Mit Rilke verliert der Zeitbegriff an Bedeutung

"RM Rilke - wie ist es möglich, da zu sein?" (Foto: Felix Kubitza)

Schon während des Publikumseinlasses sitzt eine junge Frau am E-Piano und spielt Elegisches, Trauriges, Jazziges. Beinahe so, als falle ihr all das genau in diesem Moment ein. Die Szenerie wäre auf einer heutigen Bühne nicht wirklich ungewöhnlich, trüge sie nicht ein Kostüm aus dem 19. Jahrhundert.

Eine Frau in vielen unterschiedlichen Rollen

Der bodenlange Rock, das eng sitzende, geknöpfte Oberteil und die am Kopf knapp anliegende Kappe mit schmaler Pelzverbrämung verorten Barbara Schandl ins 19. Jahrhundert. Wie aus der Zeit gefallen wirkt sie darin und durch ihre pianistische Spielweise doch zeitgeistig zugleich. Sie wird an diesem Abend in „RM Rilke – wie ist es möglich, da zu sein?“ der TheaterArche in einer Person mehrere Frauen verkörpern, die dem Autor sehr zugetan waren. Lou Andreas-Salomé, Magda von Hattingberg und nicht zuletzt Rilkes Mutter. Genau zuzuordnen sind die jeweiligen Damen meist nicht, außer man ist in die Rilke-Korrespondenz gut eingelesen. Aber für das Verständnis der Aufführung ist es auch nicht relevant. Vielmehr verschwimmen die Rollen, gehen ineinander über und bieten Bernhardt Jammernegg einen Widerpart, der vorwiegend Texte aus der Sammlung „Briefe an den jungen Dichter“ rezitiert.

Ein Mann im Frauenkostüm

Auch er tritt anfangs in einem Frauenkostüm auf – ganz ähnlich wie jenem von Schandl. So, als ob sich ein- und dieselbe Frau in unterschiedlichen Altersstufen hier begegnen würde. Unprätentiös wird Jammernegg sich während der Vorstellung coram publico umkleiden und sich von seinem Outfit her in einen Mann verwandeln. Jakub Kavin, Leiter der TheaterArche, Schauspieler und Regisseur in Personalunion verweist mit seinem Verwandlungsspiel direkt auf Rilkes ungewöhnlich determinierte Geschlechterrolle. Als Kind musste er ungewollt den Platz seiner verstorbenen Schwester einnehmen und wuchs erst im Laufe des Erwachsenwerdens in seine Männerrolle.

Diese „Doppelgeschlechtlichkeit“ wurde von ihm und seinen Partnerinnen immer wieder thematisiert und auch im Stück explizit angesprochen. Schwer vorstellbar, welche Auswirkungen diese Kleinkinderjahre auf Rilkes Seele wirklich hatten. Zu einer Zeit, als vertauschte oder ungewöhnliche Geschlechterrollen allenfalls im Theater angedacht und ausgelebt werden durften.

Vieles, was diesen außergewöhnlichen Abend, der so ganz abseits des theatralen Mainstreams daherkommt, angesprochen wird, bleibt vage, zugleich aber hoch poetisch. Rilkes Sprache füllt den Raum, schwingt und antwortet jenen intelligenten Frauen, die wohl vergeblich versuchten, sein Sein zu erfassen. Viele seiner Werke wurden bisher vertont und auch diese Produktion lebt von musikalisch aufgearbeiteten Gedichten. Schandl und Jammernegg präsentieren sie in höchst aktuellem Indie-Pop-Gewand. Peter Licht hätte seine Freude daran.

Rilkes Alter Ego

Jakub Kavin selbst rezitiert zwischen den Dialogen immer wieder Ausschnitte aus Rilkes Tagebuchroman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“. Dabei wird deutlich, dass der Schriftsteller damit ein Alter Ego schuf, das seine tiefschürfenden, philosophischen Gedanken zum Ausdruck bringen konnte. Geschickt spannt die Textcollage den Bogen von Rilkes Kindheit – von der er selbst, wunderbar, die alljährlich zunehmende, schrittweise Entzauberung seines Geburtstagsfestes beschreibt – bis hin zu den existentiellen Fragestellungen und dem Ringen nach einem literarischen Ausdruck, der höchsten Ansprüchen genügt. Spürbar wird dabei ein ungebrochen starker, kreativer Geist, in höchstem Maße zugleich jedoch verletzlich und einsam.

Tagespolitisches und Anekdotisches aus Rilkes Leben wird an diesem Abend gänzlich ausgeklammert, wodurch der Eindruck entsteht, als ob die Zeit in einen undefinierbaren Zustand zwischen gestern und heute geraten wäre. Wie stark der Abend im Publikum nachhallte, bewies nicht nur die Tatsache, dass der Applaus lange auf sich warten ließ, so als ob niemand gewillt gewesen wäre, die eingetretene Stille stören zu wollen. Auch das Verlassen des Saales geschah in ungewöhnlicher Ruhe, ohne das sonst übliche Rauschen von sich austauschenden Publikumsstimmen. Chapeau vor dieser Inszenierung, die weder mit Stereotypen aufwartet, noch mit Gefälligkeit und leichter Konsumierbarkeit liebäugelt und vielleicht gerade deshalb die Menschen so stark berührt.


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