‚Mobile’ Vergasungen von Menschen in Gaswagen

Der Begriff der Gaskammern ist uns bekannt, vornehmlich aus Auschwitz, Treblinka, Sobibór und vielen anderen Vernichtungslagern. Doch weitaus weniger ist die Existenz von den ‚mobilen’ Vergasungen von Hunderttausenden Menschen bekannt. Genaue ‚Mobile’ Vergasungen von Menschen in GaswagenDaten und Befehle hinsichtlich der ‚Inbetriebnahme’ dieser mobilen Einsatzfahrzeuge ist weniger belegt, da äußerst viele Schreiben der ‚Geheimen Reichssache’, wie die Ermordung von Juden, Roma, Sinti und Behinderten, genannt wurde, nicht (mehr) vorhanden sind. Durch das näher kommen der Roten Armee in den letzten Kriegsjahren, wurden sehr viele Dokumente vernichtet, genauso, wie die Spuren des Holocausts verwischt werden sollten. Doch wir wissen heute, dass zum einen der Einsatz von Gaswagen eine ‚Schonung’ der Erschießungskommandos sein sollte; zum anderen war der Einsatz dieser Fahrzeuge für den ‚ländlichen Raum’ gedacht, vornehmlich für die Ukraine, Weißrussland, den baltischen Ländern und auf dem Balkan. Unser Wissen heute beziehen wir auch vornehmlich aus Aussagen aus Prozessen, die vornehmlich in den 60iger und 70iger Jahren in Deutschland geführt wurden. Große Fahrzeuge, vergleichbar mit Möbeltransportern, wurden zu Tötungsmaschinen in Deutschland umgebaut um dann per Bahn in die entsprechenden ‚Einsatzorte’ gebracht zu werden. Beim Bau dieser Gaswagen beriet das Kriminaltechnische Institut der Sicherheitspolizei in Berlin die Auftraggeber. Das Referat II D 3 a des Reichssicherheitshauptamts unter Walter Rauff ließ sechs kleinere 3,5-t-Lastwagen der Marke Diamond und Opel-Blitz umrüsten und bestellte Ende 1941 die ersten fünf von insgesamt 30 Saurer-Lastwagen, die doppelt so groß waren und 50 Personen fassten. In Chelmno war auch ein Renault-LKW mit Ottomotor eingesetzt. Die Kastenaufbauten mit dicht schließender Flügeltür am Heck wurden von der Firma Gaubschat aus Berlin-Neukölln geliefert. SS-Obersturmbannführer Walter Rauff war verantwortlich für alle Gestapo-Fahrzeuge, einschließlich Gaswagen. Rauff, Leiter der Abteilung II D3, Technischer Service der Sicherheitspolizei befahl SS-Hauptsturmführer Friedrich Pradel, Abteilung II D3, Chef des Technischen Dienstes des Reichskriminalpolizeiamtes und Harry Wentritt, Abteilung II D3a, Chef der Kfz-Werkstatt des Reichskriminalpolizeiamtes, die Firma Gaubschat Fahrzeugwerke GmbH, Willi-Walter Straße 32-38, Berlin aufzusuchen. Die Fabrik stellte Fahrzeugaufbauten für LKW und Busse seit 1918 her. Bei Gaubschat gaben beide Männer vor, dass die Wagen für den Transport von Seuchenopfern gebraucht würden. Die Fahrgestelle sollten dem Reichssicherheitshauptamt geliefert werden, letztlich wurden ‚nur’ 5 oder 6 an das RSHA geliefert. Rauff schlug für die noch zu liefernden 10 Wagen gewisse Veränderungen vor, aber Gaubschat teilte mit, dass wegen fehlender Arbeiter und Materials dies nicht durchgeführt werden könne, Perversion der Arbeiten: Die Firma Gaubschat beschäftigte, nach neuerer Forschung jüdische Zwangsarbeiter. Pradel berichtete: "Die Änderungen, die Gaubschat wegen der Geheimhaltung nicht machen kann, werden in unserer eigenen Werkstatt durchgeführt." Die Wagen wurden dann auch in Wentritts Werkstätten zu Gaswagen umgebaut.  