„Meinen Geburtstag feiere ich schon lang nicht mehr“, sagte der Klient.

Von Rkoppwichmann

Bild: AigarsR, iStock.com

Hilft es, seinen Geburtstag nicht zu feiern, in der Hoffnung, dass man so nicht altert? Vermutlich nicht. Warum mein Klient das trotzdem seit Jahren so hielt, lesen oder hören Sie hier.

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„Tolle Location hast Du hier, alle Wetter!“, sagte der Mann, nachdem er sich in den Sessel hatte fallen lassen.
Nach einer Schrecksekunde antwortete ich: „Ich wüsste nicht, dass wir beim Du sind.“
„Ach, sieh das nicht so eng, ich duze alle Leute. Ist in der Musikbranche so üblich.“
„Aber ich gehöre nicht zur Musikbranche und bitte Sie, beim ‚Sie“ zu bleiben.“

Der neue Klient, Tom L., in meinem 3-h-Coaching war an die fünfzig Jahre alt, Studiomusiker und hatte seine Lederjacke neben den Sessel auf den Boden geworfen. Ich spürte einen leichten Ärger und fand das ein wichtiges Zeichen, weil es mir selten nach einer Minute mit einem fremden Menschen so geht.

„Und Ihre Jacke können Sie gerne an der Garderobe aufhängen“, bemerkte ich.
„Von meiner Lederjacke trenne ich mich nie. Die liegt sogar nachts neben meinem Bett“, erwiderte er.
„Aber ich merke schon, Du bist ein ganz Ordentlicher!“

Meine Geduldsgrenze war erreicht und ich forderte ihn nochmal auf, mich nicht zu duzen.
„Okeeehh, okeeehh, also nur per Sie. Wie heißt es doch, der Klügere gibt nach …“
„Der Klügere? Eher der Schwächere“
gab ich zurück.

Plötzlich blitzten seine Augen angriffslustig: „Ich der Schwächere? Wie meinst du … wie meinen Sie das?“
„Na, dies ist meine Praxis, Sie sind hier Gast und ich habe das Hausrecht.“


„Man kann nicht nicht kommunizieren.“

Das ist das bekannte erste Axiom von Paul Watzlawick über Kommunikation.

Man kann nicht nicht kommunizieren, denn jede Kommunikation (nicht nur die mit Worten) ist Verhalten. Und genauso wie man sich nicht nicht verhalten kann, kann man nicht nicht kommunizieren.“

Normalerweise verwickle ich mich nicht mit Klienten zu Beginn eines Coachings in solche Machtkämpfe. Dass sich das hier so mit Tom L. entwickelte, nahm ich als einen ersten Hinweis auf ein mögliches Lebensthema.

Ich empfand den Duzversuch des Klienten und seine Rechtfertigungen dazu als distanzlos und überlegte, was dahinterstecken könnte. Das 5. Axiom von Watzlawick lautet: Kommunikation ist symmetrisch oder komplementär. Damit ist gemeint, dass Beziehungen zwischen Partnern entweder auf Gleichheit oder auf Unterschiedlichkeit basieren.

  • Verläuft die Kommunikation symmetrisch, so sind die beiden Partner gleich stark. Sie streben nach  Gleichheit und Verringerung von Unterschieden. Sie „spiegeln“ sich praktisch.
  • Sind die Abläufe dagegen komplementär, gibt es immer einen „überlegenen“ und einen „unterlegenen“ Partner. Die Partner „ergänzen“ sich in ihrem Verhalten.

Doch was kommunizierte mir der Klient mit seinem Auftritt? Und was verriet mir meine Reaktion auf ihn über sein Lebensthema.


Distanzlosigkeit als ein Ablehnen von Grenzen.

Distanzloses Verhalten von Klienten kommt selten vor in meiner Coachingpraxis, aber wenn es passiert, ist es deswegen umso eindrücklicher:

  • Ein Klient macht sich im Wartezimmer, das auch als private Kaffeeküche dient, ungefragt ein Getränk.
  • Ein Klient bringt seinen Hund mit und geht wie selbstverständlich davon aus, dass der Hund während der Sitzung im Wartezimmer bleiben kann („Der ist ganz brav!“)
  • Mitten in einer Beratungsstunde klingelt es. Trotz des Schilds „Nicht stören!“ platzt eine mir unbekannte Frau in meinen Praxisraum, um zu fragen, wann meine Sprechzeiten wären, sie hätte ein dringendes Problem.

