Mine is the last voice that you will ever hear

Von Bertrams

Einen Monat ist es her, dass das schreckliche Erdbeben mit Tsunami und Atomkatastrophe über Japan herein brach. In Deutschland hat sich die Lage inzwischen wieder ein wenig beruhigt. Der Alltag kehrt zurück. Damit das nicht geschieht, damit nicht einfach alles so weitergeht, möchte ich von einer Stimme erzählen.Ein warmer Sommerabend im Jahre 1984: Ich lag auf meinem Bett in meinem Zimmer in unserem Ferienhäuschen in den Niederlanden. Mein Radio lief, und ich drehte am Senderwahlknopf. Bei einem dieser kleinen belgischen Musiksender blieb ich hängen: Radio Atlantis, Radio Speedway oder Radio Veronica anders, ich weiß es nicht mehr. Sphärische Musik klang auf, ich lauschte. Als ich den Sprecher hörte, erinnerte ich mich an die Maxiversion von “Two Tribes” von Frankie goes to Hollywood, ein derzeit sehr bekanntes und beliebtes Lied. Der Sprecher klang genau wie der Schauspieler, der in “two tribes” aus einem britischen Leitfaden für den Fall eines Atomkrieges oder einer anderen Atomkatastrophe zitierte. “If your Grandma or any other member of the family should die whilst in the shelter from contamination, put them outside, but tag them first for identification purposes”, las die Stimme. Dann eine Pause, während die Sphärenmusik sich fortsetzte. Und dann die Worte, die ich mein Leben lang nicht mehr vergessen werde: “Mine is the last voice that you will ever hear. – Do not be alarmed”. Sie schienen aus dem Hintergrund zu kommen, doch bei der Wiederholung kamen sie näher. Es klang wie eine Stimme aus dem Radio. “Meine Stimme wird die Letzte sein, die Sie jemals hören werden.” Denn, so müsste der Text sich fortsetzen, und er tut es seit jenem Abend auch in meinem Kopf, “denn Sie werden Sterben durch einen Atomschlag oder einen Reaktorunfall. Gleich ist alles vorbei, konzentrieren Sie sich auf meine Stimme.” Die Bilder, Szenarien und Ideen in meinem Kopf machten sich selbstständig. Die letzte Stimme, grauenhafter Strahlentod, grenzenlose Einsamkeit am Ende eines wertlos gewordenen, vergeblich gelebten Lebens. Nichts wird man retten oder bewahren können.

Ich möchte nicht, dass irgendjemand auf der Welt an irgendeinem Tag der Geschichte so vor dem Radio sitzen muss, um die letzte Stimme seines Lebens aus dem Lautsprecher zu hören. Seit diesem Tag im Jahre 1984 hörte “Two Tribes” für mich auf, ein ganz normales Lied zu sein. Noch ein dreiviertel Jahr vorher konnte ich mich nicht entscheiden. Damals wurde im Bundestag über die Stationierung neuer amerikanischer Mittelstreckenraketen beraten. Als Anhänger der abgelösten Bundesregierung unter Helmut Schmidt war ich irgendwie für diesen Beschluss. Man musste dem Ostblock etwas entgegen setzen, denn in einer sozialistischen Diktatur wollte ich nicht leben. So ungefähr dachte ich damals, im Alter von 14 Jahren. Aber andererseits faszinierten mich die Grünen, und ich bewunderte, dass sie es schafften, so viele Menschen für Frieden auf die Straße zu bringen. Und als ich während dieser Bundestagssitzung die grüne Abgeordnete Petra Kelly sprechen hörte, die von den Schrecken in Hiroshima berichtete, wurde ich sehr nachdenklich. Der Schrecken einer Atombombe war für mich eher abstrakt gewesen, denn ich ging ja fest davon aus, dass sie nie eingesetzt werden würde.

Im Sommer 1984 dann, als in Deutschland das Strategiespiel “Fulda Gap” gespielt wurde, in dem es um einen Atomkrieg auf deutschem Boden ging, und als ich dieses kleine Stück Musik im Radio hörte, packte mich das Grauen. Und es hat mich seither nicht verlassen.

“Mine is the last voice that you will ever hear. – Do not be alarmed.” Und wir sind selbst schuld. Wir sind schuld, wir alle, die wir uns nicht energisch genug gewehrt haben. Schon greift wieder die allgemeine Lethargie um sich, einen Monat nach dem schrecklichen Erdbeben, dem Tsunami und der Atomkatastrophe in Japan. Noch vor drei Wochen hat man in Deutschland aus Angst ums eigene Überleben wie verrückt Geigerzähler gekauft, heute freut man sich vermutlich wieder auf die britische Traumhochzeit am Monatsende. Aber: “Mine is the last voice that you will ever hear. – Do not be alarmed!”

Japan kann überall sein. Heute gehen in Marburg vermutlich noch 600 Menschen gegen Atomkraft auf die Straße, vor 3 Wochen waren es 850. In 3 Wochen werden es 300 sein. Und damit ist Marburg noch richtig gut dabei, in Berlin und anderen Großstädten waren es weniger. Natürlich: Den Atomtod sieht man nicht, wenn er kommt, er ist nicht greifbar, und die Medien haben mit ihrem Getöse ohne Inhalt ein Übriges getan. Schon kann die Politik wieder zurück rudern. Wenn das Moratorium vorbei ist, wird kaum noch jemand etwas gegen die wieder eingeschalteten Kraftwerke haben, außer den ewig unzufriedenen Berufsdemonstranten natürlich.

