicherlich kein Stil für jedermann, aber dem Szenario ist er mehr als nur angemessen - eine Leseprobe findet ihr hier.
Remender & Tocchini haben sich bereits auf dem Feld der dunklen Superheldenepen einen Namen gemacht, aber dieser Comic ist ihr erster Versuch in einem übermenschenfreien Erzählraum Fuss zu fassen. Und ich finde es gelingt ihnen mit Bravour, sie benötigen keine sinistren Superbösewichte und irrwitzige Bedrohungsszenarien um eine erschreckend düstere Stimmung zu erzeugen. 
Der Comic spielt gänzlich vor der Aktivierung des neuralen Hemmfrequenz - einige Schurken wollen, bevor es ihnen eine Singalstruktur verunmöglicht - nochmal Kasse machen und planen das größte (und letzte) Verbrechen Amerikas - dieses Vorhaben wird hier elegant & konsequent ausgebreitet - ein Narrativ, welches die Nachdenklichkeit und die Verunsicherung einfordert, will und bekommt. Raffinierter, galliger, bösartiger Titel. Sollte man gelesen haben. Kaufen?
Mordende Engel, letzte mörderische Vorhaben und ein gesichtsloses Monster - Neues aus dem Comicreich.
Atmosphärisch in eine ähnliche Kerbe schlägt die neue Serie von Bec & Marazano - Absolute Zero. Auch hier finden wir uns in einer dunklen Zukunft wieder, aber anders als beim ersten Titel haben die Menschen hier die nationalen Grenzen hinter sich gelassen und breiten sich interstellar aus. Bec ist als Sci-fi-Vielzeichner bekannt, seine stimmungsreichen Illustrationen kann man am ehsten mit der klaustophobischen, kühlen Ästhetik von Carpenters The Thing oder der Aliensreihe vergleichen. Der Mensch ist einer lebensfeindlichen, schwarzen Unendlichkeit ausgeliefert und nur die Mutigsten oder Irrsten wagen sich tief in diese interstellaren Frontierräume.
Und so ist es auch hier. Klar das Setting, Söldnertruppe fliegt zu einer Raumstation, zu der man jeglichen Kontakt verloren hat, ist ne durchaus angelutschte Kamelle, aber manche Menschen sind imstande aus Genrestangenware kleine Meisterwerke zu formen. Ob dies bei dieser Reihe zutrifft müssen die folgenden beiden Bände zeigen, der Eröffnungsband jedoch verspricht Großes.
Absolute Zero beherzigt ein wichtiges Erzählkriterium rund um die Auseinandersetzung mit kosmischen Monstren & Gefahren. Man konkretisiert sie nicht, zeigt sie nicht und wenn nur in Ausschnitten und möglichst spät. Die Angst des Astronauten um seinen eigenen Kopf und seine mentale Gesundheit ist elementar, soll ein solches Szenario funktionieren. 
Enge, Dunkelheit, das Unbekannte - quasi die Ursuppe der frühkindlichen Angst, hier finden wir sie wieder. Das Monster unterm Bett hat sich inzwischen verändert, die weit über die Vorstellungsgrenzen des Menschen hinaus gewachsen, lebt im Zwischenreich von Vorstellungskraft und feindlicher Umgebung.
Was Marazanos Skript glaubwürdig macht ist die solide inszenierte Angst der Crew vor dem Auftrag in dieser ominösen Station, die herannahende Gefahr wird geschickt bruchstückhaft erzählt, störgeräuschreiche Dialogfetzen und fragmentarisierte Kamerabilder dienen als Handlungsrahmen, es existiert keine zuverlässige Erzählinstanz, der Leser muss selbst die Splitter zusammenfügen. Ok, ja kennt man - aber darüber hinaus überblendet Marzano die tatsächliche Handlung auf dem Planeten mit zahlreichen (im ersten Band noch nicht verlässlich zuordnungsbaren) inneren Dialogen, Erinnerungsfetzen, Zeitebenen, Erzählräumen und Bildwelten.