Aber auch in anderen Kontexten lässt sich distanzloses Verhalten beobachten:

  • Unpassendes Anreden
    „Wie geht’s denn meinem Schätzelein heute?“ erkundigt sich der ältere Mann bei der Praktikantin.
  • Ungefragtes Einmischen
    „So funktioniert das nie!“ meint die Kollegin, die dem Mitarbeiter über die Schulter auf den Monitor schaut.
  • Lästereien,  unsittliche Berührungen usw.
  • Aufdringliches Betteln in der Fußgängerzone durch Anfassen, Einreden, Verfolgen, in den Weg stellen.
  • Manspreading: eine bestimmte Art des breitbeinigen Sitzens von Männern in öffentlichen Verkehrsmitteln.
  • She-bagging: Frauen, die mehrere Sitze in Bus  oder U-Bahn mit ihren Beinen oder Taschen belegen.

Distanzlosigkeit kann man natürlich auch als Gedankenlosigkeit, mangelnde Höflichkeit, Rücksichtslosigkeit verstehen. Doch wenn man es genauer betrachtet, steckt mehr dahinter.

Viele Grenzen sind ja nicht sichtbar. Wieviel Platz man in der U-Bahn einnehmen darf, wie weit man seine Füße ausstrecken darf, wieviele Gepäckstücke man unterbringen darf, wie laut die Musik aus den Kopfhörern dringen darf – all das ist nirgends genau geregelt, weil das auch nicht praktikabel wäre.

Es braucht dazu die Tugend der Rücksichtnahme, des Sich-Einfühlens in den anderen und manchmal das höfliche Nachfragen („Stört es Sie, wenn ich mein Paket hier abstelle?“)

Doch was geht in Menschen vor, die sich distanzlos benehmen?


Bild: Elvert Barnes, flickr.com

Distanzloses Verhalten ist eine Machtdemonstration.

Dabei geht es immer um Aggression. Das merkt man schon daran, dass der Betroffene meist irritiert, genervt oder wütend reagiert, wohingegen der Distanzlose sich dessen gar nicht bewusst ist und überrascht ist, wenn man ihn darauf anspricht.

Das passiv-aggressive Moment darin wird aber deutlich, weil der Distanzlose auf sein Verhalten angesprochen nicht zurückweicht, betroffen reagiert oder sich gar entschuldigt. Meist reagiert er verständnislos, unterstellt einem mangelnden Humor oder übertriebenen Ordnungssinn oder versucht, einem Schuldgefühle einzureden.

  • Distanzlose Menschen nehmen sich Rechte heraus, die ihnen nicht zustehen. Von denen sie aber glauben, dass sie darüber verfügen.
  • Sie stellen unangemessene Forderungen und versuchen, auch bei Widerstand, diese mit Charme, Überredungskunst oder Androhung von Konsequenzen durchzusetzen.
  • Sie dringen in Ihre private Sphäre ein durch Telefonate, allzu neugierige Fragen oder Beobachtungen Ihres häuslichen Umfelds.

Distanzlosigkeit kann man auch als Versuch sehen, auf keinen Fall der Unterlegene zu sein.

Wer zum ersten Mal in meine Praxis zum Coaching kommt, ist meistens aufgeregt, weil ihn beschäftigt:

  • Wie ist der Coach?
  • Wie wird er mich empfangen?
  • Was wird er mich fragen?
  • Was werde über mich herausfinden?
  • Wird es überhaupt gut werden?

Er hat also wenig Kontrolle über die Situation, muss vertrauen, dass ich ihn gut behandle.

Diese „Unterlegenheit“ vermeidet der Distanzlose, indem er versucht, den Anderen zu überwältigen. Er denkt. „Wenn ich dir ganz nah komme, hast du wenig Spielraum, kannst dich nicht bewegen – und mir gefährlich werden.“


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Und jetzt geht es weiter im Podcast.