Während man hier wieder den gewohnten Tätigkeiten nachgeht, erhöht sich in Japan immer noch die Radioaktivität. Das Problem ist nicht ausgestanden, weil im Augenblick kein Reaktor explodiert. Mit der Kernschmelze fängt das eigentliche Problem erst an, es ist danach nicht vorbei. Warum begreifen die Menschen das nicht? Ich jedenfalls werde mich dagegen stellen, dass alles wieder einfach im Alltagseinerlei verschwindet. Auch wenn es gegen das Format ist, auch wenn es nervt: wenn ich eine Sendung bei Ohrfunk moderiere, selbst eine Musiksendung, wird ein Hinweis auf die Atomgefahr nicht fehlen. Es soll nämlich nerven! Es soll aus dem täglichen Unterhaltungsbrei reißen, denn es ist fünf vor zwölf, oder eigentlich noch etwas später.

Atomkraft ist weder die Energiequelle der Zukunft, noch eine Brückentechnologie. Sie ist der Fluch der Menschheit. Und nur ein risikofreudiger Charakter, dessen Geldgier gesellschaftliche Verantwortung nicht zulässt, kann sie befürworten und betreiben. Atomkraft muss weg, denn sie behindert die Entwicklung wirklich neuer und nachhaltiger Energiequellen. Die aber brauchen wir, wenn wir irgendwann in einer gewissen Sicherheit leben wollen. Mit dem Atommüll haben wir ohnehin genug zu tun für die nächsten 100.000 Jahre.

Ich habe diesen Abend nie wieder vergessen. Aus meinem eigenen Radio schallte mir eine Stimme entgegen: “Mine is the last voice that you will ever hear. – Do not be alarmed.” Eine plötzliche Schrecksekunde, ein kalter Schauer, und vor meinem geistigen Auge entstand eine plastische Szene. Ich, am selben Ort, mit dem selben Radio, am selben Abend. Eltern und Nachbarn schon von den tödlichen Strahlen dahin gerafft, nur die Vögel singen noch in den umliegenden Sträuchern. Mit jedem Atemzug sauge ich den Tod ein, den schnellen Tod, denn ich habe die Atombombe zwar überlebt, oder den Reaktorunfall, werde aber binnen weniger Stunden an Strahlenkrankheit sterben. Wird mir da nicht schon schlecht, als ich im Radio diesen ruhigen Sprecher höre, den Mann, der eine Sendung zur Beruhigung der totgeweihten moderiert? Eine Sendung, damit wir nicht so allein sind? Irgendwo aus einem Tiefbunker in der Eifel vielleicht? “Meine Stimme ist die letzte, die Sie je hören werden, bitte bleiben Sie ruhig.” – Und vielleicht sagt er noch: “Sie sind nicht allein.” Und in mir schreit es. Warum habe ich gelebt? Warum habe ich für irgendetwas gekämpft? Warum waren überhaupt Menschen bemüht, die Welt zu verändern, wenn doch spätestens seit 40 Jahren, seit dem Abwurf von Hiroshima und Nagasaki, alles vorherbestimmt war?

An diesem Abend habe ich endgültig den Unsinn atomarer Nachrüstung, ja überhaupt atomarer Waffen begriffen. Abschreckung? Welch ein Hohn. Es war, das sage ich auch heute noch, nicht die Abschreckung, nicht die Rüstung, die uns gerettet hat. Oder nur sehr zynisch indirekt. Die hohen Rüstungsausgaben zwangen die Sowjetunion zu einer Neuausrichtung ihrer Politik, und so kam Michail Gorbatschow an die Macht. In diesem Sinne hatte die Atomrüstung ihren verqueren Sinn. Nein: Die Abschreckung hat den kalten Krieg nicht beendet, und die Atomreaktoren haben uns nur in einer Hinsicht eine strahlende Zukunft beschehrt.

Als ich mich an diesem Abend im Sommer 1984 von meinem Schauder erholte, wusste ich, wie sehr die Menschheit mit dem Feuer spielt. Einige Jahre später habe ich dann das sehr gute Buch “Die Wolke” von Gudrun Pausewang gelesen. Es erzählt die Geschichte eines Mädchens, das bei einer Reaktorkatastrophe seine Familie verlor und sich die kommenden Monate durchschlagen musste. Es war eine sehr plastisch geschilderte Geschichte, bei der ich viele Male schlucken musste. Das ist keine abstrakte Unwirklichkeit. Wenn in Biblis geschieht, was in Fukushima geschah, ist es praktisch Wirklichkeit geworden. Ich habe oft darüber nachgedacht, was ich in einem solchen Moment tun würde, wo die ganze Stadt flieht, wo die Geschäfte geplündert werden, wo es keinen Platz mehr in den Zügen gibt, wo eine Massenpanik um sich greift. Ich glaube, ich würde einfach zuhause bleiben und resignieren müssen. Wer würde sich schon mit einem, oder gar zwei, blinden Menschen bei seiner Flucht beladen?
Und dann könnte es sein, dass ich an einem schönen, sonnigen Tag, an dem die Vögel draußen in den Sträuchern singen, vor dem Radio sitze, vielleicht mit einer Tasse Kaffee neben mir. Vermutlich kann ich das Radio nur dank der Batterien betreiben, die ich habe, denn der Strom dürfte ausgefallen sein. Und vielleicht finde ich dann einen Sender mit einer Stimme, die mir sagt: “Mine is the last voice that you will ever hear. – Do not be alarmed!”

Atomkraft? – Nein danke!