Mein Fahrrad und ich – Part 2.1: Sankt Martin oder die Geschichte mit dem Mantel

Ich frage mich, was ich gestern gesagt habe. Vielleicht habe ich dich Schrotthaufen geschimpft. Gedacht habe ich das schon öfter, aber ob ich es laut gesagt habe? Jedenfalls nimmst du dir wacker ein Beispiel am heiligen Martin und teilst deinen Mantel. Nicht mit mir, du teilst ihn einfach. Weil du´s kannst, schätze ich, weil das das ist, was die cool kids immer sagen, wenn sie irrationale Dinge tun.  

Mein Fahrrad und ich – Part 2.1: Sankt Martin oder die Geschichte mit dem Mantel

Irrational finde ich auch die Zettelsammlung im Mietshauskeller, die mittlerweile um die Botschaft „Bitte Kellerlicht ausschalten“ ergänzt wurde. So fühlt sich der „Bitte Kellertüre abschließen“-Zettel nicht mehr so einsam.  

Beim Blick auf den vergilbten, älteren der Zettel fällt mir wieder ein, dass deine Mäntel im Vergleich zu den neuen Schläuchen auch ganz schön alt aussahen. Und das ist wohl auch der Grund, warum der alte Mantel den neuen, dritten 12-Euro-Schlauch aufgerieben hat. Es ist Zeit für neue Mäntel, die in Summe mehr wert sind als du zum Einkaufspreis. Ich hoffe, du weißt das zu schätzen. 

In einer groß angelegten Aktion montiert der Freund dich beinahe bis zur Unkenntlichkeit auseinander. So völlig nackig ohne deine Mäntel frierst du bestimmt, deshalb haben wir sogar einen alten Teppich im Keller ausgelegt, der sich als schützende Barriere zwischen dir und dem kalten Betonboden befindet. Ich hoffe, du weißt auch das zu schätzen.  

Die neuen Mäntel sind nicht so schön wie die alten. Das hatte ich schon beim Kauf gesehen, aber jetzt, wo du sie an deinem lila-weißen Körper trägst, fällt das doch noch mal deutlich stärker auf. Sie sind dunkler und viel zu hart für dein rosig-rostiges Erscheinungsbild. Die alten Mäntel hatten einen weißen Streifen, das war optisch geschickter. Irgendwie schmeichelhaft. Ich hoffe, du nimmst mir den Kauf nicht übel.  

Zur Entschädigung fahre ich mit dir zum Rhein und schließe die Kellertüre nicht ab. Wir kommen ja eh gleich wieder. Auf dem Weg zum Rhein frage ich mich, ob ich damit Minuspunkte bei der Karmapolizei sammle, weil ich die Nachbarin mit Absicht ärgere. Du fährst wie geschmiert und mit neuen Mänteln und dem dritten neuen 12-Euro-Schlauch und ich bin ein bisschen stolz, dass wir das zusammen überstanden haben und dass ich mich so gut um dich gekümmert habe. Und ich denke, meine Fürsorge wiegt die Karmaminuspunkte wieder auf. 

Wir fahren etwa 20 Minuten den Rhein rauf, dann kenne ich mich nicht mehr aus. Also kehren wir um, den Rhein wieder runter, uns kommen Menschen entgegen, die wir auf dem Hinweg überholt haben. Ich mache dabei ein geschäftiges Gesicht, damit es so aussieht, als wären wir in einer Mission unterwegs und nicht nur so zum Spaß. Ich glaube aber, die Leute merken das gar nicht. 

An diesem Tag lerne ich zwei Dinge: Neue Fahrradmäntel sind ganz schön teuer. Und ich muss unbedingt mal Bonn erkunden. 

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Dieser Beitrag ist Teil meiner Fahrradgeschichten, die im Rahmen der Blogparade I want to ride my bicycle erscheinen.Mein Fahrrad und ich – Part 2.1: Sankt Martin oder die Geschichte mit dem MantelHier geht es zurück zu Part 2: Peng!
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