Mit dem Fahrrad von Berlin nach Indien? So geht’s!

Von Planetbackpack @planet_backpack

*Gastbeitrag von Thomas Jakel*

Thomas Jakel ist Initiator von Guts for Change und Co-Founder von Nonwatersanitation und Ecotoi, einem Vermieter von ökologischen mobilen Toiletten. Mit seinem Projekt Wonderpress zeigt er Menschen, wie sie ihre eigene professionelle Webseite mit WordPress bauen und ihre Ideen, Visionen und Projekte mit der Welt teilen. In diesem Artikel schreibt er über seine Fahrradtour von Berlin nach Indien für einen guten Zweck und was er dabei gelernt hat.

Zurückspulen:
Herbst 2011 – vor einer Woche bin ich von einem Kurzurlaub in Indien zurückgekommen.

Harmlose 10 Tage auf dem Subkontinent, nachdem ich einen Schnäppchenflug für 219 € hin und zurück ergattert hatte.

Es war als kurzer Erholungsurlaub gedacht – einmal Goa und zurück – nichts Besonderes.

Dass mich dieser Kurztrip nachhaltig prägen würde, konnte ich ja noch nicht wissen.

Nun sitze ich in Berlin in meiner Küche. Draußen ist es schon dunkel. Absolutes Herbstwetter.

Meine Tasse mit marokkanischem Minztee vor mir, starre ich auf meinen Laptop. Ich bin aufgeregt.

Gerade eben habe ich noch wahllos Orte auf Google Maps miteinander verbunden. Und im nächsten Moment habe ich eine Idee. Sie lässt mich vor Freude, Entzücken und Enthusiasmus strahlen.

“Wie wäre es, für ein soziales Projekt mit dem Fahrrad von Berlin nach Indien zu fahren?”

“Yeah, dude!”

Eine Woge von Begeisterung überkommt mich. Ich hatte mich bereits zu sehr in die Idee verliebt, um mich noch zu bremsen.

Die Planung

Wenn man eine derartige Idee hat, dann steht man schnell vor der Frage, wo man anfangen soll.

Was muss organisiert werden?

Wer, was, wie, wo, warum?

Und vor allem: Wie erkläre ich meinem Geschäftspartner, dass ich erst mal mit dem Fahrrad nach Indien fahren werde?

Egal, um diese Probleme kann ich mich später kümmern, oder? Oder nicht?

Wenn man eine verrückte Idee hat oder sein eigenes Projekt starten will, dann ist ein “Just do it“-Mindset meist nicht verkehrt. Ich habe in den letzten Jahren solch eine Denkart entwickelt.

Im Falle der Fahrradtour habe ich aber auch gelernt, dass man sich um einige Dinge kümmern sollte, bevor man sich für mehrere Monate mit dem Fahrrad auf den Weg begibt.

Was ich konkret gelernt habe und was ich Dir empfehlen würde, solltest Du eine ähnliche Fahrradtour planen, beschreibe ich dir im Folgenden:

1. Viva Visa!

Sich frühzeitig um seine Visa und Einreiseerlaubnisse zu kümmern, ist ein guter Startpunkt.

Ich weiß, das hört sich sehr intuitiv an, ist aber bei langen Reisen zum Teil schwieriger umzusetzen, als man es sich vorstellt.

Ich habe meinen Reisepass beispielsweise bei einer Berliner Agentur gelassen, die für mich die Visa so beantragt hat, dass sie mir den Reisepass mit meinen Visa nach Istanbul schicken konnten. Bis in die Türkei konnte ich mit meinem Personalausweis reisen.

Hätten sie die Visa zu früh beantragt, hätte ich es nicht mehr mit einem gültigen Visum nach Pakistan geschafft, da dort die Zeitspanne schon abgelaufen wäre.

Hätten sie es zu spät geschickt, hätte uns dies in unserer Weiterreise aufgehalten.

Sich als Team zu koordinieren, so dass jeder rechtzeitig seine Visa hat, stellte sich als komplizierter heraus, als ursprünglich gedacht.

Eine Möglichkeit, die die Visa Hürden etwas erleichtert, wäre es, sich einen zweiten Reisepass zu beantragen. Wenn man begründen kann, warum man diesen braucht, ist das in grundsätzlich möglich.

2. Von gepolsterten Unterhosen und Lidl-Zelten

Vor der Fahrradtour war ich besorgt, dass ich möglicherweise nicht das beste Equipment gekauft hätte.

Von verschiedenen Familienmitgliedern erntete ich laute Lacher, als ich für das gesamte Team Zelte bei Lidl kaufte. Vier Stück für sechzig Euro.

Aber zumindest bei den Unterhosen wollte ich nicht sparen. Wer weiß schon, wie schnell ich mir sonst einen wunden Hintern auf dem Sattel holen würde.

Bei mehreren Monaten auf dem Rad, wollte ich vorsorgen. Also kaufte ich mir überteuerte gepolsterte Fahrradhosen.

Das Resultat?

Die Lidl-Zelte begleiteten uns in top Zustand bis nach Indien. Sie erfüllten ihren Zweck perfekt.

Und die gepolsterten Fahrradhosen? Sie begannen nach dem ersten Tag zu reiben und bei der Fahrt zu rutschen. Außerdem waren sie mir zu eng. Ich wechselte auf meine normalen Unterhosen zurück und verschenkte die gepolsterten Gesäßschoner.

Mein Learning:

Nicht alles was professionell scheint und teuer ist, macht Sinn.

