Mit dem Fahrrad über den Baikalsee

Ein monotones Surren umgibt mich. Ich bin fast in Trance. Von Zeit zu Zeit senke ich meinen Blick auf das Eis. Es ist glatt wie ein Spiegel, keine Spalte, keine Unebenheiten. Ich hebe den Kopf, ein kalter Wind bläst mir ins Gesicht, die Sonne blendet. Das Westufer des Baikalsees ist einige Kilometer enfernt, die gegenüberliegende Küstenlinie lässt sich durch die Berge, die sich aus dem kalten Dunst erheben, nur erahnen. Alles, was mich und mein Fahrrad vom gut eineinhalb Kilometer tiefen Grund des Sees trennt, ist eine meterdicke durchsichtige Eisschicht. Ich trete weiter in die Pedale. Die kleinen metallenen Stifte beider Reifen bohren sich in das Eis. Und erzeugen jenes Surren, das mich alles andere vergessen lässt. Irkutsk ist weit – nicht nur geographisch, sondern auch im Kopf. Es fällt wohl nirgendwo sonst leichter, an nichts zu denken und einfach zu genießen.

An diesem Wochenende verwirklichte ich mir einen lange gehegten Traum: Eine Tour mit dem Fahrrad auf dem zugefrorenen Baikalsee. Seit meinem ersten Aufenthalt in Irkutsk im September 2009 hatte ich mich darauf gefreut. Dennoch sah es bis zum letzten Moment danach aus, als ob ich diesen Traum weiterträumen müsste. Zuerst sagte ich aus irgendwelchen banalen Gründen ab. Als ich wieder zu Sinnen gekommen war, schien es, als ob mir andere Faktoren einen Strich durch die Rechnung machen würden. Die geplante sieben-Tage-Tour mit fünf Teilnehmern und Teilnehmerinnen wurde einige Tage vor Beginn auf fünf Tage verkürzt und um eine Woche nach hinten verschoben; drei Tage vor dem Start sagten zwei Teilnehmer ab; und zwei Tage vor der geplanten Abfahrt ein weiterer. „Es sieht so aus, als ob die Tour heuer nicht zustande kommt, Fritz“, sagte mir Organisator Andrej an jenem Morgen per Telefon. „Es ist einfach ein verfluchtes Jahr.“ Meine guten Laune verabschiedeten sich augenblicklich in den Keller. Einige Stunden später allerdings hallte ein leiser Freundenschrei durch den Korridor der Uni. „Pack’ deine Sachen, wir fahren am Donnerstag.“

Gute drei Tage sind besser als gar nichts, dachte ich mir. Und die Vorfreude stieg. Ich war froh, dem Stadtdreck für ein Wochenende enfliehen zu können (entschuldige bitte, Irkutsk).

Das „verfluchte Jahr“ sollte sich jedoch mit jenem Anruf vorläufig nur bedingt zum Besseren wenden. Es begann damit, dass ich mit einer halben Stunde Verspätung zum vereinbarten Treffpunkt kam. Der Verkehr auf Irkutsks Straßen hält eben immer wieder Überraschungen bereit – für mich, jedenfalls. Denn dass man tags schlicht und einfach regelmäßig im Stau steht, diese Tatsache hatte ich in meine Zeitplanung nicht mit einkalkuliert. Ob meine Verspätung der Grund war, dass Natascha, die auf mich mit Andrej in ihrem weißen Renault wartete, kurz darauf beim hektischen Ausparken ein anderes Auto rammte, das weiß ich nicht. Jedenfalls verstrich eine weitere halbe Stunde, in der sichtlich verärgerte Besitzer beruhigt werden musste.

Auf dem Weg stadtauswärts gesellte sich noch ein weiterer Andrej zu uns. Wir fuhren weiter in einen Irkutsker Vorort und trafen dort Oleg, unseren Fahrer. Mit seiner Erfahrung als Flug- und Bergretter sollte er uns sicher über das Eis des Baikalsees bringen. Auch seine Fähigkeiten als Mechaniker sollten uns in unerwartet kurzer Zeit mehr als nützlich sein.

