Michael Römling: Schattenspieler

Schattenspieler von Michael Römling

Es gibt Bücher, die liebe ich bereits wenn ich noch nicht einmal den ersten Satz gelesen habe. Schattenspieler ist eines davon. Grund dafür ist der wunderschöne Umschlag mit einer Grafik darauf und einem Straßenplan des damaligen Berlins als Einband darunter.
Kann man sich davon endlich losreißen und schlägt das Buch auf, so sieht man einige Fotografien von Straßenszenen und Soldaten im Berlin des Nationalsozialismus. Schon vor dem Lesen kann man die Stimmung im Buch so wunderbar einfangen.

Das Buch beginnt während der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs in Europa. Berlin liegt in Schutt und Asche und die Rote Armee steht kurz vor dem Einmarsch in die damalige Reichshauptstadt. Der Krieg ist verloren, was allerdings bei weitem nicht jeder auf den Straßen auch wahrhaben will.
So werden jüdische Mitbürger wie Protagonist Leo, der mehrere Jahre von seinem Freund Wilhelm vor der SS versteckt wurde trotz der bevorstehen Kapitulation noch gejagt und bedroht. Auf der Flucht durch Berlin läuft er nicht nur einem Trupp russischer Soldaten in die Arme, sondern lernt auch Friedrich kennen, einen Jungen in seinem Alter und Sohn eines hochrangingen SS Mannes. Unterschiedlicher könnten die beiden Jungen also nicht sein und trotzdem freunden sie sich schnell an.

Während Leo sich nach der Kapitulation erst einmal wieder an seine Freiheit gewöhnen muss, ist Friedrich gezwungen sich mit den Taten seines Vaters auseinander zu setzen. Zwar hat er diesen seit Jahren nicht mehr gesehen, doch nach und nach kommt Licht hinter dessen Machenschaften.
Als Friedrich dann einen Brief von seinem Vater bekommt, nehmen die Dinge seinen Lauf. Er und Leo sind im Begriff einen unvorstellbar wertvollen Kunstschatz mitten in Berlin aufzuspüren und ahnen dabei nicht, wer oder was ihnen da bereits im Nacken sitzt und dies verhindern will.

Jedes Kapitel endet mit einem Cliffhanger, bei denen man sich mehr als einmal wirklich zusammenreißen muss um nicht vor zu blättern, da man einfach zu neugierig ist, wie es denn weitergeht. Die allwissende Erzählperspektive ist sehr clever gewählt, da sie noch zusätzlich Spannung erzeugt und man tatenlos zusehen muss, wie sich Leo und Friedrich da in ein Abenteuer stürzen, welches gleichzeitig höchste Lebensgefahr für sie bedeutet.

Die Stimmung im zerstörten und besiegten Deutschland wird unglaublich authentisch beschrieben. Michael Römling schafft es nicht nur Tatsachen mit Fiktion zu vermischen, sondern hat auch die Vorboten des Kalten Krieges auf seine ganz eigene Weise ins Spiel gebracht.
Die Spannungen, die sich damals bereits zwischen den Siegermächten aufbauten sind so auch in diesem Buch deutlich spürbar. Dabei verzichtet der Autor fast völlig darauf, Szenen und Situationen zu bewerten. Er stellt niemanden in einem ausschließlich guten oder schlechten Licht dar. Nicht die Nazis oder die deutsche Bevölkerung, nicht die Russen und auch nicht die Briten und Amerikaner. Etwas, das gerade für ein Jugendbuch meiner Meinung nach sehr wichtig ist.

Die beiden Hauptfiguren Leo und Friedrich hingegen beziehen klar Stellung, sowohl ihre Vergangenheit als auch ihre derzeitige Situation betreffend und das abwechselnd auf eine sehr einfühlsame, traurige, stellenweise aber auch lustige Art und Weise. Leo, der seine Familie durch den Holocaust verloren hat und Friedrich, der sich von seinem Vater lossagt.

Zum Nachdenken haben mich nach dem Lesen vor allem der Titel und das Cover gebracht. Ein Junge, vielleicht Leo, dessen Schatten vor etwas davonrennen will oder muss. Oder ist es Friedrich, der dem Schatten seines Vaters entkommen will? Wer ist der Schattenspieler? Steht der Titel am Ende für den Plural und es sind die verschiedenen Mächte gemeint, die im Dunklen ihre Strippen ziehen? Steht die Grafik dafür, dass alles immer zwei Seiten hat?
Habe ich da nur etwas Offensichtliches übersehen bzw. überlesen oder ist es so gewollt, dass man Titel und Cover auf vielerlei Hinsicht interpretieren kann? Ich selbst finde da keine Antwort. Selbst dem Raben könnte man eine Funktion als Überwacher, Beobachter oder Verfolger zuschreiben.

Schattenspieler ist auch, aber bei weitem nicht nur durch diese grandiose Aufmachung ein außergewöhnliches und nicht nur für Jugendliche interessantes Buch. Fakt und Fiktion werden wunderbar vereint und die Geschichte durch die beiden Hauptfiguren zum Leben erweckt, sodass man sich am Ende wünscht, dass es tatsächlich so geschehenen ist.

 

★★★★★

Manchmal kann man nicht lange überlegen. Da kommt es auf Reflexe an. Und dann gibt es zwei Sorten von Leuten: Die einen wehren sich und die anderen ducken sich. Und wenn es mehr von den einen und weniger von den anderen gäbe, dann hätten wir den ganzen Schlamassel jetzt nicht.
S. 139


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