MITTEN INS HERZ

Nach dem Tod ihres Mannes, der ihr seine Firma hinterliess, wurde aus Cora eine versierte Geschäftsfrau. Eines Tages steht der gutaussehende Martin Roeder in ihrem Büro. Er sucht Sponsoren für seine geplante Fotoreportage … 

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Cora führte gerade ein Telefongespräch. Sie bedeutete dem Besuch, einzutreten und sich zu setzen. Martin Roeder war hochgewachsen und breitschultrig, mit einem angenehm offenen und jungenhaft wirkenden Gesicht. Sie schätzte ihn auf Anfang bis Mitte Dreissig.

Er lächelte ihr zu und setzte sich. Die Zeichenmappe, die er bei sich hatte, stellte er neben sich ab.

Einen Augenblick später legte sie auf und wandte sich ihm zu: “Guten Tag, Herr Roeder. Ihr Onkel, der ein guter Freund meines verstorbenen Mannes war, hat mir von Ihrem Anliegen erzählt. Sie möchten also eine Weltreise machen, und dazu brauchen Sie Geld.”

Er antwortete nicht gleich, dann platzte er heraus: “Entschuldigen Sie, ich hatte Sie mir nicht so jung vorgestellt.”

“Zu jung, um eine Firma zu leiten?” fragte sie.

“Das wollte ich damit nun wirklich nicht sagen. Aber …”

“Ach ja, mein Mann war 28 Jahre älter als ich. Ist Ihre Neugierde nun befriedigt?”

Ehe er sich gefasst hatte, fuhr sie fort: “Würden Sie mir bitte Ihr Projekt einmal näher erklären?”

“Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht verletzen. Und was mein Projekt angeht: Ich möchte eine weltweite Fotoreportage machen. Über das tägliche Leben in fernen Ländern.”

Aus seinem Blick sprach Begeisterung und Wärme, und plötzlich wirkte er ungeheuer anziehend. Cora traf es mitten ins Herz.

“Eine interessante Idee. Wirklich.” Sie bemühte sich weiter um einen sachlichen Ton.

“Eine bekannte Fotofirma sponsert mich. Sie stellt mir das Material zur Verfügung, aber ich brauche auch Bargeld. Natürlich möchte ich es nicht geschenkt haben.” Er öffnete seine Mappe und entnahm ihr mehrere Blätter. “Vielleicht können Sie diese Entwürfe brauchen?”

Sie sah die Blätter durch. Es war hervorragendes Textildesign.

“Sie sind wie geschaffen für unsere Möbelstoffe”, murmelte sie beeindruckt.

“Ich habe sie eigens dafür angefertigt.”

Jetzt sah sie ihn wieder an: “Sie könnten als Textildesigner viel Geld verdienen. Was haben Sie für eine Ausbildung gemacht?”

Wieder das jungenhafte Grinsen: “Ich habe in Düsseldorf und Paris die Kunstakademie besucht. Anschliessend war ich ein Jahr in Japan. Ich habe tatsächlich interessante Arbeitsangebote erhalten, aber regelmässige Arbeit ist nichts für mich.”

“Wieviel verlangen Sie für Ihre Entwürfe?”

Er nannte eine Summe, die recht hoch war, aber nach kurzer Überlegung nickte sie: “Einverstanden. Wohin sollen wir den Scheck schicken?”

“Ich hole ihn ab. Passt es Ihnen morgen Nachmittag? Um 16 Uhr?”

“Abgemacht. Ich erwarte Sie hier in meinem Büro.”

Er war pünktlich am nächsten Nachmittag da. Bedankte sich, als sie ihm den Scheck reichte.

Beide konnten den Blick nicht voneinander abwenden: “Wann soll die Reise denn losgehen?” fragte sie.

“Wenn alles gut geht, in zwei Wochen.” Dann fasste er einen tollkühnen Entschluss. Er konnte nicht anders: “Haben Sie heute Abend Zeit? Könnten wir zusammen essen? Ich kenne ein nettes Restaurant.”

Sie war bei Freunden eingeladen. Sie würde absagen. Der Wunsch, mit diesem Martin zusammen zu sein, war unendlich viel stärker …

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Sie trafen sich im Restaurant. Als sie eintrat, kam er ihr entgegen und führte sie an den Tisch. Nachdem er die Bestellung aufgegeben hatte und der Aperitif vor ihnen stand, hob er sein Glas und lächelte ihr zu: “Sie sehen zauberhaft aus, noch schöner und jünger.”

Sie warnte ihn lachend: “Täuschen Sie sich nicht, ich habe 33 Jahre auf dem Buckel.”