Bislang wirkt dieses Spiel mit den medialen Ebenen etwas wirr, es muss sich zeigen, wie der Einsatz dieser Erzählformen aufgelöst wird in den Folgebänden - gesagt werden kann aber bereits folgendes: Hier wird ein Standardszenario durch den gewagten Einsatz neuer narrativer Mittel aufgewertet und durch die klare Inszenierung der allzumenschlichen Angst in einer menschenfeindlichen Umgebung gewinnt der Titel an Kraft und Glaubwürdigkeit. Die inneren psychologischen Konflikte machen die erschreckende Fremdheit des Raumes nochmals deutlich und verstärken die Furcht vor dem was im Dunkel des Raums (oder der Psyche) lauert. Mitreissend, es bleibt abzuwarten, ob die Serie die Qualität halten kann. Kaufen?
Mordende Engel, letzte mörderische Vorhaben und ein gesichtsloses Monster - Neues aus dem Comicreich.
Einen völlig anderen Weg beschreitet Daniel Schreiber in seinem Debütcomic Annas Paradies. Der junge deutsche Zeichner setzt sein Szenario in den späten 40er Jahren in einem Problemkiez einer beliebigen deutschen Stadt der Nachkriegszeit an und erwartungsgemäß geht es hier zunächst um das nackte Überleben, um die Neuformierung einer Gesellschaft nach dem kompletten Aus und um die Frage nach Schuld, Rache und Sühne.
Soso, könnte man jetzt sagen, gabs sowas nicht schon in rauhen Mengen? Die ehrliche Antwort muss ja lauten, aber nichtsdestotrotz kann Schreiber dieser Erzählordnung noch etwas Neues abgewinnen, auch wenn es dafür überirdischen oder besser außerweltlichen Beistand bemühen muss. Wir schauen dem kleinen Gauner Viktor über die Schulter, der zwischen Nahrungsmangel, Strassengewalt und Hunger versucht über die Runden zu kommen. Um an leibliche Speisen zu gelangen versucht er mitunter auch hochdekorierte Kriegsflüchtlinge an den Kontrolllinien der Allierten vorbeizuschleusen. Eben ein herzensguter Habenichts, der sich seine Kunden nicht immer aussuchen kann.
Bei einer Fahrt kommt es zu einem Zwischenfall, der Fahrgast (und seine Frau) kommt um und Viktor gelangt in den Besitz seiner Tasche (und seines Kindes) - was ihm in der Folge mächtig viele Scherereien einbrockt, zwischendurch plumpst dann auch noch Anna in seinen Hinterhof, die so glaube ich, ein echter Erzengel der Luziferfraktion war und Viktor versucht nun die Tasche, deren Inhalt und den aussergewöhnlichen Gast vor den neugierigen Augen der Bewohner des "kleinen Paradieses" - wie sie ihr Viertel liebevoll nehmen zu verstecken.
Keine leichte Aufgabe und so muss sich Viktor also mit beuteinteressierten Soldaten, jähzornigen Engel, den Alltagsproblemen der Nachkriegszeit und der wißbegierigen Waisen des Passagiers herumschlagen. Charmantes Setting.  Faszinierend hierbei ist die Qualität des Debüts, manche Zeichnungen erinnern (in einem sehr positiven Sinne) an Loisel, die Kleingauneratmosphäre des Viertels ist elegant inszeniert, die Dialoge stimmig, die Figuren liebeswürdig und ansprechend, trotz aller Überzeichnungen. 
Aber auch hier muss sich zeigen, ob die spannende, temporeiche und phantastisch erzählte Geschichte in den Folgebänden ihre augenscheinlichen Qualität treu bleiben kann, ich hege hier aber keine großen Befürchtungen  und wünsche mir dieser Debütant möge seine verdiente, treue Anhängerschaft finden. Prima Ding einfach. Kaufen?

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