Ich konnte mir ein erstauntes „Oho, mit dem?“ nicht unterdrücken, als ich aus dem weißen Renault (der Nataschas famoses Manöver übrigens ohne einen einzigen Kratzer überstanden hatte) ausstieg und unser Gefährt für die kommenden dreieinhalb Tage erblickte: die Pick-Up-Version der in diesem Blog schon zu Ehren gekommenen „tabletka“ (siehe Eintrag über Ol’chon). Von der Ladefläche des für gewöhnlich unkaputtbaren sowjetischen Geländefahrzeugs (verniedlichend auch UAZik genannt) war aber nicht mehr viel zu sehen. Dessen Stelle zierte ein hölzerner Aufbau mit einem Dach aus Plexiglas – und an der linken Seite des Hecks stach ein Rohr hervor. „Damit uns nicht kalt wird“, antwortete Oleg auf meinen mit einem Grinsen unterlegten fragenden Blick und zeigte auf den (wohlgemerkt auch sowjetischen) runden Holzofen in der linken Ecke der „Panoramakabine“. Meine Begeisterung kannte nun keine Grenzen mehr. Ich kletterte auf die Ladefläche, setzte mich auf die mit Decken ausgelegte Bank, lehnte mich zurück und ließ meinen Blick über den Ofen und die in der anderen Ecke festgezurrten Fahrräder nach oben wandern und blickte durch das Plexiglas in die Sonne. Wahnsinnig sind sie, die Russen.

Kurze Zeit später fuhren wir los. Natascha leistete Oleg Gesellschaft in der Fahrerkabine, ich genoss mit den beiden Andrejs die wärmenden Sonnenstrahlen auf der umgebauten Ladefläche. „Ich fühle mich wie Gemüse im Gewächshaus“, so Andrejs (und ich meine den Teilnehmer, nicht den Organisator) passender Kommentar. Wir fuhren dahin, es ruckelte und krachte. Und uns ging es gut.

Nach einiger Zeit ruckelte und krachte es immer noch. Es wurde nur häufiger und lauter – bis wir schließlich anhielten. „Es sieht wohl so aus, als ob wir nach Irkutsk zurückfahren müssen, den UAZik dort reparieren und uns in der Nacht wieder auf den Weg machen“, verkündete Oleg nach einem kurzen Blick auf den Motorblock (oder wohin auch immer). Wir nahmen diese Nachricht mit einem Schulterzucken hin; dass in Russland alles nach Plan Laufende eher die Ausnahme als die Regel darstellt, daran habe ich mich schon lange gewöhnt. Meine Überraschung hielt sich daher in Grenzen – dass aber das Musterbeispiel stabilen sowjetischen Geländefahrzeugbaus Schwächen zeigen würde, damit hätte ich nicht gerechnet.

Wider Erwarten passierten wir aber schon zwei Stunden später jene Stelle, an der wir kehrt gemacht hatten. Der Zufall wollte es, dass wir uns in der Nähe jenes Randbezirks von Irkutsk befanden, in dem sich die beiden einzigen Geschäfte befinden, die das von uns benötigte Ersatzteil für den UAZik im Sortiment haben. Oleg kaufte gleich zwei davon (für umgerechnet zwei Euro, übrigens) und brachte das Fahrzeug im Handumdrehen wieder zum Laufen.

