Melanchourlaub mit Shlohmo – die neue EP ‘Vacation’.

Erstellt am 6. März 2012 von Stereopol

Shlohmo – ‘Vacation’
VÖ: 20.02. – Friends of Friends

 
Der große Analytiker der Traumlandschaften Sigmund Freud versteckte ein Schlomo zwischen Vor- und Nachnamen. Oder ist es doch eher eine Abwandlung von slomo, der Kurzform für Slow-Motion, die Henry Laufer seinen Künstlernamen Shlohmo finden ließ. Auf der aktuellen EP vereint der Künstler jedenfalls beide Seiten und taucht seine traumwandlerischen Slow-Motion-Klänge in gedämpftes Licht.

Ursprünglich aus Los Angeles gelangte Shlohmo schnell ins Umfeld von Flying Lotus umtriebigem Brainfeeder-Label, dessen von HipHop geprägte Instrumental-Sound-Ästhetik sich deutlich auf dem letztjährigen Debutalbum ‘Bad Vibes’ wiederfindet. Mit dem Album und einem im Zuge dessen abgebrochenen Studium im Koffer machte er sich auf nach New York. Dort brodelt seit einiger Zeit das jetzt auch endgültig nach Europa herübergeschwappte SloMo-Elektro-Feuer, also sehr ruhige, einem TripHop-Gestus nicht unähnliche elektronische Spielarten, im Umfeld des Wolf + Lamb Labels und Vertretern wie Soul Clap oder Nicolas Jaar.
Dieser Einfluss schlägt sich nun auf ‘Vacation’ nieder, da die dort zu findende, nach eigener Aussage nächtliche Hinterhofmusik, deutlich stärker im Downbeat-Bereich angesiedelt ist, als das Album.
Zuletzt schlug Shlohmo mit einer Bearbeitung von Burials ‘Shell of Light’ und dem Remix der Kollaboration zwischen The Weeknd und Drake Wellen im Blogmeer.

Der Opener ‘The way you do’ erinnert noch etwas an den Brainfeeder-Sound, wenn auch in slomo. Der Song klingt ziemlich post-dubsteppig und erinnert mit seinem schönem Break an den Genreposterboy James Blake oder Jamie XX. Danach entschleunigt der „schnellste“ Song der Ep , bevor gepitchte Vocals einsetzen, die dann so verzerrt werden, dass sie letztlich wie ein Gitarrensolo klingen.

Auf ‘When uuu’ orgelt ein Synthesizer eine hintergründige Melodie, bevor R&B Vocal-Samples über dem Beat-Gerüst aus einer Hi-Hat und dem, an einen stark tropfenden Wasserhahn erinnernden Geplätscher, einsetzen.

Bei der dritten Neuproduktion ‘Rained the whole time’ formieren sich Nintendo-Sounds wie Lego zu Beat-Bausteinen und bauen damit eine Villa von einem Song, auf die es Glastropfen regnet und in deren Keller irgendwo jemand auf einem Holzstuhl sitzt und Blues-Gitarrenlicks nach oben schickt.

Die Flipside bietet zudem noch einen dubsteppigen Remix von Salva, der ‘When uuu’ zwar nicht ganz clubtauglich umbaut, mit einer tragenden Synthiefläche aber die ganz großen Gefühle in den Vordergrund rückt.
Airhead liefert mit seiner Variante von ‘The way you do’ den Soundtrack für eine lange Bahnfahrt, bei der sich der Blick nie von den grauen Landschaften hinter dem beschlagenen Fenster lösen kann, bevor der bereits erwähnte  Nicolas Jaar wiedereinmal unter Beweis stellt, dass er schlicht unfähig ist, Remixe zu fertigen, die nicht alles Andere   in den Schatten stellen. Seine Version von ‘Rained the whole time’ liefert also das dunkle Highlight eines so schon sehr guten Mini-Albums. Jaar fügt dem Song wie schon bei seinem ‘Darkside’-Projekt, eine analoge Gitarre hinzu, die mit  sanft gestrichenen Mollakkorden dem über vereinzelte subsonische Bässe fließenden Song ein mehr an Wärme gibt,  bevor dieser unter Wasser taucht, nur um kurze Zeit später als Beatskelett wieder aufzuerstehen. Die typische Jaar-Gitarrenfigur mit anschließendem Break und die, zum Ende hin einsetzenden, schwimmenden Vocalschnippsel sind nur noch die Glasur auf diesem schwarz-schimmernden Meisterstück jaarscher Leerstellenelektronik.

Sieben Songs, ein Sound: für nächtliche Streifzüge.

Johannes Hertwig