Moderne Zeiten – oder altertümliche

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Der Mann auf dem Bild ist stolz, in einer so modernen Zeit zu leben.

Selbst hier im abgelegenen Schweizer Bergtal hat der Fortschritt nicht Halt gemacht. Zum Beispiel können die Bauern heute bis zum hintersten Dorf im Tal fahren – noch vor nicht allzu langer Zeit musste man alles auf Saumpfaden hochbringen. Gelegentlich kommen heute sogar Kutschen mit ausländischen Gästen in diese schöne Gegend. Die Schneelawine auf dem Bild, welche die Strasse verschüttet hatte, wird heutzutage von spezialisierten Arbeitern einfach untertunnelt.

Während der Mann still hält, denkt er wohl über den erstaunlichen fotografischen Apparat nach, mit dessen Hilfe man Begebenheiten auf Glasplatten einfrieren kann. So kann durch Licht und Schatten jede beliebige Begebenheit für alle Zeiten festgehalten werden! Heliografie nenne sich das. Der Fotograf ruft ihm vielleicht gerade zu, dass man seit kurzem mit einem Phonograf auch Klänge und Stimmen aufnehmen und dann erneut wiedergeben kann! Wozu das wohl einmal nützlich sein wird?

Ein weiteres Ereignis wurde letzthin am Stammtisch diskutiert: im nahen Deutschen Reich wurde von einem Ingenieur, dem Herrn Carl Benz, eine Kutsche vorgeführt, die ohne Pferde fährt. Darüber waren die Meinungen allerdings sehr geteilt.


Es war damals eine berauschende Zeit. In Amerika wurde vom Leiter des Patentamtes (Mr.Duhan) vorgeschlagen, die Behörde zu schließen, da inzwischen alles erfunden worden sei.  Und der brillante Physikprofessor Johann Philipp Gustav von Jolly riet dem jungen Studenten Max Planck davon ab, Physik zu studieren, denn in dem Fach sei alles entdeckt und erforscht (1900).

Auch heute möchten alle modern sein. Das modernste Telefon, das neuste Auto, die beste Behandlung. Aber in hundert Jahren werden die Leute genauso belustigt die Fotos unserer heutigen, ach so altertümlichen Zeit betrachten.

Die Fotografie oben ist etwa 120 Jahre alt. Auf der Bühne meiner Großmutter war eine Holzkiste mit Hunderten von Glasplatten drin. Es sind die Negative von Fotografien, die der Großvater meiner Großmutter ende vorletzten Jahrhunderts gemacht hat. Dokumente von Arbeit und Freizeit von Freunden, Reisen und Ereignissen. Ich habe die Glasplatten in einer Dunkelkammer nach alter Manier auf Fotopapier belichtet und diese Fotografien dann nach neuer Manier eingescannt. Ab und zu werden sie in der Moorbirke erscheinen.