Meine Menstruation

Irgendwann im frühen Januar. Meine Mutter sagt: „Ich fahre ja bald zur Kur, und sicherheitshalber will ich mit Dir nochmal genauer über die Periode sprechen. Vielleicht ist es ja noch nicht so weit, aber wenn ich weg bin, und es passiert doch, will ich dass Du vorbereitet bist.“

Ich bin 11 Jahre alt, es ist wenige Monate vor meinem 12. Geburtstag. Ich weiß, was eine Periode ist, aber ich bin nicht mal 12. Pff, ich hab doch noch Jahre Zeit.

Wir gehen an den Schrank, in dem meine Mutter unsere Handtücher und einen Vorrat an Hygieneartikeln aller Art lagert. Da liegen auch ihre Tampons und Slipeinlagen, und ich kenn die, aber ich habe ja nicht damit zu tun.

„Ich habe für Dich diese ganz dünnen Binden mit Flügeln gekauft. Die verrutschen nicht so schnell. Und Mini-Tampons, falls Du keine Binden verwenden magst.“

Meine Mutter findet Binden schrecklich. Die dünnen Binden sind ganz neu auf dem Markt in Deutschland, ganz anders als die dicken Wattebretter, die ich aus dem Biologie-Buch kenne.

Die erste ihrer Art

Kurze Zeit später, noch bevor meine Mutter zur Kur fährt, ist es so weit. Meine Periode ist da. Meine Mutter schreibt:

In meiner Klasse bin ich die erste. Und bald soll es zum Schüleraustausch nach Frankreich gehen, für 3 Wochen! Was ist, wenn ich dort meine Periode wieder bekomme? Ich frage meine französische Korrespondentin in einem Brief, ob sie auch schon Ihre „règle“ hat. Ja, hat sie. Puh. So bin ich immerhin nicht „die Einzige“.

12 Jahre alt, Sommerferien, ich fahre auf eine Kinderfreizeit nach Bayern. Im Gepäck jede Menge Tampons. Von den Binden hatte ich im Alltag schnell genug. Mein erster Versuch mit Tampon scheitert jedoch kläglich, so dass ich, mit nacktem Unterkörper und Fuß auf dem Badewannenrand, nach Mama rufe. Sie kommt und guckt, wir versuchen es mit einem neuen und Vaseline. Es klappt.

Camp Gyno mit 12

Meine Menstruation

12 Jahre alt

Auf der Freizeit sagt ein 14jähriges Mädchen zu mir: Ich würde auch so gern schwimmen gehen, aber ich habe meine Periode. Ich sage: Ich benutze Tampons, damit kann ich auch schwimmen gehen. Ihre Mutter erlaubt keine, aber sie ist neugierig und ich gebe ihr einen meiner Tampons ab. Sie kommt von der Toilette wieder und das Einführen war kein Problem. Etwa eine Stunde später kommt sie wieder zu mir. Das sei ja keine gute Idee, das würde ja total weh tun beim rausnehmen. Ich frage sie, ob der Tampon denn schon voll war oder warum sie ihn rausgenommen hat.

Sie sagt, sie musste doch pinkeln. Eine verlegene junge Betreuerin muss ihr nun auf mein beharrliches Erklären bestätigen, dass Vagina und Harnröhre zwei Ausgänge sind, die voneinander unabhängig funktionieren. Das wusste sie nicht. Ich denke an meine Mutter. Wir haben einige Schwierigkeiten miteinander, Pubertät und Leben eben. Und doch bin ich ihr in dem Moment das erste Mal ganz bewusst dankbar. Für ihre offene Art und dafür, dass Ihr keine Frage zu unangenehm scheinen konnte.

Menstruationsentwicklung und die Pille

Meine Menstruation

16 Jahre alt

Als ich etwa 15 Jahre alt bin, habe ich meinen ersten Freund, mit dem ich Sex habe. Obwohl meine Mutter immer auch über Sex und Verhütung offen mit mir gesprochen hat, habe ich mich erst nicht getraut zu ihr zu gehen und so sitze ich am Frühstückstisch und erzähle Ihr, dass meine Periode 2 Tage überfällig ist. „Hattet Ihr denn Sex?“ „…“ „Und was machst Du, wenn Du schwanger bist?“

Wie gemein! Woher soll ich das denn wissen? Meine Periode kommt wenige Stunden später. Wir gehen zusammen zur Frauenärztin, und ich bekomme die Pille verschrieben. Ich bin, auch wenn ich sonst in meinem Leben chaotisch bin, sehr penibel mit meiner Pille. Die Reaktion meiner Mutter hat mir eine lebenslange Angst vor Schwangerschaft eingeimpft – nicht weil sie ein Drama draus gemacht hat oder mich gar verurteilte.