Die Umrüstung zum Gaswagen wurde in der Werkstatt des Referates II D 3a vorgenommen. Der Zeuge Harry Wentritt schilderte dies 1961 vor dem Gericht in Hannover so: „Dort wurde am Auspuff ein Abgasschlauch angebracht, der von außen zum Boden des Wagens geführt wurde. In diesen Wagen bohrten wir ein Loch im Durchmesser von etwa 58 bis 60 mm, in Stärke des Auspuffrohres. Im Wageninnern, über diesem Loch, wurde ein Metallrohr (Auspuffrohr) angeschweißt, das mit dem von außen herangeführten Abgasschlauch verbunden war bzw. verbunden werden konnte. Bei Anlassen des Motors und nach hergestellten Verbindungen gingen die Auspuffgase des Motors durch den Auspuff in den Abgasschlauch und von dort in das im Wageninneren angebrachte Auspuffrohr, wo das Gas sich dann verteilte.“ Kurz nach der Besetzung Polens wurden die dortigen Heil- und Pflegeanstalten nach Opfern durchkämmt, die von den Nationalsozialisten als ‚lebensunwert’ erachtet wurden. Diese wurden meist erschossen. Fast zeitgleich wurde mit den ‚Probevergasungen’ vom Januar 1940 von Kranken in der ‚Tötungsanstalt’ Brandenburg an der Havel, ebenso zeitgleich wurde in Ostpreußen und Polen vom Sonderkommando Lange ein LKW-Anhänger als mobile Gaskammer eingesetzt. Der Name des Kommandos leitet sich von dem seines Leiters ab, SS-Obersturmführer und Kriminalrat Herbert Lange. Das Schreiben des Höheren SS- und Polizeiführers Koppe an SS-Gruppenführer Sporrenberg beleuchtet den Einsatz dieses Kommandos in Soldau: „Das mir für besondere Aufgaben unterstellte so genannte Sonderkommando Lange war in der Zeit vom 21.5. bis 8.6. 1940 gemäß der mit dem Reichssicherheitshauptamt getroffenen Absprache nach Soldau in Ostpreußen abkommandiert und hat während dieser Zeit vom Durchgangslager Soldau aus 1558 Kranke evakuiert.“ Es handelte sich hierbei um einen durch die Aufschrift ‚Kaiser’s Kaffee’ getarnten Anhänger, in den reines Kohlenstoffmonoxidgas aus einigen in der Zugmaschine mitgeführten Stahlflaschen eingeleitet wurde. Dieses Gespann wurde nur von Januar 1940 bis Juli 1941 eingesetzt, und die Idee der Vergasung so vieler Menschen Mittels Gasflaschen wurde verworfen, da die Anlieferung der Gasflaschen aus Ludwigshafen wenig praktikabel und zu teuer war. Auf Anregung von Heinrich Himmler wurden im Herbst 1941 in Mogiljow Tötungsversuche mit Autoabgasen durchgeführt, um die Erschießungskommandos künftig von ihren blutigen Mordtaten entlasten zu können. Am 3. November 1941 wurde ein Gaswagen in Sachsenhausen erprobt; dabei tötete man 30 sowjetische Kriegsgefangene mit Motorabgasen. Zu den Vorgängen in Sachsenhausen sagte der Chemiker Leiding aus: „Welchem Zweck der Wagen dienen sollte, aus dem die Luftprobe entnommen wurde, habe ich erst einige Zeit später erfahren. Ich wurde eines Tages aufgefordert, mit nach Sachsenhausen zu fahren [...]  und dort stand ein Wagen, der dem gleich war oder ähnelte, welchen ich im Hof des Reichskriminalpolizeiamtes gesehen habe [...]  