Bild: Beth Scupham, Flickr.com

Warum jemand seinen Geburtstag nicht feiert.

Im Vorbereitungsbogen erwähnten Sie, dass Sie Schwierigkeiten im Job haben. Was meinen Sie damit?“
„Das finden nur meine Partnerin und die Leute, mit denen ich arbeite“,
antwortete Tom L. „Ich bin Studiomusiker, arbeite als Schlagzeuger für unterschiedliche Projekte. Und zu den Aufnahmeterminen komme ich beispielsweise immer zu spät. Nicht viel aber meistens so eine Viertelstunde. Das ärgert die anderen, die finden das respektlos.“

„Und finden Sie Ihr Zuspätkommen?“
Der Klient grinste: „Ich bin Künstler, kein Buchhalter, kein Beamter. Das ist eben meine künstlerische Freiheit. Ich reg mich ja auch nicht auf, wenn einer mal zu spät kommt oder mich versetzt. Take it easy, ist da mein Wahlspruch. Das Leben ist zu kurz, um sich über sowas aufzuregen.“

„Apropos, Leben zu kurz. Wie alt sind Sie eigentlich?“, wollte ich wissen.
„Ist das so wichtig für Sie? Ich bin über vierzig, sage ich immer.“
„Warum machen Sie daraus so ein Geheimnis?“ fragte ich.
„Seit meinem vierzigsten Geburtstag feiere ich nicht mehr. Es ist für mich ein Tag wie jeder andere. Ich habe mal in einem Buch über positives Denken gelesen, dass einen das Feiern des Geburtstages mental älter macht. Seitdem sage ich mein wahres Alter nicht. Man ist so alt, wie man sich fühlt, oder?“

„Der Vogel Strauß könnte Ihr Wappentier sein“, bemerkte ich dazu.


Die ersten Erfahrungen mit Grenzen machen wir als Kind.

Wenn wir geboren werden, sind wir darauf angewiesen, dass unsere Bedürfnisse Nahrung, Schutz usw. verlässlich befriedigt werden. Einfach weil wir als Kind abhängig sind und nicht für uns selbst sorgen können.

Erst mit der Zeit können Kleinkinder lernen, dass andere Menschen auch Bedürfnisse haben oder manche Dinge gefährlich sind und es deshalb Grenzen gibt. Das Kind muss also lernen, seine Bedürfnisse aufzuschieben, die Bedürfnisse anderer wahrzunehmen und die Grenzen anderer und auch eigene Grenzen zu respektieren. Dies ist ein langer, mühsamer Weg!

Auch die Eltern und Geschwister müssen die Grenzen des Kindes wahrnehmen, ernst nehmen und respektieren. Wenn es nicht gut läuft, erlebt das Kind früh, dass seine Grenzen unwichtig sind und nicht beachtet werden. Hier einige Beispiele:

  • Ein Kind solange sitzen lassen, bis es aufgegessen hat
  • Ein Kind „stehenlassen“ (z.B. sich etwas anderem zuwenden, wenn das Kind zum wiederholten Male etwas erzählt)
  • Jede körperliche Gewalt wie Ohrfeigen, Kopfnüsse, Schläge mit Hand oder Gegenstand.
  • Sexualisiertes Verhalten gegenüber Kindern und Jugendlichen im Kontakt zulassen.
  • Missachtung der Intimsphäre und Belastbarkeit von Mädchen/Jungen oder unangemessene Sanktionen,

„Sie sagten zu Beginn, dass Sie keine Grenzen akzeptieren. Wir kommen Sie zu dieser Ansicht!“ fragte ich Tom L.
.
„Ha!“, lachte er bitter. „Wie ich dazu komme? Weil ich früh lernen musste, dass wer die Macht hat, die Grenzen anderer immer verletzen kann. Wenn mein Vater betrunken nach Hause kam, was oft vorkam, gab es immer Ärger und Schläge. Und mein ältester Bruder stand ihm in nichts nach. Er verdrosch mich, wenn er schlechte Laune hatte. Und in der Schule ging es so weiter. Die größeren Jungs hatten mich oft auf dem Kieker und quälten mich.“