Es dämmerte. Irkutsk lag schon weit hinter uns, wir hielten auf unser Ziel am „maloe more“, dem „kleinen Meer“ – dem Teil des Baikalsees, der die Insel Ol’chon vom Festland trennt – zu. Mit der Sonne verabschiedete sich auch die Treibhausfunktion unserer Panoramakabine. Heizten wir aber den Holzofen an, so dachten wir, würde uns im Nu wieder warm werden. Im Grunde genommen lagen wir mit dieser Annahme richtig: der Ofen funktionierte hervorragend. Allerdings machte sich nach dem nachmittäglichen „Gemüse-Gefühl“ ein nächstes breit: das „Selchkuch-Gefühl“. Für all jene nicht mit dem Südtirolerischen Vertrauten kann ich es folgendermaßen umschreiben: der Abzug des Ofens funktionierte bei voller Fahrt nicht. So kam es, dass Andrej, Andrej und ich im dichten Rauch saßen, husteten, lachten und fluchten. Auch die geöffneten Fenster ließen den Rauch nicht abziehen. So kamen wir auf die Idee, die Tür zu öffnen. Und augenblicklich wehte uns frische Luft um die Nasen – mit dem Nebeneffekt, dass es bitterkalt wurde. Die anderen Verkehrsteilnehmer haben wir, grinsend und winkend, aber sichtlich erheitert.

Spät abends kamen wir schließlich in unserer „turbaza“ unweit des Baikalufers an. Wir aßen, tranken und besprachen die geplante Route für den kommenden Tag. Irgendwie war mein Vodkaglas immer voll.

Mein Kopf bestätigte dies am nächsten Morgen. Dessen ungeachtet sprang ich voller Elan aus dem Bett. Gute zwei Stunden später standen wir – die beiden Andrejs, Natascha, Oleg, UAZik, die Fahrräder und ich – auf dem See.

Dies ist nun schon einige Stunden her. Das Grau am Morgen hat strahlendem Blau Platz gemacht. Die Pedale beschreiben einen unendlichen Kreis, ich surre über den See. Es ist ein unvergleichbares Gefühl, das sich schwer in Worte fassen lässt. Schon der Baikalsee alleine raubt mir den Atem – es ist eine durchsichtige, weißgefleckte Fläche, die sich bis zum Horizont erstreckt und links und rechts von schneebedeckten Bergen eingerahmt wird. In regelmäßigen Abständen haben sich durch zusammengeprallte Schollen meterhohe Gebilde aus Eis geformt. Sie ziehen sich wie Nähte über den See und verursachen jenes gänsehauterzeugende dumpfe Grollen, das schon so manchen „Baikalneuling“ in Angst und Schrecken versetzt hat – mich eingeschlossen.

An jenem Tag legten wir gute 60 Kilometer auf dem Eis zurück. Als wir am Abend am Bauernhof ankamen, in dem Andrej die Übernachtung geplant hatte, war von dem Besitzer keine Spur. Lediglich die beiden Hunde und unzählige Kühe und Pferde empfingen uns. Wir warteten also drei Stunden in der Wärme des UAZiks und tranken Tee. Als der Besitzer auch nach Einbruch der Dunkelheit nicht ankam, betraten wir das glücklicherweise nicht abgeschlossene Gästehaus und feuerten den Ofen an. Das Licht der Taschenlampen brannte nicht lange – erschöpft, aber zufrieden fiel ich ins Bett.

Am zweiten Tag auf dem Baikalsee wollten wir 80 Kilometer weiter in Richtung Süden radeln. Soweit der Plan. Über Nacht aber hatte ein Schneesturm getobt; am Morgen hatte der Schneefall zwar aufgehört, der Wind blies aber unverändert stark. Nichtsdestotrotz stiegen wir auf die Fahrräder, rollten gemächlich zum Ufer – und begannen, energisch gegen den Wind in die Pedale zu treten. Nach zwei Stunden heldenhaften Kampfes jedoch beschlossen wir, unsere Fahrt im Geländewagen fortzusetzen. Ein großes Treibeisfeld und stürmische Windböen, während denen selbst bloßes Stehen schwer fiel, erleichterten uns diese Entscheidung. Dennoch hatte es durchaus seinen Reiz, diese Energie besonderer Art des Baikals zu spüren. Wir versuchten noch zwei Mal, die Fahrt auf zwei Rädern fortzusetzen. Doch vergeblich. Weder drehte der Wind, noch wurde er schwächer.

Somit erfuhr unsere Tour eine weitere Planänderung von vielen: wir beschlossen, weiter als geplant bis nach Bol’schoe Goloustnoe zu fahren, um am dritten und letzten Tag die restlichen 40 Kilometer bis nach Listwjanka und damit bis praktisch vor die Tore Irkutsks zurückzulegen – vorausgesetzt, das Wetter würde mitspielen.