Die Zahl der Männer, die den Wagen bestiegen, mag vielleicht 30 betragen haben [...] Die Leichen hatten, wie von uns Chemikern festgestellt wurde, das rosarote Aussehen, wie es für Menschen typisch ist, die an einer Kohlenoxydvergiftung gestorben sind." Wahrscheinlich wurden dort auch ein zweiter, größerer Saurer-Lastwagen geprüft und weitere Probevergasungen durchgeführt. Je nach Größe der wie Möbelwagen aussehenden LKWs wurden 25 bis 50 Opfer mit brutaler Gewalt zum Einsteigen genötigt. Der Motor wurde für wenigstens zehn Minuten betrieben. Während dieser Zeit waren oft Schreie und Klopfen der eingeschlossenen Menschen zu hören, die in Todesangst zur fest verriegelten Tür drängten. Der zur Inspektion beorderte Chemiker August Becker schrieb: „Die Vergasung wird durchweg nicht richtig vorgenommen. Um die Aktion möglichst schnell zu beenden, geben die Fahrer durchweg Vollgas. Durch diese Maßnahme erleiden die zu Exekutierenden den Erstickungstod und nicht wie vorgesehen, den Einschläferungstod. Meine Anleitungen haben nun ergeben, dass bei richtiger Einstellung der Hebel der Tod schneller eintritt und die Häftlinge friedlich einschlafen.“ Wenn der CO-Gehalt im Wagen den Wert von 1 Prozent überstiegen hatte, traten tiefe Bewusstlosigkeit und dann der Tod ein. Nach einem erhaltenen Dokument vom 5. Juni 1942 wurden seit Dezember 1941 in drei derartigen in Kulmhof tätigen Gaswagen 97.000 Juden getötet. Vor der Fahrt im Gaswagen wurden die Opfer aufgefordert, ihre Wertsachen auszuhändigen. Nachdem sie sich entkleidet hatten mussten sie den Gaswagen betreten. Die zwei Türen am Ende des Wagens wurden verschlossen, der Schlauch am Auspuff befestigt. Um die Opfer nach Betreten des Wagens für einige Minuten zu beruhigen, wurde die Lampe im Innenraum angeschaltet. Dann startete der Fahrer den Motor und ließ ihn für etwa 10 Minuten im Leerlauf laufen. Während dieser Zeit produzierte der Motor so viel Kohlenmonoxid, dass die Opfer erstickten. Dies wurde unterstützt durch den allgemeinen Luftmangel im überfüllten Laderaum. Nachdem die Schreie und das Trommeln gegen die Wände verstummt waren, begann der Wagen seine Fahrt zum Verbrennungsort, um dort von einem jüdischen Sonderkommando entladen zu werden. Die Männer dieser Sonderkommandos konnten sicher sein, ihren grausigen Einsatz nicht zu überleben. Sie mussten die schreckliche Arbeit des Entladens und Verbrennens der Leichen an einer entlegenen Stelle eines Waldes übernehmen. Es kam auch vor, dass die Opfer erst am Massengrab vergast wurden; so wie in Stalino, dort wurden am Ostermontag 1942 200-300 Juden mittels Gaswagen umgebracht und im Schacht eines Kohlebergwerkes versenkt. In Weißrussland und der Ukraine setzten die Einsatzgruppen Gaswagen in größerem Umfang ein. Hier wurden Tausende von Menschen, vorwiegend Juden, in Gaswagen ermordet. So mussten Tausende von ‚Mobile’ Vergasungen von Menschen in GaswagenJuden des Ghettos von Minsk ihr Leben in diesen Gaswagen lassen, die 12 km entfernt von Minsk im Vernichtungslager Maly Trostinec stationiert waren. Der Höhere SS- und Polizeiführer Jeckeln sagte am 21.Dezember 1945 über den Einsatz um Minsk aus: „Als ich im Dezember 1941 in Lötzen Himmler mündlich die Ausführung seines Befehls betreffs Erschießen der Juden des Rigaer Ghettos meldete, sagte