Sondern weil ich verstanden hatte: Wenn ich schwanger bin, wird die Konsequenz, welche auch immer es ist, meine sein. Eine Verantwortung, die ich dann nie wieder abgeben kann. Es macht also keinen Sinn, kleinen Mädchen zur ersten Periode einzuimpfen, sie seien jetzt eine Frau. Diese Erkenntnis kommt noch früh genug, und beeindruckend genug.

Verantwortung ist nämlich sonst nicht so meins.

Als ich über 21 bin und die Pille selber zahlen muss, lasse ich sie phasenweise auch mal weg, wenn ich nicht in einer festen Beziehung bin oder wirklich gerade kein Geld habe. Solange ich die Pille nehme, ist meine Periode ferngesteuert, planbar, das finde ich gut. Später nehme ich eine Pille, die keine Pause für die Abbruchblutung benötigt, und ich lebe mehrere Jahre ohne Periode und bin ganz zufrieden damit. Bis auf die Depressionen – aber dass diese eventuell durch die Hormone kommen können, weiß ich damals noch nicht. Hat mir kein Arzt jemals gesagt.

Aber zwischen meinem 20. und 30. Lebensjahr spielt meine Periode eine untergeordnete Rolle im Leben. Es ist eben etwas, an das ich mich gewöhnt habe, das praktisch allen anderen Frauen die ich kenne genauso geht, ich bin also lange nicht mehr die erste in der Klasse.

Besuch von Tante Rosa und andere Grauslichkeiten

Meine Mutter sagte immer „Periode“. Ich sagte meist „meine Tage“ und wenn jemand Begriffe „Erdbeerwoche“ oder „ich hab meinen Scheiß“ benutzte, fand ich das amüsant und peinlich. Auch vor meinen Partnern verheimliche ich nie meine Menstruation. Ich glaube, auch wenn #masculinitysofragile damals noch kein Ding war, so war mir immer klar: Ein Partner, der es mit einer Persönlichkeit wie mir aushält, hält es auch aus, wenn ich von Krämpfen geplagt, motzend und weinend auf der Couch liege, nach Wärmflaschen verlange und mir Smarties und Ibuprofentabletten abwechselnd einwarf.

Feminismus, Kinderwunsch, Menstruation

Ich wusste immer, dass ich mal Mutter werden will. Nicht, weil ich unbedingt in einem pastellfarbenen Kleid auf einer Parkbank sitzen und meinen „supisüßen Kugelbauch“ streicheln wollte. Meine Mutter hat, trotz all der Liebe die sich für mich hatte, nie beschönigt, dass Mutter sein hart ist. Insbesondere mit einem Menschen wie mir, sturköpfig, impulsiv, kreativ. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Kinder anders sein können als ich. Lange Jahre hatte ich Schuldgefühle, dachte, ich sei ein „schlechtes Kind“ gewesen weil ich nicht schlief, und meine Mutter einfach nicht mehr konnte und sich gegen ein weiteres Kind entschied. Immer hatte ich das Gefühl, ich sei selber schuld an meinem Einzelkind-Dasein.

Vor einigen Wochen saß ich mit meiner Mutter am Esstisch, trank Kaffee und sagte: „Ich dachte immer, ich sei ein Kind, das schlecht geschlafen hat. Heute weiß ich, dass ich ein Mensch bin, der nicht gut schläft.“ Diese Erkenntnis versöhnte mich mit mir, der Erwartung ans Kinderhaben (ich habe einfach keine besondere).

Meine Menstruation

Partners in fucking everything.

Dass ich mich nun nebenher immer mehr mit feministischen Themen beschäftigte und #livetweetyourperiod zu einem wichtigen Verarbeitungsinstrument wurde, machte es ein bisschen leichter, aber irgendwie auch komplizierter. Neben der Tatsache, dass ich ein Mensch bin, der nicht gut schläft, bin ich auch ein Mensch, der es nie schafft, es sich im Leben mal leicht zu machen. Mein Partner, ebenfalls ein Mensch mit Bock auf Kind. Kinderwunsch. Wenige Monate nachdem wir ein Paar wurden, wurde meine Menstruation zum ersten Mal in meinem Leben mein Feind, denn ich hoffte, sie würde einfach mal wegbleiben. Ich machte NFP, maß meine Temperatur und beobachtete meinen Körper, der so funktionierte wie er sollte, nur dass ich einfach nicht schwanger wurde.

Oh, die Ironie!