Kurz vor unserem Ziel Bol’schoe Goloustnoe stellte der UAZik seine Klasse unter Beweis: Andrej, Natascha und ich dösten in der Wärme der Kabine dahin, als das Fahrzeug plötzlich, abrupt und mit einem Krachen zum Stehen kam. Irritiert blickten wir uns gegenseitig an. Natascha öffnete die Tür. „Sollen wir aussteigen?“ „Ja, sofort“, antwortete Oleg prompt. Wir sprangen von der Ladefläche. Und sahen Wasser. Wasser in flüssiger Form, das ist jenes Element, das ich AUF dem Baikalsee um nichts in der Welt sehen wollte. In mir stieg ein Gefühl von Panik hoch. Offensichtlich waren wir beim Versuch, eine Spalte zu überqueren, in die oberste Eisschicht eingebrochen; seine Vorderräder des UAZiks  standen nun zur Hälfte im Wasser. Nach einigen Versuchen schaffte es Oleg aber, das Fahrzeug aus dieser misslichen Lage wieder zu befreien. Chapeau, Oleg. Als wir dann kurze Zeit später zur Verwunderung einiger Einheimischen ein aus schroffen zusammengeschobenen Eisschollen bestehendes Feld in der Nähe von Bol’schoe Goloustnoe erfolgreich überquerten, zog ich endgültig meinen Hut vor Olegs Fahrkünsten und dem UAZik selbst.

Eine gewisse Erleichterung machte sich breit, als ich in Bol’shoe Goloustnoe wieder einen Fuß auf festes Land setzte. Wir machten uns sogleich auf die Suche nach einer Unterkunft für die letzte Nacht am Baikalsee. Die“turbazy“ (aus Bungalows bestehende Anlagen für Touristen) sagten uns nicht zu. „Wisst ihr was“, sagte Organisator Andrej, „ich kenne hier einen starik (einen alten Mann, Anm.), der uns mit offenen Armen empfängt – vorausgesetzt, er lebt noch.“

Er lebte. Und wie. Wir verbrachten einen äußerst interessanten Abend mit „djeda Kjescha“ – „Opa Kjescha“. Ich weiß nun alles über sein Leben. Und über das Leben seiner Frau. Und seiner Tochter. Außerdem weiß ich nun, wie Nerpafleisch schmeckt. Mit schlechtem Gewissen und zugekniffenen Augen biss ich in das kleine Stück weißen Fleisches der Baikalrobbe. Es schmeckte wie Butter. Probiert muss man’s haben. Mehr aber auch nicht.

Am nächsten Tag stand ich zeitig in der Früh wieder auf dem Eis. Und – wie sollte es auch anders sein – blies mir ein eiskalter Wind ins Gesicht. Dessen ungeachtet wollten wir die 40 Kilometer bis Listwjanka auf dem Drahtesel zurücklegen – ein ganzer Tag sollte dafür reichen. Doch aus dem starken Wind wurde ein Sturm. Nach zweieinhalb Stunden hielten wir an und berieten, breitbeinig stehend und gegen den Wind lehnend, ob es sich wirklich lohnen würde, weitere geschätzte fünf Stunden dagegen anzukämpfen. Eine Entscheidung war schnell getroffen.
Wir machten kehrt und ließen uns mit dem Wind innerhalb von 40 (!) Minuten zurück nach Bo’shoe Goloustnoe treiben. Von dort aus wollten wir auf dem Landweg zurück in die Stadt fahren.

Mit Wehmut stieg ich von meinem Rad. Das Surren, das hatte ich noch immer im Ohr. Auch jetzt noch. Es war ein unvergessliches Erlebnis. Danke, Papa Baikal, sagte ich mir, als ich das letzte Mal aus dem UAZik auf den See blickte, auf sein blau-weißes Eis , das zusammen mit dem braunen Festland ein irreales Bild abgab. Ich komme wieder.