„Das muss fürchterlich gewesen sein“, sagte ich. „Wie haben Sie das überstanden?“
„Ich habe mich untergeordnet. Versucht, nicht aufzufallen. Meine Wut runtergeschluckt. Was blieb mir anderes übrig?“
„Vermutlich war das damals die einzige Überlebensstrategie. Und später?“

„Ich bin mit vierzehn von zu Hause abgehauen. Lebte ein paar Jahre auf der Straße. Kam in Kontakt mit Drogen und hab auch gedealt. Gerettet hat mich die Musik. Jemand schenkte mir sein altes Schlagzeug. Und da konnte ich meinen Frust ausdrücken. Gründete mit zwanzig meine erste Band. Und schwor mir eines … wollen Sie wissen, was das war?“


Wie Lebensthemen entstehen.

Lebensthemen entstehen durch Beziehungserfahrungen die wir in frühen Jahren machen. Entweder in Form von Erlebnissen oder Aussagen, die emotional so prägend sind, dass sie maßgeblich das Selbstwertgefühl des Kindes beeinflussen und es zwingen, dafür eine geeignete Strategie zu finden, um damit umzugehen oder fertigzuwerden. Und dabei sind die Möglichkeiten immer begrenzt.

Wer wie mein Klient früh erlebt, dass seine Grenzen nicht wahrgenommen oder respektiert werden, hat nur wenige Alternativen:

  • Er kann versuchen, die Situation zu verlassen.
  • Er kann sich unterordnen, gehorchen, sich unterwerfen.
  • Er kann versuchen, selbst kräftig und mächtig zu werden, sodass andere Respekt bekommen.
  • Er kann Beziehungen, in denen er sich abhängig fühlt vermeiden.

Die letzte Strategie hatte Tom L. gewählt.

„Ich glaube, ich weiß, was Sie sich als junger Mann geschworen haben“, versuchte ich seine Frage zu beantworten.
Aber der Klient kam mir zuvor.
„Ich habe mir geschworen, dass mir niemand mehr sagt, was ich tun oder lassen soll. Dass mir niemand mehr zu nahe kommt. Dass mir nichts und niemand mehr eine Grenze setzen kann!“

„Noch nicht mal der Kalender“, sagte ich.
„Hä?“
„Na ja, der Kalender erinnert Sie jedes Jahr daran, dass Sie wieder eine Altersgrenze erreicht haben. Aber Sie versuchen ihn auszutricksen, indem Sie Ihren Geburtstag nicht feiern.“

„Sie können aber auch aus allem ein Problem machen“, stöhnte der Klient.


Wirksames Coaching muss unter die Haut gehen.

Da die Erfahrungen, die zu einem Lebensthema geführt haben, in der Regel vergessen oder verdrängt wurden, ist es nicht so leicht, dieses zu identifizieren. Mit Nachdenken oder im Gespräch mit Freunden kommt man nicht darauf.

Unbewusste Inhalte entziehen sich der rationalen Analyse. Deswegen ist es in einem wirksamen Coaching entscheidend, dass der Klient den Ursprung seines Verhaltens emotional erkennt.

Dazu braucht es im Coaching, wie ich es anwende und in meiner Fortbildung lehre, zwei Elemente:

  1. Die Achtsamkeit des Klienten.
    Unser Alltagsbewusstsein ist kein wirksames Mittel, um tiefere Ebenen unseres Selbst zu erfahren und zu verändern, denn unser Alltagsbewusstsein nutzt gerade diese tiefen Schichten für seine gewohnheitsmäßige Selbstorganisation.
    Deshalb stehen wir beim Ringen um Veränderung oft an dem Punkt, dass wir das Problem mit dem Verstand durchaus gut erkennen, aber die Lösungsversuche funktionieren nicht.
    An dieser Stelle hilft uns Achtsamkeit.
  2. Ein Experiment, das den inneren Konflikt für den Klienten erlebbar macht.
    Über sich selbst und seine Themen nur zu sprechen, hat Grenzen. Oft ist das Fühlen und Erleben entscheidender. Es ist spannend und viele Grundmechanismen offenbaren sich wie von selbst, wenn wir uns auf die Erfahrung einlassen, das Erlebte genau zu untersuchen und mit dem Gesamtsystem der Psyche in Beziehung zu setzen.Hier arbeite ich mit positiven Sätze (keine Affirmationen), bei denen der Klient seine unmittelbaren inneren Reaktionen (Körperempfindungen, Gefühle, gedankliche Reaktion) bei sich beobachtet. Solche Sätze sind zum Beispiel:
    “Du musst nicht immer alles alleine machen.”
    “Dein Leben gehört dir.”
    “Du musst nichts mehr beweisen.”
    “Es ist in Ordnung, nein zu sagen.”Wendet man den“richtigen” Satz an, erlebt der Klient oft seinen inneren Widerstand ganz direkt. Er wird vielleicht verächtlich oder traurig, erlebt eine Enge im Hals oder einen abwehrenden Gedanken “Schön wär’s!”

Durch diese Vorgehensweise kann der Klient unmittelbar – und vor allem emotional, nicht durch Nachdenken, seinen inneren Konflikt erkennen.

Es wurde Zeit, dies auch bei Tom L. anzuwenden und ich sagte zu ihm, nachdem er die Augen geschlossen hatte und achtsam geworden war:

„Ich bitte Sie, mal den Satz zu sagen: »Ich befreunde mich mit Grenzen«

„Willst Du mich verarschen?“ war die prompte Reaktion des Klienten.
Ich wertete die heftige Reaktion als Zeichen, dass wir den richtigen Punkt getroffen haben und blieb sachlich:
„Wie meinen Sie das?“

„Ich habe ein Leben lang gegen Grenzen gekämpft. Für mich gibt es keine Grenzen. Alles ist möglich. Mein Wahlspruch ist „Geht nicht, gibt’s nicht“. Es gibt immer einen Ausweg! Grenzen sind mein Feind, ich werde mich nie damit befreunden!“

Tom L. hatte sich in Rage geredet, so sehr hatte ihn dieser eine Satz verstört. Denn er war das genaue Gegenteil seiner Lebensstrategie, die er bisher praktiziert hatte. Er war getrieben von der Angst, daß seine Grenzen wieder verletzt werden könnten, dass er Grenzen insgesamt verleugnete.

Doch sind Grenzen immer schlecht?


Wenn Grenzen zwischen Realitäten verschwimmen.

Warum Grenzen notwendig sind.

Wozu brauchen Hausbesitzer Zäune?
Oder Länder Staatsgrenzen?
Oder Büros Türen?
Oder Parkplätze Nummernschilder?

Wie wäre es, alle Grenzen niederzureissen?
Sind wir nicht alle gleich?
Gehört die Erde nicht allen?

Warum betonen Bayern so sehr die Verbundenheit zu ihrer Heimat?
Warum tragen Fußballer Trikots mit dem Vereinslogo?
Warum fährt der Chef nicht mit dem Fiat 500 ins Büro?

Weil wir nicht einfach nur existieren wollen.
Sondern zeigen wollen, wer wir sind.
Und das geht nur über Unterschiede – nicht über Gleichmacherei.
Deshalb wird beim Eintritt ins Zen-Kloster jedem der Kopf geschoren.

Die Verneinung „Das bin ich nicht“ reicht nicht.
Wir brauchen die Grenze. Sie definiert die Identität.

Was als Grenze taugt, ist beliebig. Denn Grenzen sind nicht objektiv.
Sondern willkürlich bestimmt oder das Ergebnis von Verhandlungen:
„Sie verlassen Nordrhein-Westfalen“, erinnert das Schild an der Autobahn.

Grenzen geben Sicherheit und Identität.
Deswegen lieben wir Rebellen, die Grenzen sprengen.
Aber sie folgen demselben Muster.
Sie definieren ihre Identität durch das Überschreiten der Grenzen.

Innerhalb der Grenzen zu bleiben?
„Unmöglich!! Ich bin doch kein Spießer!“


Wie verändert man ein Lebensthema?