Da hatte ich nun diesen Partner, und nun kann der nicht eben mal Kinder zeugen. Obwohl er wirklich gern würde. Und alle Ansichten, die ich so in Bezug auf Kinder habe, teilt. Und meine blöde Periode kommt jeden Monat. Und ich befinde mich mit dem Thema des Kinderwunsches in einer rosaroten Wattewelt, in der Menschen „Kiwu“ haben und deren Vorstellung größtenteils vom Kinderkriegen auf der Phantasie von Pastellkleid, der Parkbank und dem versonnenen Bauchstreicheln lebt.

Und weil wir nun technische Hilfe brauchen, kann ich nicht mal die Pille nehmen, um mich nicht mit der ganzen Sache nicht rumplagen zu müssen – und da meine Zyklen nun regelmäßig und ungestört sind, dauern sie nur 25 Tage statt 28. Einmal im Monat? Pff.

Menstruation als Job.

Ich fing an, eine Menstruationstasse zu verwenden. Marketing dafür zu machen. Lernte viele Modelle kennen, machte Direktberatungen für Shades of Pink. Menstruation wurde zu meinem Beruf, ein bisschen nach dem Motto: Es ist da, ich kann es für mich gerade nicht verbessern, aber ich kann insgesamt die Situation verbessern. Zwei Schritt vor, statt ein Schritt zurück. Dem Monster in den Schlund blicken. Was gutes aus dem Schmerz entstehen lassen.

Im Urlaub letzten Jahres beschlossen mein Partner und ich, eine automatische Beratungs-App zu bauen, um die aufwändigen Einzelberatungen zu minimieren, und ja, auch um Menstruierende vor dem Blindkauf der Drogerietassen zu bewahren. Ich hatte über ein Jahr lang Menstruation gelebt, geatmet, gesprochen. Und während wir langsam anfingen, das Konzept für unseren Tassenfinder zu entwickeln, gingen wir durch einen weiteren ICSI-Zyklus, der damit endete, dass ich meine Periode bis zum heutigen Tag nicht mehr getroffen habe.

Tassenfinder Banner

Wunder

Für manche der größte Wunsch, für manche der blanke Horror. Für mich irgendwas dazwischen. Bis heute, denn meine Menstruation, die Funktion meines Körpers, eine Schleimhaut aufzubauen und sie bei Nichtgebrauch wieder abzustoßen, ist dafür verantwortlich, dass in meinem Bauch gerade eine Person ensteht, die mich in die Rippen tritt. Ich fand immer, die Formulierung „Wunder“ für das ausbrüten eines Fötus zu verwenden, verklärte den Prozess, aber während ich diese Geschichte schreibe, wird mir klar: Es ist ein Wunder.

Egal, ob wir als Menstruierende unseren Körper dafür nutzen wollen oder können, ein Kind auszutragen. Denn ja, es gibt Menstruierende, die keine Kinder austragen können, obwohl sie wollen. Das ist die harte Realität – und ich mit der Geschichte dieses Kindes weiß das, und genau deswegen ist Wunder irgendwie auch das richtige Wort.

Zukunft:

Meine nächste interessante Erfahrung nach der Geburt wird der Wochenfluss sein. Und dann sehen wir mal weiter. Bis dahin werden wir weiter daran arbeiten, das Stigma zu bekämpfen. Wenn mein Kind so als ist wie ich jetzt, will ich nicht, dass es noch Nachrichten an den Tassenfinder-Account gibt, die zum Beispiel „Meine Mutter erlaubt mir keine Menstruationstasse“ lauten. Ich will, dass wir eine Generation großziehen und wachsen lassen, für die das Thema nicht „Mädchensache“ ist, sondern die auch die Menschen ohne Menstruation (umgangssprachlich: Jungs und Männer) gut informiert, qualifiziert, ohne verschämtes Kichern oder der Idee, man müsse sie schonen.

Und deswegen auch genau heute, genau zu diesem Tag, nämlich dem Menstrual Hygiene Day, dieser Artikel. Wir als (werdende) Mütter spielen so eine zentrale Rolle in der Aufklärung unserer Kinder über dieses Thema, lasst uns eine Müttergeneration sein, die es für selbstverständlich hält, über die Periode zu sprechen, wie meine Mutter es bereits vor über 20 Jahren tat.

Wer es bis hierhin geschafft hat: Danke für’s Lesen. Und hier gibt’s noch ein kleines Gewinnspiel anlässlich des Menstrual Hygiene Day.

Meine Menstruation

Lisa hat übrigens auch was zum #MHD17 geschrieben, und ich möchte mich an dieser Stelle auch bei Frau Shopping für Ihre wiederholte „Werbung von Herzen“, wie sie es nennt, bedanken.
Für mich geht es, wenn alles klappt, innerhalb der nächsten 14 Tage so langsam in die Elternzeit bzw. den Mutterschutz. Eine Vertretung habe ich schon im Auge, und wenn alles spruchreif ist, gibt es auch dazu in den nächstne Tagen ein Update.

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