mir Himmler, dass das Erschießen eine zu komplizierte Operation wäre. Zum Erschießen, sagte er, brauche man Leute, die erschießen können, und dass dieses auf die Leute schlecht einwirke. Daher, sagte Himmler weiter, wäre es doch am besten, die Menschen durch Anwendung von ,Gaswagen' zu liquidieren, welche laut seinen Anweisungen in Deutschland angefertigt worden seien." Im Internierungslager Sajmiste (Semlin) in Zemun an der Donau wurden 6.280 Juden durch ein Sonderkommando in Gaswagen ermordet. Etwa dieselbe Anzahl von Opfern wurde im Vernichtungslager Chelmno bei Lodz in Gaswagen getötet. Was sich beispielsweise 1942 in einem Lager des Belgrader Vororts Semlin zutrug, geht aus Zeugenaussagen hervor, die der hannoversche Experte für NS -Verfahren, der Erste Staatsanwalt Dr. Dietrich Goetz, zusammengetragen hat: Im Laufe eines Vierteljahres wurden 5700 jüdische Frauen und Kinder in einem Gaswagen erstickt, nachdem die Männer erschossen worden waren. Im Juni 1942 meldete der Chef der Sicherheitspolizei in Belgrad, SS-Sturmbannführer Schäfer, nach Berlin, ganz Serbien sei nunmehr ‚judenfrei’, und schickte den Vergasungswagen mit der Mitteilung ‚Spezialwagen hat den Auftrag durchgeführt’ zurück. Die Mord-Prozedur: Die Fahrer ließen den Motor der Gaswagen jeweils eine Viertelstunde lang mit schwachem Handgas laufen. "Es hat immer gut sehr klappt. Der Wagen hat nicht gewackelt, und die Leute haben nicht geschrieen", gab 1961 der Gasauto-Chauffeur Erich Gnewuch zu Protokoll, bevor er in der Berliner Strafanstalt Moabit Selbstmord beging. Pradel selber hatte am 5. Juni 1942 in einer rot umrandeten Aktennotiz mit dem Stempel ‚Geheime Reichssache’ seinen Vorgesetzten gemeldet, seit Dezember 1941 seien mit "drei eingesetzten Wagen 97 000 verarbeitet" worden, "ohne dass Mängel an den Fahrzeugen auftraten". Dass die ‚97 000’ ohne jeden Richterspruch systematisch umgebrachte Juden waren, will Pradel nicht gewusst haben: "Ich dachte, in den Wagen würden zum Tode verurteilte Personen hingerichtet, also gefangene Partisanen und vielleicht auch Soldaten der feindlichen Truppen." Und weinerlich-entrüstet: "Aber Juden – nein, niemals." Doch an den Zweck der Gaswagen entsann sich Pradel vor Gericht noch: "Es sollte eine humanere Hinrichtungsart sein", sagt er stockend. Frage des Richters: "Für wen humaner – für die Hinzurichtenden oder die Exekutionskommandos?" Keine Antwort. Der hauptverantwortliche Einsatzleiter Rauff und damals Hauptangeklagter sagte wortwörtlich über die Vergasung von Menschen: "Es hat immer gut geklappt." Die so genannte ‚Technische Entwicklungen’ waren eine Voraussetzung für die Durchführung der geplanten Verbrechen. Die schrittweise Perfektionierung der Tötungsmethoden, wobei die Entwicklung der Gaswagen nur ein Glied in der Reihe nationalsozialistischer Tötungsverfahren darstellt, hatte zur Folge, dass immer mehr Menschen, vor allem Juden, getötet wurden.

Weiterlesen:

➼ Orte der Erinnerung • Die Tötungsanstalt Brandenburg

➼ Das ehemalige Vernichtungslager Chełmno

➼ Vernichtungsstätte ✡ Maly Trostinec 

Bild 1+2: Gaswagen Quelle: deathcamp.org


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