“Ich sogar 35″, schmunzelte er, “der Unterschied ist nur, dass Sie Firmenchefin sind und ich ein Habenichts.”

“Nach dem Tod meines Mannes blieb mir nichts anderes übrig, als ins kalte Wasser zu springen und die Weberei weiterzuführen.”

Er wurde wieder ernst: “Warum haben Sie einen Mann geheiratet, der so viel älter war als Sie?”

“Ich brauchte Johannes. Viel mehr als er mich. Ich bin als Waise aufgewachsen. Johannes war Vater und Mutter zugleich für mich und gleichzeitig ein wundervoller Mann. Er ist vor vier Jahren auf der Rückfahrt von einer Fachmesse bei Glatteis und Nebel tödlich verunglückt. Von heute auf morgen musste ich mit allem allein fertig werden, denn die Firma verkaufen, wie viele es mir rieten, das brachte ich nicht fertig.”

“Das war sicher nicht leicht.”

“Oh nein. Johannes war hoch verschuldet. Heute ist die Firma aus den roten Zahlen heraus.” Sie sah ihn nicht ohne Stolz an und fügte hinzu: “Von Ihren Entwürfen verspreche ich mir sehr viel.”

Die Zeit verging wie im Flug. Zum Schluss bestand Martin trotz Coras Protest darauf, die Rechnung zu begleichen.

Draussen konnten sie sich wieder nicht trennen. Schliesslich schlug Cora vor: “Möchten Sie auf eine Tasse Kaffee zu mir kommen?”

“Gern”, strahlte er sofort.

Sie fuhr ihm bis zu ihrem kleinen, aber hübschen Vorstadthaus voraus. “Johannes wunderschönes, aber leider durch Geldmangel recht heruntergekommenes Anwesen musste ich nach seinem Tod verkaufen”, erklärte sie ihm, nachdem sie das Haus betreten hatten. “Er hätte sich zu Lebzeiten nie davon getrennt. Ich lebte zuerst in einer kleinen Wohnung, konnte aber letztes Jahr dieses Haus kaufen, in dem ich mich sehr wohl fühle.” Dass sie sich manchmal auch sehr einsam hier fühlte, verschwieg sie ihm. Sie führte ihn ins Wohnzimmer und sagte: “Ich koche Kaffee. Holen Sie doch bitte schon mal die Cognacflasche aus der Bar dort.”

Als sie mit dem Tablett zurück kam, hatte er schon zwei Gläser eingeschenkt, aber es kam kein rechtes Gespräch mehr zustande. Martin wirkte nachdenklich. Er setzte mehrere Male zum Sprechen an, schüttelte dann aber kurz den Kopf und schwieg. Cora war enttäuscht. Vielleicht sah er doch nur eine Geschäftspartnerin in ihr?

Eine halbe Stunde später verabschiedete er sich.

Als sie die Tür hinter ihm schloss, sagte sie sich, dass es sicher besser so war. In zwei Wochen würde er seine Weltreise antreten. Wahrscheinlich würden sie sich nie wiedersehen. Und doch fühlte sie einen Stich im Herzen.

In der Diele fiel ihr Blick auf ein Schlüsselbund. Hatte Martin ihn vergessen? Im selben Augenblick klingelte es.

“Ich habe meine Schlüssel vergessen”, sagte er.

Wortlos reichte sie ihm das Schlüsselbund.

“Nach dem Cognac wäre es vielleicht nicht vernünftig, wenn ich mich jetzt ans Steuer setzen würde …”. Er sah aus, als wollte er etwas ganz anderes sagen.

Sie hielt den Atem an: “Möchten Sie hier bleiben?”

“Möchtest du es?” fragte er leise und zog sie in seine Arme. Die Gefühle, die so lange in ihr brachgelegen hatten, überfluteten sie, fegten alle Vernunft beiseite.

Es wurden zwei Wochen der Leidenschaft, des Glücks …

Am Vorabend seiner Abreise seufzte sie traurig: “Ich wünschte, du könntest bleiben. Für immer.”

Sie lagen im Bett. Sofort rückte er von ihr ab, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und starrte zur Decke: “Ich muss dir etwas sagen, Cora. Zum Heiraten bin ich nicht geschaffen. Ich bin ein Künstler, der viel Freiheit braucht. Frau, Familie, Kinder, das ist nichts für mich. Besonders Kinder nicht. Ich fühle mich doch selbst noch als Kind.”

Sie fühlte sich unglaublich verletzt und in ihrem Stolz getroffen. Kühl antwortete sie: “Unter diesen Umständen ist es wohl besser, du gehst sofort.”