In Zukunft werde ich mich günstiger ausstatten und wenn ich auf der Reise merke, dass mir noch etwas Entscheidendes fehlt, hinzukaufen.

In einer Welt voller Technologie und Produkten mit immer mehr Hightech und diesem und jenem Feature, vergessen wir oft, dass man vor fünfzig oder hundert Jahren auch ohne diese Wunder der Technik ausgekommen ist. Und meist sogar sehr gut.

Mit diesem Bewusstsein im Hinterkopf werde ich für meine nächste mehrmonatige Radreise planen und packen.

3. Wie wichtig ist High-Tech?

Ich habe diesen Punkt schon im letzten Absatz angesprochen. Und ich denke, dass folgender Leitspruch Sinn macht:

Soviel Hightech wie nötig und so wenig wie möglich.

Was war für mich absolut notwendig?

Mein Laptop und mein Smartphone.

Was war Luxus?

Ein Batterypack, ein in den Fahrradrahmen eingelassener vom Dynamo betriebener USB Charger und ein Solarpanel.

Ich hätte noch deutlich mehr kaufen können aber ich habe in einem Moment weiser Einsicht an mich gehalten.

Letztendlich habe ich das Solarpanel nie gebraucht, das Battery Pack hat irgendwo im Iran den Geist aufgegeben und der USB Charger ist mir nichts dir nichts verrostet.

Alles was Hightech ist, ist eben auch besonders anfällig für Fehler und Macken.

Wenn Dir das nichts ausmacht und Du dich nicht ausschließlich auf die Technologie verlässt, dann sind es mit Sicherheit nette Gimmicks. Aber brauchen tut man sie nicht unbedingt.

4. Hotels und vier Sterne Tankstellen – gute und sehr gute Übernachtungsoptionen

Wenn man monatelang mit dem Fahrrad unterwegs ist, dann ist eine gewisse Kreativität nicht verkehrt, wenn es darum geht Übernachtungsmöglichkeiten aufzutun.

Als wir die Tour gestartet sind, hatten wir noch keine Ahnung, wie und wo wir auf der Tour am besten würden übernachten können. In Deutschland gingen wir noch sehr zögerlich vor. Zeltplätze und Couchsurfing waren die Optionen der Wahl.

In Rumänien kamen wir langsam auf den Trichter, dass es sich auch an Tankstellen sehr gute nächtigte. Nicht nur dass wir dort in der Regel saubere Toiletten und Snacks vorfanden, sondern von Zeit zu Zeit sogar stabiles Internet.

Im Iran hingegen schliefen wir häufiger in öffentlichen Parks. Für die Iraner war das nichts Ungewöhnliches. Die haben nämlich eine sehr ausgeprägte Picknick-Kultur und stellen sich selbst schon mal gerne ein Zelt im Park auf.

Und wenn man keine Tankstelle findet, man nicht von begeisterten Passanten spontan eingeladen wird bei ihnen zu übernachten und man meilenweit von der nächsten Pension entfernt ist, dann tut es eben auch die Isomatte und der Schlafsack auf dem weichen Ackerboden eine Feldes irgendwo in der Osttürkei.

5. Der Schlüssel ist das Team

Wenn man daran denkt, von Berlin nach Indien zu radeln, dann fällt einem bei der größten Herausforderung vielleicht nicht sofort das Miteinander im Team ein. Aber genau das war die größte Challenge.

Wenn man zu viert über ein halbes Jahr 24/7 miteinander Zeit verbringt und die Privatsphäre deutlich eingeschränkter ist, als in den eigenen vier Wänden, braucht es viel Toleranz, Mitgefühl und Ruhe, um gut miteinander umzugehen.

Bei so einer langen Reise kann man seine Schwächen und Laster nicht mehr von den anderen verbergen.

Wenn jemand ein Morgenmuffel ist, lässt sich das vielleicht noch die erste Woche verstecken und übertünchen. Aber irgendwann kommt die wahre Natur zum Vorschein. Der Rest des Teams muss sich dann darauf einstellen.

In unserem Team kam vielleicht noch erschwerend hinzu, dass das Team vor der Reise kaum Zeit hatte sich kennen zu lernen. Ich war die einzige Schnittstelle zwischen den Teammitgliedern vor unserer Abreise.

Was uns letztendlich am meisten geholfen hat, ein gutes Team zu sein, trotz Stimmungsschwankungen und Meinungsdifferenzen gut miteinander umzugehen und unsere Macken zu tolerieren, waren ausgerechnet spirituelle Hörbücher, die ich an unsere kleine illustre Truppe verteilte.

Die Hörbücher hatten auf uns alle die Wirkung eines Beruhigungsmittels und ich denke wir wurden in der Zeit alle reflektierter.

Anstatt uns bei jeder Gelegenheit in die Haare zu bekommen, konnten wir über die Fehler und Stimmungsschwankungen der anderen gelassener hinwegsehen.

Diese Hörbücher gehören bei mir von jetzt an ins Reisegepäck, sobald ich wieder eine Tour in einer Gruppe mache.

Ich hoffe, dass Dir diese Learnings helfen, wenn Du selbst eine entsprechende Tour unternehmen möchtest.

Auf unserem Blog One Day Profits schreibe ich darüber, wie man Projekte dieser Art umsetzt und Aufmerksamkeit für seine Ideen und Visionen bekommt.

Wie Du Schritt für Schritt Dein eigenes soziales Projekt startest, habe ich hier genau beschrieben.

Hast du auch eine Fahrradreise geplant? Oder schon mal eine verrückte Tour selbst gemacht? Teile deine Erfahrungen und Fragen mit uns in den Kommentaren!