Das unbewusste Lebensthema zu identifizieren, ist der erste Schritt. Das wühlt den Klienten meistens ziemlich auf. Weil er erkennt, wie unfrei er bisher lebte. Wie sehr ein Teil der Anstrengung in seinem Leben daher kommt, dass er gegen eine Erfahrung kämpft, die er in Kindheit und Jugend erlebt hat.

Oft ist der Klient dann erst mal ratlos. Das alte Verhaltensmuster taugt nicht mehr, aber ein neues ist noch nicht in Sicht. Dann kommt meist die Frage: „Und was mache ich jetzt?“

Als mich Tom L. das fragte, antwortete ich:

„Es wäre schon mal gut, wenn Sie ein Stück erwachsener werden, anstatt dauernd gegen Realitäten zu rebellieren.
Jeder Mensch hat Grenzen. Grenzen der Kraft, der Belastbarkeit, der Motivation. Jeden Abend kommen Sie an eine Grenze, wenn Sie müde werden und schlafen wollen und …“
Der Klient unterbrach mich: „… das hat mich früher auch genervt. Dass mich mein Körper zwingt, ins Bett zu gehen. Mit den Drogen war das anders, aber das war keine Lösung. Dann probierte ich aus, jede Nacht nur vier Stunden zu schlafen aber das hielt ich nicht lange durch.“

„Und alle Menschen haben persönliche Grenzen, die es zu respektieren gilt. Das fällt Ihnen schwer, weil Sie das früher anders erlebt haben. Und heute rächen Sie sich dafür, und übertreten die Grenzen anderer. Duzen mich, obwohl ich es nicht will. Sind unpünktlich und lassen andere warten.

Sie machen dasselbe wie Ihr Bruder. Kümmern sich nicht um die Grenzen anderer.“

Der letzte Satz machte Tom L. betroffen. Er verstand plötzlich, wie die Demütigungen seines Vaters und des Bruders bis heute sein Leben auf ungute Weise mitbestimmt hatten.

„Wie hieß der Satz nochmal, der mich so aufgeregt hat?“, fragte der Klient.

Das Gehirn mag keine Veränderungen, denn die kosten zusätzliche Energie. Das Gehirn fährt am liebsten in den gewohnten Bahnen. Deshalb ist ja Veränderung auch oft so schwer. Dass Tom L. den Satz vergessen hatte, war kein Gedächtnisproblem, sondern eher ein Zeichen dafür, dass die neue Information noch zu bedrohlich war.

„Was erinnern Sie denn noch von dem Satz?“ wollte ich wissen.
„Irgendwas mit Grenzen.“
„Ich befreunde mich mit meinen Grenzen.“

Tom L. dachte nach. „Und wenn ich das nicht will? Mich mit meinen Grenzen befreunden?“
„Dann werden Sie sie weiterhin bekämpfen, so wie Sie das schon fünfundvierzig Jahre machen.“
„Und dann?“
„Dann werden Sie weiterhin immer mal Ärger mit anderen bekommen, aber den Kampf gegen die Realität von Grenzen werden Sie verlieren. Auch wenn Sie weiterhin jeden Geburtstag ausfallen lassen, werden Sie die Grenzen, die das Leben zieht, trotzdem spüren.“


Nach einem Dreivierteljahr bekam ich eine Postkarte von Tom L. Nach der Sitzung wäre er in ein depressives Loch gefallen, weil er erkannte, wie schlecht er andere und sich selbst behandelt hatte. Dann habe er beschlossen, etwas zu ändern und begann, pünktlicher zu werden. Er kam sich zwar wie ein Spießer vor, aber bekam auch weniger Ärger. Auch probierte er aus, rote Ampeln und andere Geschwindigkeitsgebote zu beachten. Dadurch sei sein Leben etwas ruhiger geworden, was er schätze.
Und er lud mich zu seinem 51. Geburtstag ein.

Ich schrieb ihm, dass mich seine Fortschritte freuten und wünschte ihm ein fröhliches Fest.


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PS: Alle Fallgeschichten sind real, aber so verfremdet, dass ein Rückschluss auf meine Klienten nicht möglich ist und die Vertraulichkeit gewahrt bleibt.


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