Miss Hokusai

Von Pressplay Magazin @pressplayAT

Miss Hokusai

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Keiichi Hara hat die wunderbare Chance, in seinem Anime Miss Hokusai gleich zwei wenig bekannte japanische Künstlerinnen zu inszenieren, doch verschenkt er sie so indifferent wie die Figuren.

Das Herunterbrechen von Hinaku Sugiuras Manga-Serie Sarusuberi zu einer flüchtigen historischen Vignette zeigt eine bedauerliche Analogie zur Lebensgeschichte von dessen zentraler Figur. Die reale Katsushika Oi, im Film O-Ei war eine herausragende Künstlerin im Japan der späten Edo-Zeit, die ein bemerkenswert unabhängiges Leben führte. Wie im Leben steht sie nach ihrem Tod im Schatten ihres Vaters Katsushika Hokusai. Er erscheint im Film unter seinem Künstlernamen Tetsuo (Yutaka Matsushige) und seine junge Tochter (Anne Watanabe) nennt ihn einen komischen Typ.

Der anachronistische Sprachgebrauch und der willkürliche Einsatz von Popmusik soll die Story offenbar einem breiten jungen Publikum zugänglich machen. Stattdessen zerstören sie die raren Momente an Poesie und Dramatik, die in dem anekdotischen Abriss aus historischem Kolorit und Phantastik überdaueren. Regisseur Hara scheint mit der episodischen Struktur des Plots hoffnungslos überfordert. Die Charaktere bleiben blasse Skizzen am Rande irritierend kleingeistiger Kunstlektionen.

Hokusai, O-Ei, ihr aufdringlicher Verehrer Kuninao Utagawa (Kengo Kora) und der desolate Ex-Samurai Ikeda Zenjiro (Gaku Hamada), spielen das kleine Einmaleins des Malunterrichts vor: Um Kunst zu schaffen, braucht man Inspiration und Kunst ist außerdem harte Arbeit und ja, selbst große Künstler haben nicht automatisch ein sicheres Auskommen. Solche Gemeinplätze verflachen das komplexe Widerspiel von Schöpfungskraft, Produktivität und Profitabilität, in dem Sugiuras Ensemble steht. Statt die unterschiedlichen Künstlerpersönlichkeiten zu ergründen, begnügt sich der Anime mit Pauschalurteilen darüber, was gute Malerei sei. Die Arbeiten von Utagawa und Zenjiro, beide ihrerseits berühmte Maler der Edo-Zeit, werden didaktisch abgehandelt, die O-Eis nicht einmal als ebenbürtig anerkannt. Den bis heute fortbestehenden Sexismus der Kunstwelt kritisieren will Hara allerdings keineswegs. Im Gegenteil ist aus seiner Perspektive, die der Titel widerspiegelt, die Heldin vor allem relevant als Tochter eines bedeutenden Mannes. Dessen Gefühlskälte und Egoismus gegenüber O-Ei und mehr noch ihrer blinden kleinen Schwester werden als notwendige Selbstaufmerksamkeit eines Genies akzeptiert.

O-Eis Autonomie hingegen wird als Ursache ihrer vermeintlichen Unzulänglichkeit als Malerin getadelt. Ihre Akt- und Männerbilder seien schlecht, da sie selbst keinen Ehemann habe. Diese wiederholte Behauptung der männlichen Charaktere bestätigt die Handlung indirekt. Ihr erstes wertiges Bild malt sie, nachdem sie die Nacht mit einem Mann verbracht hat. Absurderweise negiert ausgerechnet das bruchstückhafte Biopic einer Künstlerin genuine weibliche Kreativität. Das Talent einer Frau muss hier buchstäblich erst von einem Mann befruchtet werden, bevor es künstlerische Früchte tragen kann.

Diesen verkrusteten Paternalismus begleitet ein mindestens ebenso bizarrer Konfessionalismus. Kunst ohne religiöse Tendenz zeigt eine spukhafte Episode als lebensbedrohlich und die Dialoge betonen mehrfach, dass man ohne Spiritualität trotz Begabung zeitlebens ein Stümper bleibe. Die philosophischen Plattitüden und konturlosen Charaktere finden kaum ein positives Gegengewicht in den begrenzten Reizen der Zeichnungen. Wenn die Bilder bekannte Werke Katsushikas und Hokusais zitieren, betont dies unabsichtlich noch deutlicher die Diskrepanz zwischen deren Harmonie und der filmischen Dissonanz.

Regie: Keiichi Hara, Drehbuch: Miho Maruo, Hinako Sugiura (Mangavorlage Sarusuberi), Synchronsprecher: Anne Watanabe, Yutaka Matsushige, Kengo Kora, Gaku Hamada, Filmlänge: 93 Minuten, DVD/Blu-Ray Release: 28.10.2016


Autor

Lida Bach

 
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