Starr vor Schmerz sah sie zu, wie er sich anzog. Sie würde Zeit brauchen, um diesen Mann zu vergessen …

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“Ein Baby? Ist das Ihr Ernst?” fragte Cora fassungslos.

Der Arzt, der sie untersucht hatte, nickte: “Sie sind im dritten Monat schwanger, Frau Wiegand.”

Nach dem ersten Schreck überflutete sie unbändige Freude. Sie würde ein Kind von Martin haben, dem Mann, den sie trotz all ihrer Anstrengung nicht vergessen konnte. Zu einer Zeit, in der sie alle Hoffnung auf Mutterschaft aufgegeben hatte. Sie hatte immer ihren Wunsch nach Kindern unterdrücken müssen. Johannes wollte kein Kind.

Nicht einen Augenblick zweifelte Cora daran, mit allem, was auf sie zukommen würde, fertig zu werden. Was die Leute sagen würden, interessierte sie nicht. Sie hatte längst gelernt, sich darüber hinwegzusetzen. Und die Firma und das Kind, das würde sie auch irgendwie schaffen.

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Ihr Zimmer in der Klinik glich tagsüber einem Treibhaus voller Blumen. Es rührte sie, dass alle sich mit ihr freuten: die Angestellten in der Firma, ihre Freunde, Geschäftspartner … Sie konnte ihr Glück in Gestalt der kleinen Sina, die im Bettchen neben ihr schlief, immer noch nicht fassen.

Dann, irgendwann abends, öffnete sich die Tür. Sie sah zuerst einen riesigen Strauss roter Rosen. Er wurde auf ihr Bett gelegt. Dann keuchte Martin: “Sie wollten mich nicht zu dir lassen.”

Eine jähe Glückswelle überflutete sie: “Martin, du bist zurück”, flüsterte sie. Lächelnd sah sie ihm in die Augen: “Sieh dir unsere Tochter an, unsere kleine Sina.”

Er legte einen dicken braunen Umschlag auf das Bett : “Das ist für dich.” Dann nahm er das winzige Baby vorsichtig auf den Arm.

Cora betrachtete die beiden, und Tränen traten in ihre Augen. Sie besass ein Foto, auf dem ihr Vater sie als Baby in den Armen hielt und so glücklich aussah wie jetzt Martin. Ihre Eltern kamen auf einer Bergwanderung ums Leben, als sie gerade zwei Jahre alt war. Rasch öffnete sie den Umschlag. Es waren die Fotos von seiner Weltreise. Wunderbare Fotos. Hirten mit ihren Herden, Frauen und Männer bei der Feldarbeit, bei der Mahlzeit. Aber am meisten berührten sie die Fotos von glücklichen Familien. Mütter, die stillten. Eltern, die ihre Kinder herzten und mit ihnen spielten. In Afrika, in Indien, in China und Japan …

“Die Fotos sind dir gewidmet”, sagte er leise. Ich konnte dich nicht vergessen, Cora. Plötzlich sah ich überall Hochzeiten. Überall Mütter und Väter mit ihren Kindern. Themen, für die ich mich vorher nie interessierte. Und jedesmal musste ich an dich denken. An uns. Du gingst mir nicht mehr aus dem Sinn. Ich habe meine Reise vorzeitig abgebrochen, und als ich hier ankam, sagte mir mein Onkel, dass du ein Baby bekommen hast. Ich wusste sofort, dass es unser Kind war. Cora, heirate mich!” Er stockte: “Aber du wirst mich nicht wollen, ich habe nicht einmal eine feste Anstellung.”

Endlich fand sie ihre Sprache wieder. “Das würde auch gar nicht zu dir passen”, lächelte sie. “Ich bin sicher, dass dieser Fotoband ein grosser Erfolg wird. Hast du schon einen Verleger? Nein? Ich kenne eine Verlegerin, wir werden uns an sie wenden. Übrigens, Dank deiner Entwürfe sind unsere Auftragsbücher voll, wir kommen gar nicht mit der Arbeit nach. Du wirst eine ganze Menge Tantiemen bekommen.”

“Tantiemen?” fragte er verwundert.

“Du siehst, dass du jemanden brauchst, der deine Geschäfte in die Hand nimmt”, neckte sie ihn. “Wir brauchen dringend neue Entwürfe. Wann bekommen wir sie?”

Er strahlte sie zärtlich an: “Wann du möchtest, aber nur unter einer Bedingung: dass du mich heiratest!”

“Das ist Erpressung”, meinte sie mit gespielter Empörung, aber ihre Augen lachten dabei …

ENDE

 

  


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